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Aline Abboud neue "Tagesthemen"-Moderatorin:In die erste Reihe

Pressebild Aline Abboud

Aline Abboud spricht von sich selbst als "Halblibanesin mit Ostberliner Migrationshintergrund".

(Foto: Thomas Gutberlet/ZDF)

Die ZDF-Moderatorin Aline Abboud wechselt zu den ARD-"Tagesthemen". Sie ist Nahost-Expertin und die erste in der DDR geborene Frau auf diesem Posten.

Von Moritz Baumstieger

Nicht wenige Journalisten versuchen, sich in den sozialen Medien zumindest ein wenig von ihren Arbeitgebern zu distanzieren. "Hier privat" steht dann gerne in ihren Profilen - so privat, wie man es in der digitalen Ersatzöffentlichkeit nur eben sein kann. Damit niemand ihre persönlichen Posts als offizielle Mitteilungen des Arbeitgebers missinterpretiert, hat die Moderatorin Aline Abboud eine andere Formulierung gewählt: "Kein ZDF-Account", liest man auf ihrem Konto auf Instagram. Darunter: Viele Bildkacheln, auf denen Abboud in bunten Blazern vor einer mattblauen Weltkarte steht und freundlich in die Kamera lächelt.

Die Aussage "Kein ZDF-Account" wird auch in Zukunft nicht falsch sein, Abboud wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach dennoch ändern. Denn wie der NDR am Montag mitteilte, wechselt die 33 Jahre alte Journalistin zur ARD. Das Design der Weltkarte, vor der sie ihre Blazer trägt, wird dann minimal anders aussehen, das Logo des Senders blau statt orange leuchten. Dennoch wird Abbouds Bühne eine ganz andere sein: Anstelle des Formats heute Xpress wird Aline Abboud dann im Wechsel mit Caren Miosga und Ingo Zamperoni die Tagesthemen moderieren.

Bislang hechelte sie in zweieinhalb Minuten durch die Schlagzeilen

Anstatt in zweieinhalb Minuten durch die Schlagzeilen zu hecheln, wird Abboud dann in der Regel mehr als eine halbe Stunde Zeit haben, um ihr Publikum durch die Lage im Land und der Welt zu führen, bevor sie es in jene "geruhsame Nacht" verabschiedet, die an der Stelle einst Ulrich Wickert so gerne wünschte. Für Außenstehende wirkt Abbouds Wechsel von Mainz nach Hamburg also wie ein ziemlicher Karrieresprung, für ihren künftigen Arbeitgeber ARD ist es eine Gelegenheit, endlich mal wieder einen Zugang zu verkünden und nicht nur Abgänge. Tagesschau-Veteran Jan Hofer, Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis, Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay: Zuletzt hatten die Newsformate der ARD selbst Nachrichten produziert, vor allem dadurch, weil ihre Moderatorinnen und Moderatoren zur privaten Konkurrenz wechselten.

In der ARD-Nachrichtenmaschine fühlten sich manche der Topkräfte nicht ausreichend beachtet, ein Branchendienst sprach von einer "gescheiterten ARD-Talentförderung". Das wollte ARD-Chefredakteur Oliver Köhr so nicht auf sich sitzen lassen, er sagte in einem Interview mit der Münchner tz: "Offenbar gelingt es uns, Talente zu finden und zu fördern"; die Ausbildung bei der ARD nannte Köhr "einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag für den Erhalt des Qualitätsjournalismus".

Dass sich die ARD und ihre Hauptnachrichtenformate mittlerweile als Talentschmiede und Ausbildungsbetrieb verstehen, wollte der Chefredakteur damit wohl eher nicht sagen - doch der Eindruck blieb, dass die ARD mittlerweile kapitulieren muss, wenn finanzstärkere Spieler auf dem Markt auf ihr Spitzenpersonal zugehen. Dazu passte, was vergangene Woche die Grande Dame der Tagesschau sagte, Ex-Sprecherin Dagmar Berghoff: "Wenn man überlegt, dass man für eine 20-Uhr-Ausgabe 257,35 Euro bekommt, ist das schon wenig Geld." Die ARD beeilte sich zu korrigieren, dass Berghoff nicht ganz richtig und der aktuelle Satz immerhin 17,04 Euro höher liege, die Moderatoren bei der 20-Uhr-Ausgabe der Nachrichten auch nicht selbst schreiben, sondern nur präsentieren müssten. Ob das bei deutlich lukrativeren Anfragen von Sendergruppen wie RTL oder Pro Sieben Sat 1 den Unterschied macht, darf dennoch bezweifelt werden.

Für Aline Abboud scheint die Chance, in die erste Reihe der deutschen Nachrichtenmoderatorinnen aufzusteigen, trotz all dieser Nebengeräusche attraktiv zu sein - befragen konnte sie die SZ dazu nicht, mit anderen Medien will sie erst über den neuen Job sprechen, wenn sie ihre Aufgaben beim ZDF voll erfüllt hat. ARD-Chefredakteur Bornheim freut sich jedoch auf eine Moderatorin, "die sowohl klassische Nachrichtensendungen als auch Social-Media-Nachrichtenformate für eine junge Zielgruppe moderieren kann". Zudem sei Abboud als Nahost-Expertin eine journalistische Verstärkung.

Wenn man sie schon etikettieren will, könnte man Abboud als erste in der DDR geborene Tagesthemen-Sprecherin führen

Wissen um die Kulturen und Geschehnisse in Nahost bringt Abboud einerseits durch ihr Studium der Arabistik an der Uni Leipzig mit, andererseits durch die vielen Sommer, die sie in der Heimat ihres Vaters verbracht hat. 1982 ging er aus Libanon in die DDR zum Studieren, dort lernte er Abbouds Mutter kennen. Heute stellt sich die Tochter gerne als "Halblibanesin mit Ostberliner Migrationshintergrund" vor - obwohl sie die letztere Zuschreibung lange nicht für sich zutreffend hielt. Sie ist in Berlin geboren und in Pankow aufgewachsen und war dementsprechend überrascht, als ihr eine Kollegin zu Beginn ihrer Medienkarriere ein Stipendium für junge Journalisten mit Migrationshintergrund nahegelegt habe, erzählte Abboud einmal in einem Podcast: "Hä? So was habe ich doch gar nicht." Später machte sie ein Volontariat in der Internet-Redaktion des Bundestages, arbeitete dann als Social-Media-Redakteurin bei Dunja Hayalis ZDF Donnerstalk.

Einige werden Abboud nun unbedingt in Reihe mit ihrer Vorgängerin Pinar Atalay stellen wollen, die auch als Tochter ausländischer Eltern in Deutschland geboren wurde. Wenn man Menschen schon etikettieren will, könnte man Abboud aber auch einfach als erste in der DDR geborene Tagesthemen-Sprecherin führen. Wie all das zusammengeht, konnte man jüngst bei ihr auf Instagram betrachten, dort, wo immer noch "Kein ZDF-Account" steht: Neben einem Foto eines Zwiebelmuster-Tellers mit Hackfleisch und Beilagen hatte Abboud geschrieben: "Berliner Beamtenstippe mit libanesischem Butterreis. Einfach normal."

© SZ
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