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"60 Jahre Rock & Pop" auf RTL:Dicke Lippe

"60 Jahre Rock und Pop"

Mit der RTL-Show "60 Jahre Rock & Pop" hat sich Thomas Gottschalk keinen Gefallen getan.

(Foto: RTL / Ruprecht Stempell)

RTL lässt Thomas Gottschalk am späten Freitagabend über Rock und Pop schwadronieren. Leider klingen die Texte, als habe sie jemand aus einem drittklassigen Musiklexikon abgeschrieben.

"Jetzt begleiten Sie mich erst einmal ganz weit zurück", sagt der hier durchweg unsichtbare und nur als Sprecher aktive Thomas Gottschalk nach dreieinhalb Minuten. Vorher hat er eindringlich versucht, deutlich zu machen, dass es in den vier Folgen der aktuellen RTL-Dokumentation 60 Jahre Rock & Pop auch um Musik gehen wird, die von der RTL-Zielgruppe erkannt wird. Da ist Rihanna ("Gilt vielen als die neue Madonna") zu sehen, und dann sind da noch Pink und Coldplay, die bei Gottschalk als "die kreativen Genies der neueren Popmusik" gelten.

Spätestens nach diesen Unsinnsansagen sollte man eigentlich abschalten, weil sich nun mal andeutet, dass hier niemand wirklich interessiert ist an einem ernsthaften Umgang mit dem angekündigten Thema, dass es ganz offensichtlich nur darum geht, eine Art Chartshow ohne den öligen Oliver Geissen zu absolvieren.

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Also landet man mit Gottschalk im Jahr 1954. Damals war der Thommy vier Jahre alt, und Bill Haley versprach, rund um die Uhr zu rocken. Von Haley bis Bowie soll es in der ersten Folge gehen, und rasch wird deutlich, dass zumindest diese Ära nicht das ganz große Herzensding von RTL sein kann. Wäre sie das, hätte der Kölner Sender sicherlich ein bisschen mehr Geld für diese Produktion ausgegeben und wenigstens die wichtigsten Rechte für bewegte Bilder eingekauft. Außerdem hätte der Sender Redakteure mit der Angelegenheit betraut, die wenigstens einen Hauch Ahnung von dem haben, was sie da verhandeln, die außerdem schon mal etwas von einer Bild-Text-Schere gehört haben, also von jener Situation, bei der das auf dem Bildschirm Gezeigte ganz offensichtlich nicht mit dem dazu Gesagten übereinstimmt.

Da wird etwa vom Beginn der Rolling Stones im Jahr 1964 geredet, und zu sehen ist ein Foto der Band, das Ende der 70er-Jahre entstanden ist. Da aber hatten die Stones bereits zwei Gitarristen verschlissen und ihre große Zeit lange hinter sich. Beispiele dieser Art finden sich viele, aber so kommt es wohl, wenn man statt der passenden Filmausschnitte immer wieder Plattencover abbilden muss.

Dazu muss Gottschalk Sätze sagen, bei denen zu seinen Gunsten anzunehmen ist, dass sich einem Kenner wie ihm die Fußnägel aufgerollt haben dürften. "Mick Jagger, die Lippe, ist für die Frauen bis heute reiner Sex", verkündet er einmal und klingt dabei so lustlos, als wüsste er genau, dass sein Text klingt wie aus einem drittklassigen Rocklexikon abgeschrieben. Wenn dann noch die ewige Seifenoper-Göre Jeanette Biedermann über den Motown-Sound der Sechziger urteilen darf ("Das ist eine Musik, die zaubert für mich ein Bauchgefühl."), dann ist endgültig Schluss, dann bekommt man als halbwegs kundiger Zuschauer auch ein Bauchgefühl. Es ist aber kein schönes.

60 Jahre Rock & Pop, RTL, 23 Uhr.