Al Jazeera und die Muslimbrüder Wer hetzt hier gegen wen?

Früher war Al Jazeera der einzige arabische Sender mit echtem journalistischem Anliegen - das ist jedoch vorbei. Ein angebliches "Geheimdossier" soll Absprachen zwischen Al Jazeera und den Muslimbrüdern belegen.

Von Tomas Avenarius

Solider TV-Journalismus ist das eine, gekonnte Propaganda das andere. Der Königsweg für alle arabischen Herrscher aber bleibt als Journalismus getarntes Meinungsmanagement via Satellitenschüssel: Am Golf, wo die Machthaber sich Fernsehsender halten wie andere ausgefallene Haustiere, muss der Zuschauer wissen, wem der Sender gehört - dann weiß er, was vom Programm zu halten ist. Bei Al Jazeera war das einmal anders. Der Sender aus dem Emirat Katar galt als "Stimme derer, die keine Stimme haben": Der einzige Sender, der ein journalistisches Anliegen hat.

Das ist vorbei. Inzwischen muss Al Jazeera sich gegen den Vorwurf wehren, Sprachrohr der Islamisten zu sein. In Ägypten ist die Anstalt zusammen mit den Muslimbrüdern zum Staatsfeind Nummer Eins geworden. Auch die Saudis und die anderen Herrscher am Golf lassen keine Gelegenheit aus, Al Jazeera der Parteinahme für radikale Islamisten zu beschuldigen.

Eine Zeitung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) will nun Beweise haben: Al-Raiya zitiert aus einem "Geheimdossier". Angeblich haben Redakteure und Muslimbrüder gemeinsam einen Plan entwickelt, die Jugend gegen ihre Machthaber aufzuhetzen: Mit Hilfe von Beiträgen über die Rolle der Studenten im nationalen Befreiungskampf der arabischen Staaten. "Die Unterlagen belegen die Strategie der Muslimbrüder, die Jugend und vor allem die Studenten zu manipulieren", so Mohamed al-Tunisi, Chefredakteur des VAE-Blattes. Knapper gesagt: Al Jazeera treibt die Jugend in den Aufstand.

"Völliger Unsinn"

Die Zeitung hat einen halbwegs guten Ruf, aber wirklich unabhängige Medien finden sich in den Golfstaaten kaum. Die Al Jazeera-Reaktion fällt eindeutig aus: "Völliger Unsinn. Unsere redaktionelle Unabhängigkeit und Integrität sind uns und unseren Zuschauern heilig." Das ist möglicherweise nur Teil der Wahrheit. Der Vorwurf der Parteilichkeit ist nicht neu. Al Jazeera wird schon länger vorgeworfen, zum Instrument der eigensinnigen Außenpolitik des kleinen Golfstaats und zu Lautsprecher der von Katar protegierten Muslimbrüder verkommen zu sich. Die Redaktion des Senders, der sowohl ein arabisches als auch ein eigenes englischsprachiges Programm weltweit verbreitet, ist gespalten. Viele Mitarbeiter sind mit dem oft pro-islamistischen Kurs nicht einverstanden, bekannte Journalisten haben gekündigt.

Al Jazeera verstand sich bei seiner Gründung 1996 als Sender, der sich laut seinem eigenen Motto von den linientreuen Regierungsmedien unterscheidet: "Die eine Meinung - und die andere". Das mit dem anders und ehrlich sein hat lange funktioniert, obwohl hinter Al Jazeera als Finanzier das katarische Herrscherhaus steht. Eine oft emotionale, aggressive, meist antiwestliche Berichterstattung aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak hat zur Popularität beigetragen; ebenso die Beiträge über den israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt oder den "Arabischen Frühling".

Megafon der Fundamentalisten

So wurde Al Jazeera zur lautesten und vorlautesten Stimme in der arabischen Welt. Und das, obwohl der Emir des reichsten Lands der Erde flächenmäßig ein Winzlingsreich regiert im Vergleich zum benachbarten Giganten Saudi-Arabien. Mit der Machtübernahme der Muslimbrüder in Kairo 2012 hat der Ruf gelitten und nach dem Sturz der Islamistenregierung 2013 scheint der Sender nach Meinung der Kritiker zum Megafon der Fundamentalisten mutiert zu sein. In Ägypten, wo die Armee eine anti-islamistische Regierung eingesetzt hat, konzentriert sich der inzwischen oft gewaltsame Widerstand der Muslimbrüder vor allem auch in den Unis. Dies gäbe dem Vorwurf der Zeitung aus den Emiraten Gewicht, falls er sich denn wirklich belegen lässt.

Der Konflikt zwischen Al Jazeera und dem neuen ägyptischen Regime geht inzwischen jedenfalls so tief, dass ein Team des englischsprachigen Al-Jazeera-Arms samt dem australischen Korrespondenten Peter Gerste und dem Kairoer Bürochef Mohamed Fahmy in einem Hotel festgenommen und ins Gefängnis geworfen wurden. Der Prozess läuft. Die Anklage gegen die "Marriott-Zelle": "Unterstützung einer Terrorgruppe".