Süddeutsche Zeitung

ADAC Motorwelt:Die stille Macht

Die ADAC-Klubzeitschrift Motorwelt ist die größte Verbandszeitschrift der Welt. Das garantiert enormen Einfluss - den sie auch nutzt.

Günther Fischer

Man kommt an diesem Heft nicht vorbei, immer liegt es irgendwo herum. Beim Zahnarzt im Wartezimmer, auf Vaters Salontisch, im Briefkasten des Führerschein-Neulings. Die Beinahe-Allgegenwart des 75 Jahre alten ADAC-Klubmagazins Motorwelt wird durch nackte Zahlen untermauert: monatlich 13,2 Millionen Exemplare Auflage, 17 Millionen Leser, jeder dritte deutsche Haushalt wird erreicht.

Die Motorwelt macht 100 Millionen Euro Umsatz, hälftig über Anzeigen und Mitgliedsbeiträge. Jedes Heft ist voll mit "Coupon-Anzeigen" - das klassische Mittel des Direktmarketings. Motto: "Bitte ausschneiden, einschicken, Prospekt zusenden". Chefredakteur Michael Ramstetter sagt: "Die Stärke in diesem Bereich erklärt zum Beispiel auch Anzeigen für Treppenlifte."

Als Chefredakteur eines Magazins, mit dem ein großer Teil des Landes gewissermaßen zwangsbeglückt wird, sollte man ein relativ einfaches Leben haben.

"So dürfen Sie das nicht sehen", protestiert Ramstetter: "Wir müssen uns zwar nicht am Kiosk verkaufen, aber auch wir müssen unseren Anzeigenkunden immer wieder nachweisen, dass wir gelesen werden. Und das wiederum geht nur über gute Inhalte." Sonst könnten nicht die stattlichen Anzeigenpreise verlangt werden - eine ganze Seite in Farbe kostet 109.280 Euro plus Umsatzsteuer. Und eine einzeilige Kleinanzeige im hinteren Teil des Heftes ist immer noch stolze 261 Euro wert.

"Wenn ich die Bundeskanzlerin bitte, dann schreibt sie."

Die hohe Auflage und die weite Verbreitung der Vereinszeitschrift verleiht dem Chefredakteur eine gewissen Macht. "Natürlich ist das der Fall", sagt Ramstetter. "Ich würde lügen, wenn ich das Gegenteil behauptete. Und, ja: Wir setzen diese Macht auch ein - aber immer nur im Sinne des Verbands."

Übersetzt heißt das: Kein bundesdeutscher Politiker darf die Motorwelt links liegenlassen - schon gar nicht vor Wahlen. "Sie dürfen mir glauben", erzählt Ramstetter, "wenn ich einen Politiker im Blatt haben will, dann bekomme ich ihn. Und wenn ich die Bundeskanzlerin bitte, eine Gastkolumne zu schreiben, dann schreibt sie."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wer schon alles für die ADAC Motorwelt geschrieben hat.

Stelldichein der Politprominenz

Über die Jahre sind sie also durchs Heft gefahren, die Bundeskanzler, Verkehrsminister und Politiker dieses Landes. Angel Merkel (CDU), noch als Umweltministerin, später als Kanzlerin. Erwin Teufel (CDU), einst Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Auch die Sozialdemokraten Reinhard Klimmt, Kurt Bodewig, Manfred Stolpe und Wolfgang Tiefensee als Verkehrsminister.

"Autokanzler" Gerhard Schröder (SPD) fand sich im Streitgespräch mit Edmund Stoiber, dem Herausforderer von der CSU. Günther Beckstein (CSU) als Bayerns Ministerpräsident legte einen Stopp bei der Motorwelt ein, ebenso Frank-Walter Steinmeier als SPD-Kanzlerkandidat und natürlich der aktuelle Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU).

Das Stelldichein der Politprominenz hat allzuoft Gemeinplätze zur Folge - Sätze wie "Langfristig werden alternative Antriebstechnologien eine zunehmend wichtige Rolle spielen" oder "Ich bin gegen Tempolimit" (alle Angela Merkel).

Es spricht für die Motorwelt, dass sie ihre prominenten Mitarbeiter aus Berlin nicht marktschreierisch anpreist. Leider wollen es die Gäste aus der Politik allen recht machen. Da wirkt die Zeitschrift wie ein allzu williges Transportmedium für Polit-PR.

Sechs Millionen Leserinnen

Vielleicht ist das mit ein Grund, warum die Motorwelt, trotz Prominenz und hoher technischer Kompetenz, laut der letzten Media-Analyse rund 600.000 Leser verloren hat. Chefredakteur Ramstetter sagt, man müsse sich "mit dieser Zahl intensiv auseinandersetzen und nach den Gründen suchen". Das habe aber noch keinen Einfluss auf die Anzeigenkunden. Bei Frauen habe man sogar hinzugewonnen - es seien jetzt rund sechs Millionen Leserinnen.

Dass die Motorwelt bei jungen Männern verloren hat, wurmt Ramstetter aber denn doch ein wenig. Möglicher Grund sei der Relaunch der Zeitschrift im Dezember 2009: "Der ist noch an vielen Stellen verbesserungsfähig. Ich habe den Verdacht, dass unsere Bildsprache jetzt zu intellektuell ist. Auch ist die Leserführung noch nicht ideal." Und natürlich bezögen inzwischen 500.000 ADAC-Mitglieder die Motorwelt als E-Paper: "Die bekommen dann natürlich kein Printheft mehr. Aber die klicken mir noch zu wenig", so Ramstetter.

In der Autofahrer-Nation Deutschland wird die Motorwelt sicher noch viele Jahre ein Begleiter sein. Eines werden die Macher jedoch wohl nie lösen: Wer immer an den ADAC denkt, hat nicht die auflagenstärkste Zeitschrift im Kopf, sondern die "Gelben Engel" des ADAC, die Pannenhelfer.

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