Süddeutsche Zeitung

ADAC-Mitgliedermagazin:Kommt jemand abholen?

Die neue "ADAC Motorwelt" bringt nicht mehr die Post. Und auch sonst ist vieles neu.

Von Marco Völklein

Die Zäsur zeigt sich zunächst in kleinen Dingen: Seit gut einer Woche steht neben dem Zeitschriftenregal im Netto-Markt in Dorfen, 40 Kilometer östlich von München, ein gelber Ständer. "Exklusiv für ADAC-Mitglieder" steht drauf. Und ein Hinweis: Wer sich ein Exemplar der Klubzeitschrift ADAC Motorwelt mitnehmen möchte, soll an der Kasse den Mitgliedsausweis vorzeigen. Vom 5. März an, so verspricht es Europas größter Automobilklub, wird das Mitgliedermagazin in einer Auflage von sechs Millionen Exemplaren bundesweit in den Filialen von Edeka und Netto sowie den Klubgeschäftsstellen ausliegen. Bereit zum Abholen, sozusagen.

Über Jahrzehnte bekamen die Mitglieder die Hefte jeden Monat per Post zugestellt. 13 Millionen Exemplare wurden ausgeliefert, keine Zeitschrift in Deutschland hat eine höhere Auflage. Postboten stöhnten unter der Last zum Monatsende. Druck und Vertrieb verschlangen pro Jahr zweistellige Millionenbeträge, die sich der Klub nun sparen will, auch weil die Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen nicht mehr ausreichen, um die Kosten - vor allem für die Pannenhilfe - zu decken. Die Frage wird nun sein: Holen sich die Mitglieder das Heft? Verzichten sie darauf? Oder greifen sie lieber gleich zum digitalen Abo? Intern ging man bislang davon aus, dass etwa jedes vierte Heft ungelesen vom Briefkasten direkt ins Altpapier wanderte.

Zum Start wirft sich die Redaktion jedenfalls ziemlich ins Zeug: Deutlich dicker ist die neue Motorwelt, eine Klebebindung (statt Tackerklammern) hält die fast 100 Seiten zusammen. Zugleich aber hat der Klub die Erscheinungsweise von monatlich auf vierteljährlich umgestellt, man will also pro Ausgabe eh mehr bieten, wenn man schon seltener erscheint. Außerdem wird das Heft nun nicht mehr in der hauseigenen Redaktion erstellt, vielmehr wurde der Auftrag im vergangenen Sommer an eine Tochter des Burda-Verlags vergeben. Drei Mitglieder der alten Redaktion verantworten ausweislich des Impressums das ADAC-interne "Redaktionsmanagement", als Chefredakteur fungiert weiterhin Martin Kunz, mittlerweile aufgestiegen zum ADAC-Kommunikationschef. Er ist das Bindeglied zwischen Klub und Magazinverlag. Als vergangenes Jahr das neue Konzept angekündigt wurde, versprachen die Klub-Chefs unter anderem "längere Reportagen und Bilderstrecken". Man wolle "nicht nur Nutzwert, sondern auch Qualitätsjournalismus" bieten.

Ein Interview mit Elyas M'Barek darf jetzt durchaus auch mal das Autofahren in Frage stellen

Geht das auf? Fairerweise muss man sagen, dass sich schon unter Kunz das Magazin in den vergangenen Jahren stark gewandelt hatte. Redaktionsmitglieder berichteten, dass nun in den Konferenzen auch mal intensiv diskutiert wurde über Themen und deren Aufbereitung, über Pro und Contra, auch über Geschichten abseits der klassischen Autowelt - eine Arbeitsweise, die unter Kunz' Vorgänger Michael Ramstetter (Spitzname im Haus: "Rambo") nahezu undenkbar war. Die neue, nun weitgehend von Burda gemachte Motorwelt knüpft da an: eine noch luftigere Optik, großformatige Fotos als Einstieg ins Magazin, eine Übersicht mit Fahrradneuheiten und ein Doppelinterview mit den Filmschaffenden Simon Verhoeven und Elyas M'Barek, der den Satz sagen darf: "Ich überlege schon, ob es sich immer lohnt, ins Auto zu steigen."

Zugleich bewahrt auch die neue Motorwelt ihren Charakter eines Mitteilungsblatts eines Großvereins: Weiterhin werden Motorsporttermine aufgelistet, eine neue Pannenhilfe-App wird präsentiert, auch die unzähligen Partnerfirmen (Fernbusanbieter, Rastanlagenbetreiber, Hotelketten), mit denen der ADAC Kooperationen geschlossen hat, dürfen ihre Produkte vorstellen. Ach ja: Und die gefühlt mindestens jährlich im Heft eingeplante Reportage über einen Straßenwachtfahrer, vom ADAC nach wie vor als "Gelbe Engel" etikettiert, fehlt in der neuen Motorwelt natürlich auch nicht.

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SZ vom 29.02.2020
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