70 Jahre "Bunte":Royal mit Käse

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Zum nahenden 70. Geburtstag von Deutschlands ältestem People-Magazin sammelt der Burda-Verlag viel Schönes und viel schönen Schmarrn in einem Bildband.

Von Martin Wittmann

Angenommen, jemand hätte sich Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Zukunft Deutschlands offener denn je war, zur Sicherheit einfrieren und in jeder Hinsicht gute sieben Jahrzehnte später wieder auftauen und von der Gegenwart überraschen lassen. Und angenommen, dieser Jemand würde keine andere Chronik in die gefrierbrandgezeichneten Finger kriegen als den dicken Band über 70 Jahre Klatschgeschichte, der am Dienstag anlässlich des nahenden Geburtstags von Bunte erschienen ist - in welcher Heimat würde er sich nach dem ersten Rumblättern wähnen, welche "Bunte Republik Deutschland", so der Buchtitel, würde er kennenlernen?

Die beliebtesten Haustiere sind weiße Löwen, Reitpferde und Rehe in vergoldeter Bronze

Diese irren Annahmen sind dem Thema durchaus angemessen. Immerhin finden sich in dem Buch unerwartete Schlagzeilen wie "Stammen die ,Fliegenden Untertassen' von einem anderen Planeten?" (1952) oder "Alles spricht vom Geheimschatz der Reichskanzlei" (1959). Das führt gleich mal zu zwei Erkenntnissen: Zum einen hat sich die Bunte in den Anfangsjahren jener niveaulosen Fantasie nicht verschlossen, die später in wilderen und billigeren Blättern stand, von denen sich die Illustrierte immer abzuheben vornahm; zum anderen scheut sich der Burda-Verlag nicht, diesen frühen Schmarrn in der eigenen Chronik unterzubringen. Auch Fehleinschätzungen werden erwähnt, etwa diese: "Sensationeller Geheimplan enthüllt: Königin Elizabeth dankt ab". (Das war 1974). Diese Ehrlichkeit macht die Lektüre sympathisch, interessant ist sie ohnehin als Gesellschaftsgeschichtsbuch.

Zurück zum Eingefrorenen. Welche Realität sieht der Mann? Nun, Nachkriegsdeutschland ist eine Monarchie geworden. Der Adel ist zurück, wenn auch menschlich arg gebeutelt. Die Politik hat sich als Herrschaftsdisziplin nahezu erledigt, weil vor allem die männlichen Akteure die meiste Zeit zu Hause neben immer neuen Frauen herumsitzen und Fotografen hinzuladen. Alle Menschen sind heterosexuell, vor allem Lothar Matthäus. Nach gescheiterten Ehen setzen sich die Frauen mit dem Trennungsschmerz auseinander, die Männer mit jüngeren Frauen. Die beliebtesten Haustiere sind weiße Löwen, Reitpferde und Rehe in vergoldeter Bronze.

Iris Berben wurde offenbar auch eingefroren und wird nur ab und zu für Galas aus dem Eisschrank geholt, um dazwischen nicht unschön zu altern. Wie die meisten deutschen Frauen ist sie Schauspielerin. Der Thema Tod ist kein Tabu mehr, sondern ein unterhaltsames Rätsel, das sich stets um das Warum dreht. Kein verzweifeltes, sinnsuchendes Warum, sondern ein detektivisches, das wissen will, wer mit welchen Mitteln das Opfer wirklich ins Grab gebracht hat.

Deutschland ist international etabliert, es sehnt sich aber nach dem Westen, weil dort das rare Gut Glamour wohnt. Das Land hat sich aber auch dem Osten geöffnet, vor allem Lothar Matthäus. Die Menschen sind offenbar sehr wissbegierig, zumindest gibt es viele Fragen, denen ein Verdacht zugrunde zu liegen scheint, der aber noch kein Ausrufezeichen rechtfertigt. 1959: "Ein Bébé für B. B.?" 1968: "Der erregende Bericht über den Mörder des Negerführers: Wer bezahlte den Mord an Martin Luther King?" 1989: "Der göttergleiche Karajan: Er wollte unsterblich sein. Haben Schwefelbäder ihn getötet?" 1994: "Franzi. Sexysmbol mit 16?" Trotz der vielen Schicksalsschläge und Weltkrisen, die sich durch die Chronik ziehen wie ein schwarzer Faden, darf man sagen: Schlecht geht es den Menschen nicht seit dem Krieg.

Nun muss man kein Eingefrorener sein, um der Chronik ein wenig Optimismus abzugewinnen. Allein der Anlass ist Grund zur Freude: 70 Jahre Klatsch, das bedeutet nicht nur, dass die Bunte mehreren Generationen als "Wegweiser durch das Dickicht sozialer Regeln" diente, wie die langjährige Chefin und Buch-Herausgeberin Patricia Riekel in ihrem Beitrag schreibt, sondern eben auch, dass sie überlebt hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit angesichts des großen Skandalnudelsalats namens Internet, wo Gerüchte verbreitet, Fotos veröffentlicht und Beichten abgelegt werden - oft genug von den Stars selbst, auf eigenen Kanälen. Eine Frechheit eigentlich.

Die Chronik macht nostalgisch, nicht nur, weil sie längst vergessene Moden zeigt, sondern weil darin ja auch längst vergessene Promis stecken. Da schaut den Leser plötzlich Hillu Schröder an, oder Gabriele Pauli, gehüllt in ein Nichts von einer Bayernflagge. Sybille Beckenbauer und Lolita Matthäus, immer schauen sie den Leser an - das ist die bildsprachige Konstante der Bunte: Immer dahin schauen, wo's Vogi kommt. Per Daumenkino kann man etwa Boris Beckers Gesicht beim Unglücklichwerden zusehen.

Angenommen, der oben genannte eingefrorene Jemand wäre Adolf Hitler. Dann würde er sich wundern, wie ernst so ein People-Magazin sein konnte, wenn es etwa nach dem Fußball-WM-Titel 1954 vor "tönendem Gefasel von nationaler Ehre" warnte. Und er würde sich doch auch wundern, welche Geschichte die Bunte 1977 als "weltexklusiv" bewarb: "Professor Werner Maser: So fand ich Hitlers Sohn".

Patricia Riekel (Hrsg.): Bunte Republik Deutschland, Prestel Verlag, 336 Seiten, 39,90 Euro.

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