"Absolute Mehrheit" von Stefan Raab:Jetzt macht euch mal locker

Erstaunlich, aber wahr: Raab hat sich in seinem Polit-Talk gut geschlagen. Womöglich ist es sogar das spannendste Format, das er je gemacht hat. Denn hier geht es um was - und nicht nur um Geld. Auch wenn der Moderator das selbst gar nicht beabsichtigt hat.

Ruth Schneeberger

Stefan Raab Absolute Mehrheit

Lustig war's: Moderator Stefan Raab und seine Gäste Michael Fuchs (CDU, r.) und Jan van Aken (Linke) in der neuen Talkshow "Absolute Mehrheit".

(Foto: dapd)

Stefan Raabs Aufstieg ist erstaunlich: Als Viva-Moderator machte er zu Beginn seiner Karriere keine auffallend gute Figur, wirkte eher schräg denn unterhaltsam, die vielen "Ähs" in seinen Kurzansagen machten seine Auftritte eher überflüssig als notwendig. Doch anscheinend hat der Kölner in sich selbst seinen größten Fan gefunden, denn er strebt seitdem unentwegt nach Höherem. Und alles gelingt. Mehr oder weniger. Inzwischen hat Raab das deutsche TV-(Privat)-Programm mit Formaten wie Wok-WM, Pokerrunde und "Schlag den Raab" revolutioniert. Warum das so ist, weiß nur er allein, denn die "Ähs" sind geblieben, wenn auch nicht ganz so inflationär.

Und nun das: Als ob das alles nicht schon genug wäre, verblüfft der Entertainer mit der Idee, einen Polit-Talk auf die Beine zu stellen. Politiker liefen Sturm gegen die Idee. Am Sonntagabend konnte sich das Publikum dann selbst davon überzeugen, wie ernst es Raab mit der Politik ist.

Raab mutiert nicht zum Jauch

Vorab die Entwarnung: Nicht allzu ernst. Das ist aber gleichzeitig seine große Gabe und eine Chance für die Show. Denn wenn die ersten Kritiker sich nun damit überschlagen, der Sendung zu attestieren, sie sei zu albern, dem politischem Themenspektrum nicht angemessen und es würden sogar Witze über Politiker gerissen, dann muss man entgegnen: Was haben sie denn erwartet? Dass Raab zum Jauch mutiert? Nicht ernsthaft, oder?

Stattdessen bietet der Metzgerssohn in anderthalb Stunden tatsächlich gute Unterhaltung mit ein bisschen Polit-Profit. Und das, obwohl er sich neben dem liberalen Enfant terrible Wolfgang Kubicki und dem Palamentarischen SPD-Geschäftsführer Thomas Oppermann mit der zweiten und dritten Liga zufrieden geben muss. Führende Politiker hatten abgesagt beziehungsweise wurden angeblich auf Wunsch von führenden Politikern wieder ausgeladen. Seinen Gästen attestiert Raab zu Beginn und nochmal zum Schluss der Sendung "Mut" und "Pioniergeist", sich an diesem Experiment zu beteiligen, das "wahrscheinlich im Januar" in die zweite Runde gehe.

Warum erst so spät? Ist es wirklich so schwierig in diesem Land, die Politik mit der Unterhaltung und vielleicht sogar mit ein bisschen Spaß zu verknüpfen? Es wäre schade. Denn abgesehen von den tendenziösen und in der Tat unseriösen Einspielfilmchen, die in die Diskussionsthemen einführen sollen (Reichensteuer, Umweltpolitik und Internet als solches) war Raabs Runde durchaus ein Zugewinn für die Reihe der vielen eintönig und gleichförmig gewordenen Polit-Talks auf den anderen Sendern.

Wie zu erwarten, machte Raab sich und die Gäste und nicht zuletzt sein Publikum mit mehr oder weniger gelungenen, mehr oder weniger angebrachten und auch mehr oder weniger provokativen Witzchen erst mal locker. Das kennt man aus seinen anderen Sendungen, doch hier war es mal genau richtig. So gelang es ihm, den einen oder anderen Politiker aus der Reserve zu locken. Das ist in den meisten seriösen Polit-Talks höchst selten geworden - und manchmal geradezu verschrien.

"Guckt die Kanzlerin heute Abend zu?"

Raab stattdessen hielt sich nicht an die Etikette und fragte Oppermann von der SPD: "Wie lange ist Herr Steinbrück eigentlich noch haltbar als Kanzlerkandidat?" FDP-Mann Kubicki fragte er: "Muss der Rösler weg und wie kann ich Ihnen dabei helfen?" Michael Fuchs von der CDU bekam den Eisbrecher zu hören: "Herr Fuchs, wer hat die Gans gestohlen?" Und dann: "Guckt die Kanzlerin eigentlich heute Abend zu?" Fuchs: "Ich glaube eher nicht." Raab: "Ich glaube schon!"

Die mit in die Runde platzierte Nicht-Politikerin und Unternehmerin Verena Delius aus Berlin befragte er: "Würden Sie gerne noch mehr Steuern zahlen, Frau Delius?" Und in Richtung des stellvertretenden Linken-Chefs Jan van Aken streute er ein: "Will Herr von Aken den Faulen ein angenehmes Leben finanzieren?" Das war alles nicht ernst gemeint, sondern absichtlich provokativ, genau wie die in manchen Medien nun schon als "rassistisch" bewertete Frage, ob Philipp Rösler beim Abendessen nun die Stäbchen aus der Hand fallen würden.

Über Stefan Raabs Humor kann man sich streiten, nicht aber darüber, dass er an vielen Stellen genau die Fragen stellte, die sich viele Journalisten in anderen Polit-Talks schon gar nicht mehr zu fragen trauen. Raab macht es einfach, wie er alles einfach macht, weil er es sich zutraut. Deshalb ist diese Show vielleicht die beste, die er je gemacht hat, weil sie ein Publikum dazu bringen könnte, sich mit Politik zu beschäftigen, das sich für diese Themen sonst nicht mal am Rande interessieren würde.

Kubicki und van Aken siegen

Am Rande, da spielte sich hier vieles ab: Die Runden waren zu kurz, um ernsthaft Argumente austauschen zu können und wurden ständig unterbrochen davon, welcher der Kandidaten in der Anrufergunst vorne liege. Politisch inhaltlich Neues wurde nicht gesagt, aber das passiert in anderen Polit-Talks ja auch kaum - und hier geht es schließlich im Gegensatz zu den anderen Sendungen eher um Polit-Infotainment. Am Ende siegten mit Wolfgang Kubicki von der FDP auf Platz 1 und Jan van Aken von den Linken als Zweitplatziertem genau die beiden Kandidaten, deren Parteien ansonsten die wenigsten Stimmen erhalten. Und ständig musste noch das Auto eingespielt werden, das es zu gewinnen galt.

Wie immer hieß es also bei Stefan Raab: Wir haben doch keine Zeit. Dafür schlugen sich alle Kandidaten recht munter, auch wenn das Prinzip, hier für Geld gegeneinander antreten zu müssen, dann doch recht fragwürdig ist. Es lenkt die politische Diskussion auf eine Wettkampf-Ebene, die gar nicht nötig ist, nicht mal für den Unterhaltungs-Effekt.

Trotzdem: Ein vergleichsweise guter Anfang ist gemacht, Politik ist keine heilige Kuh, die man von jeglichem Spaß und Unterhaltungswert fernhalten müsste, um sie nicht zu beschädigen. Das Gegenteil ist der Fall: Politik muss wieder mehr Menschen erreichen, damit sie mitreden können über dasjenige und diejenigen, die über sie zu entscheiden haben. Eine Vorlage dafür hat Raab nun geliefert. Man kann nur hoffen, dass es - mit ein paar konzeptionellen Verbesserungen - weitergeht.

Und all denjenigen, die mit Raabs Experiment schon wieder den Untergang des Abendlandes heraufziehen sehen, sei eine Empfehlung ans Herz gelegt, die Raab selbst zu Beginn der Sendung mehrfach in die Runde warf: Macht euch mal locker.

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