"After Life" auf Netflix:Ein Mann wie ein Kaktus

Lesezeit: 2 min

"After Life" auf Netflix: Ricky Gervais und Penelope Wilton in "After Life".

Ricky Gervais und Penelope Wilton in "After Life".

(Foto: Ray Burmiston/Netflix)

Ricky Gervais flucht und tobt durch die dritte und letzte Staffel seiner Netflix-Serie "After Life".

Von Lisa Oppermann

Man muss ihn schon mögen, diesen Ricky Gervais. Mit seinem zynisch-verschrobenen Grinsen und dieser nie enden wollenden Wut in sich. Er ist ein Meister darin, Menschenhass charmant und Rücksichtlosigkeit witzig aussehen zu lassen. Denn tief drin, da ist er ein Guter.

Mit diesen scheinbaren Gegensätzen spielt auch die dritte und letzte Staffel von After Life. Die Netflix-Serie - Gervais hat sie geschrieben, Regie geführt und die Hauptrolle gespielt - erzählt die Geschichte von Tony. Er ist Lokaljournalist in einer englischen Kleinstadt und glaubt, nach dem Tod seiner geliebten Frau Lisa seinen Lebenssinn verloren zu haben. Mehr als einmal ist es seine Schäferhündin, die ihn davon abhält, Suizid zu begehen. Irgendwer muss sie ja füttern.

After Life erzählt vom Verlust. Es gibt wenige Serien, die so sehr mit der Wahrnehmung ihres Protagonisten verschmelzen. Die Zuschauer sehen kaum mehr als das, was Tony sieht. Seine verbalen Eskapaden, wenn er eine Kollegin dafür aufzieht, an Astrologie zu glauben, wenn er einen adipösen Kollegen immer wieder als "eklig" beschimpft, wenn er einen Mann rüde beleidigt, der am Nebentisch etwas zu laut mit seinem Kleinkind spricht. Und wir sehen die Momente, in denen Tony plötzlich weich wird. Wenn er auf dem Sofa die alten Videos anschaut, in denen Lisa und er sich Streiche spielen, wie man es sonst nur von verliebten Teenagern kennt. Oder wenn er auf der Friedhofsbank vor ihrem Grab mit einer Frau über den Sinn des Lebens philosophiert.

Andere Menschen haben neben dieser Verzweiflung kaum Platz. Das ist zwar der Kern der Erzählung, aber auch ein bisschen schade für die Dramaturgie. Denn all die skurrilen Nebenfiguren, die durch Tonys englische Kleinstadt wandeln, hätten selbst das Zeug, eine eigene Serie zu tragen. Tonys Schwager Matt, der ältere Bruder von Lisa, der als Chefredakteur des kleinen Lokalblatts ständig versucht, es allen recht zu machen. Der versucht, seine kriselnde Ehe zu retten und Tony das Leben wieder lebenswert zu machen. Oder der verschrobene Postbote, dessen Romanze mit einer Prostituierten sich so wunderbar schrullig entwickelt. Und Emma, die Pflegerin, die sich um Tonys Vater kümmert, und mit der er sehr nah an so etwas wie Liebe kommt.

Die Nebenfiguren bleiben eine Hintergrundkulisse für Tonys Trauer

Doch letztendlich lässt Tony niemanden von ihnen so richtig an sich heran. Eine Beziehung mit Emma kann er nicht zulassen, weil er noch zu sehr an Lisa hängt. Der einzige Moment, in dem Tony sagt, das Leben sei vielleicht doch lebenswert, ist, als er seinen auf einer Leiter stehenden Schwager so erschreckt, dass der unter Kisten vergraben auf dem Redaktionsboden landet. Alle Menschen, die er für seine Artikel interviewt, sieht er durch die Linse des eigenen Schmerzes. Die zwei jungen Schwestern, eine an Krebs erkrankt und die andere, die sich mit ihr die Haare abrasieren lässt. Das alte Paar, das erst nach Jahrzehnten wieder zueinanderfindet. Tony sieht in ihnen nur sich und Lisa. Sie alle bleiben eine Hintergrundkulisse, die Tonys Trauer illustriert.

Und so springt diese Staffel, wie schon ihre Vorgänger, zwischen den Extremen: Von beinahe menschenverachtend bösem Humor, hinter dem eine schmerzhafte Traurigkeit zu liegen scheint, zu Momenten des Kitschs. Diesen Momenten, in denen der Tony, der einige Tage zuvor noch einen Kaktus durch die Scheibe eines fahrenden Autos geworfen hat, als "Engel" in den Himmel gelobt wird. Kurze Momente von: Alles wird gut. Nach drei Staffeln des sprunghaften Hin und Her ist das aber schwer zu glauben. Denn weder Tony noch die Serie finden eine gesunde Mitte. Und so fühlt man am Ende vor allem Mitleid. Für Tony, aber auch für all die Menschen, die Tag für Tag seine Statisten sind.

After Life, bei Netflix.

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