Lanz zu CoronaDahinschmelzende Ausreden eines FDP-Politikers

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Szenen einer Talkshow: Lanz (l.) : "Nein." Lambsdorff: "Doch." Lanz: "Nein."
Szenen einer Talkshow: Lanz (l.) : "Nein." Lambsdorff: "Doch." Lanz: "Nein." ZDF/Lehmann

Die Corona-Ausreden des FDP-Politikers Graf Lambsdorff schmelzen in der Hitze der Fragen von Markus Lanz. Der Moderator grillt die alte Regierung. Und holt neue Erkenntnisse aus den Gästen.

Von Marlene Knobloch

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Der Weg zur Erkenntnis ist nicht für alle gleich weit. An einem Tag, an dem in Österreich Anti-Wurm-Mittel ausverkauft ist, weil Impfgegner glauben, es helfe gegen Corona, dehnt sich die Strecke der vergangenen eineinhalb Jahre Pandemie zur Arktis-Durchquerung in Flip-Flops. Man muss es Markus Lanz angesichts der allgemeinen Déjà-vu-Dichte zugutehalten, ohne jegliche Müdigkeit, sondern mit der angemessenen Dosis Entrüstung (circa zehn Kanister) seine Gäste zur Sendung mit dem zynisch hinzugefügten Untertitel "Hilflosigkeit Teil 2" auszufragen. Bequem wird es an diesem Abend für niemanden, am allerwenigsten für Alexander Graf Lambsdorff, den außenpolitischen Sprecher der FDP, der als zukünftiger Regierungsbeteiligter bald das lose Corona-Zepter in die Hand gedrückt bekommt. Und es schafft, am Ende sogar den Talkmaster zu überraschen.

Denn Lambsdorffs Partei, in der man vor Kurzem noch vom "Freedom Day" fabulierte, wurschtelte sich vor allem mit gefühliger Freiheitsrhetorik, die weder Beschränkungen noch Impfpflicht für irgendeine Berufsgruppe will, durch die Pandemie-Politik. Der Vizevorsitzende Wolfgang Kubicki gab sich letztens besonders besorgt um den Ruf der Ungeimpften, Impfgegner würden "in eine Ecke gestellt", während man in den Nachbarländern den Kopf über Deutschlands schlechte Impfquote schüttelt. "In den letzten Wochen und Monaten war klar, was passiert, wenn wir die Impfquote nicht erhöhen. Aber es ist nicht durchgedrungen in die Köpfe der Politiker, gerade in die der FDP", sagt die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung deutlich in Richtung Lambsdorff.

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Lanz bohrt früh dort nach, wo die bittere Erkenntnis quillt: Ab wann wusste man vom Katastrophen-November? Stiko-Chef Thomas Mertens antwortet, schon im Juli sei ihm das klar gewesen. Lambsdorff gibt noch relativ freizügig zu, erst um die Bundestagswahl davon erfahren zu haben. Beide Antworten zerlegt Lanz. Warum Mertens nicht lauter geschrien hätte? Wie oft er mit Jens Spahn telefoniert habe? "Fünf bis zehn Mal", gibt Mertens zu. "Das war ja keine geheime Wissenschaft", verteidigt sich der Virologe und den Gesundheitsminister gleich mit, der sich ja "bemüht habe", als sei die Pandemie eine Matheklausur und Jens Spahn eher der Sprachen-Typ. Da klemmt Lanz die Zange enger: Derselbe Jens Spahn, der vor wenigen Wochen in der "Tagesschau" verkündete, die Pandemie sei eigentlich besiegt? Mit dem sei man im Austausch gewesen?

Auch der Stiko-Chef windet sich

Aus der Widersprüchlichkeit windet sich der immer mehr ins Seufzen und Ächzen geratende Stiko-Chef in ein absurd anmutendes Mitleid für das harte Dasein der Politiker: Die stünden ja in "einem Spannungsfeld". Lambsdorff nickt an dieser Stelle eifrig und wirft in die berührende "Es ist ja alles verdammt kompliziert"-Szene ein emotionales Lamento des gefährlichen Halbwissens: Da seien sogar "teilweise unterschiedliche Meinungen in der Wissenschaft!".

Lanz: "Nein."

Lambsdorff: "Doch."

Lanz: "Nein."

Lambsdorff: "Aber zwischen Professor Drosten und Professor Streeck gibt es doch einen Unterschied?"

Lanz: "Nicht im Kern."

Lambsdorff beharrt auf der wahnsinnigen Komplexität der Lage und skizziert die "unterschiedliche Bevölkerung". Nur, dass die Lambsdorff'sche Gesellschaft gar nicht so ungleich ist, denn primär leiden alle, ob Home-Office-Eltern, Betriebe oder Künstler, unter den Einschränkungen. Und natürlich lässt es sich Lambsdorff nicht nehmen, gegen die alte Regierung zu sticheln und erinnert daran, dass die Ampelkoalition noch sündenfrei sei und keine "Osterruhe-Debakel" verschuldet hat.

Da legt Lanz seine Moderationskarten weg, auf denen er sich sämtliche irrlichternde Aussagen von Parteikollegen notiert hat, und holt zu einem glühenden Monolog aus, der auf der überfüllten Münchner Intensivstation und nach Südtirol ausgeflogenen Patienten beginnt und mit dem Wort "GAU" endet.

Es wirkt: Plötzlich purzelt die Nachricht aus Stiko-Chef Mertens, dass man zeitnah eine Booster-Empfehlung ab 18 Jahren abgebe. Denn zurzeit gibt es nur eine offizielle Empfehlung der Stiko, die Booster zunächst Älteren ab 70 und sechs Monate nach der Zweitimpfung zu verabreichen. Und auch Lambsdorff robbt vorsichtig ein paar Zentimeter aus dem Freiheitsversteck der Liberalen hervor: Grundsätzlich sei er offen für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen.

"Ein FDP-Mann, der die Impfpflicht nicht ausschließt!", ruft Lanz und lächelt über diese doch nicht so sture FDP. Und vielleicht auch ein bisschen über sich selbst.

Marlene Knobloch ist streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit Tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffelschälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop.
Marlene Knobloch ist streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit Tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffelschälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop. Illustration: Bernd Schifferdecker
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