80. Geburtstag Feuer und Flamme

Ein Feuer, selber gemacht. Der Fernsehmann Jean Pütz wollte die Wissenschaft immer demokratisieren.

(Foto: mauritius images/imageBROKER/mrp)

Mit der "Hobbythek" hat Jean Pütz Konsumkritik zum Selbermachen in deutsche Wohnzimmer gebracht. Die Sendung ist TV-Geschichte, doch der Moderator lebt weiter für die Aufklärung. Ein Besuch in seinem Nullenergiehaus.

Von Benedikt Frank

Ein Mann, eingefroren in einen Eisblock, blass und leblos sitzt er da. Von seinem gezwirbelten Schnurrbart hängen zwei lange Eiszapfen, die ihn wie ein Walross aussehen lassen. Die beiden Forscher, die ihn entdecken, erinnert der gefrorene Mann an jemanden: "Kennst du diesen Seifenpapst?" - "Der mit seinen Cremes?" Gemeint ist Jean Pütz, der in seiner Hobbythek fast jedes Alltagsmittelchen selbst herzustellen wusste. Der WDR hat diesen mittelguten Sketch im Archiv gefunden und an den Anfang einer halbstündigen Sendung zur Würdigung des Moderators montiert, die am Freitag lief.

Denn an diesem Mittwoch wird Jean Pütz 80 Jahre alt, bis Ende 2004 lief die Hobbythek im WDR, bis sie nach 30 Jahren und 345 Ausgaben eingestellt wurde. Gegen seinen Protest, versteht sich, denn Jean Pütz war ja die Hobbythek, sein Satz "Ich habe da mal was vorbereitet" wurde ein Klassiker. Jean Pütz und seine Hobbythek formten ein Lebensgefühl, das ganz hervorragend passte in die Achtzigerjahre der BRD. Selbermachen als Konsumkritik.

Man kann Jean Pütz heute besuchen, in seinem Haus (ein Nullenergiehaus, wie er nicht müde wird zu betonen) im Düsseldorfer Umland, er holt seinen Besuch sogar mit dem Auto (einem Smart) von Bahnhof ab. Und es ist keine Phrase, wenn man sagt, dass man besagtes Lebensgefühl der Hobbythek in diesem Nullenergiehaus an jeder Ecke bewundern kann. Überall stehen in der offenen Küche kleine Gefäße, darauf prangt das Gesicht des Hausherren. Jean-Pütz-Produkte, die aus den Rezepten der Hobbythek hergestellt wurden. Zu jedem Produkt gibt es einen Jean-Pütz-Vortrag. Zu dem aus den eigenen Bakterienkulturen hergestellten Joghurt erfährt man, dass er selbst jeden Tag 300 bis 400 Gramm davon esse und ihn für seine Gesundheit im Alter verantwortlich mache.

Er hat da mal einen Slogan vorbereitet: Wissenschaft darf nie Herrschaftswissen werden

Jean Pütz steht für eine Form des Fernsehens, die es heute im Grunde nicht mehr gibt. In seiner Hobbythek wurden komplizierte Dinge einfach erklärt und auch gleich angefertigt, vom Waschmittel über den Heißluftballon bis zur Gesichtscreme. Pütz war der nette Lehrer, den viele Zuschauer nie hatten, der, statt zur Disziplin zu mahnen, auch Spaß auf eigene Kosten macht und sich mit eisigen Walross-Stoßzähnen zeigt. Er traf einen Ton, der viele ansprach. Jean Pütz war gegen die Konzerne, die schädliche Chemikalien ins Waschmittel mischen. Oder schlimmer: Dinge sehr viel teurer verkaufen, als sie mit den Rezepten von Pütz selbst herzustellen wären. Jean Pütz machte sozialdemokratisches Wissenschaftsfernsehen, aus einem ähnlichen Geist entstand 1985 die Seifenoper Lindenstraße. Die Hobbythek, sagt er, sei nur ein Trojanisches Pferd gewesen, "um Wissenschaft und Vernunft unter die Leute zu bringen", ein Mittel zum Zweck für seine größere Lebensaufgabe: Aufklärung.

Sendungen wie die Hobbythek sehen heute im deutschen Fernsehen vollkommen anders aus. Sie laufen im Vormittagsprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender und zeigen den interessierten Zuschauern, wie man Obstkuchen backt oder Weißwurstsalat zubereitet. Auch Jean Pütz landete nach dem Ende der Hobbythek noch für zwei Jahre bei der ZDF-Sendung Volle Kanne, Untertitel: "Service täglich". Für Pütz und sein Verständnis vom Fernsehen reichen Rezepte alleine aber nicht aus. Pütz wurde einst zum Ingenieur der Nachrichtentechnik ausgebildet, die Hobbythek war für ihn Wissenschaft, nur eben angewandte, nah am Leben der Menschen. Man kann sich heute natürlich leicht über Pütz, seine Sendung und seinen Impetus lustig machen. Tatsächlich aber könnte dem gebührenfinanzierten Vormittagsprogramm etwas mehr Relevanz nicht schaden. Und wäre es umgekehrt nicht vielleicht sinnvoll, Wissen als etwas Praktisches zum Mitmachen zu präsentieren?

Interessant ist, wie sehr Jean Pütz überzeugt ist von sich und seinem Wissenschaftsfernsehen - und wie sehr er dennoch mit dem Image des Hobbyonkels hadert. "Einerseits freut es mich, andererseits ärgert es mich extrem, dass ich immer nur mit der Hobbythek identifiziert werde", sagt er. Nicht, dass er sich selbst nicht mehr mit dem Format identifizieren könne. Aber im Schatten der Hobbythek werden ihm seine anderen Tätigkeiten nicht hoch genug gewürdigt. Gekränkte Eitelkeit trotz großer Erfolge.

Auf der Fensterbank neben dem Küchentisch sammelt Pütz große und kleine Auszeichnungen. Selbst ein erster Platz beim Promi-Dinner darf nicht fehlen. Seinen erzieherischen Ehrgeiz hat er auch nicht verloren. Wenn er gerade nicht von seinen Verdiensten erzählt, ist Zeit für Anekdoten, wann man besser auf ihn hätte hören sollen.

Zum Beispiel: Die heutige ARD-Wissenschaftssendung Quarks & Co. hätte nach seinem Vorschlag "Quark" heißen sollen, meint er noch heute, 25 Jahre nachdem sein damaliger Schützling Ranga Yogeshwar seine Wissenschaftsshow übernahm und umbenannte. Wegen des Wortspiels, gleichzeitig ein Elementarteilchen als auch ein Milchprodukt zu bezeichnen, und überhaupt: "Viele Menschen sehen die ganze wissenschaftliche Berichterstattung auch als Quark an."

"Die Akademiker sind heute eine Parallelgesellschaft", glaubt Jean Pütz. Gerade die Nichtakademiker zu informieren, sieht er als seinen quasi historischen Auftrag, der ihm nach wie vor so wichtig ist, dass er auf die Frage, wie er denn den Ruhestand verbringe, antwortet: "Ich möchte mit dafür sorgen, dass unsere europäische Demokratie bleibt, wie sie ist." Und zwar, indem er den "kleinen Mann" unterrichtet. Er hat da auch mal einen Slogan vorbereitet, den er gern und bei jeder Gelegenheit wiederholt: "Wissenschaft darf niemals Herrschaftswissen werden." Unter für die Demokratie sorgen fällt für Jean Pütz, dass er immer noch täglich drei bis vier Stunden an seiner Website arbeitet. Dort sammelt er Pressemeldungen, zuletzt etwa mit dem Titel "Gehirn bremst Alterserscheinungen geschickt aus".

Auch persönliche Meinungen verbreitet er dort, gern auch per Video. Im Wohnzimmer gefilmt, wie das heute jeder Youtuber macht. Es geht dann etwa um die Macht der Großkonzerne (sehr schlecht), 500 Jahre Reinheitsgebot (sehr gut) oder Elektromobilität (Pütz hat eine bessere Idee). Manchmal sind es aber auch Ansprachen ans Volk. Im März wandte er sich mit 14 Fragen zur Flüchtlingskrise an Angela Merkel und lieferte dann mangels Rückmeldung der Kanzlerin selbst Verbesserungsvorschläge. Sieben Punkte, von a) bis g), von nur noch Familien ins Land lassen bis mehr Entwicklungshilfe. Für Jean Pütz ist das alles ganz einfach, fast wie ein Hobbytipp.