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3Sat-Zuschauerpreis 2013:Deutschlands Beste

Götz George als Heinrich George in "George"

Götz George als Heinrich George im Film George

(Foto: SWR/Thomas Kost)

Ja, das deutsche Fernsehen produziert viel Mist. Aber nicht nur. Von "George" über "Kreutzer kommt" bis zu "Die Auslöschung": 3sat zeigt eine Woche lang, wie gut TV hierzulande trotz allem sein kann.

Wer sich gelegentlich nicht ganz wohl fühlt mit dem immer wieder formulierten Urteil, das Deutsche Fernsehen bringe im Fernsehfilmbereich nichts Anerkennenswertes zustande, der hat in den kommenden Tagen eine schöne Gelegenheit, die Vorwürfe gegen ein hasenfüßiges Fernsehen eingehend zu prüfen. Denn von diesem Samstag an zeigt 3sat - parallel zum Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden - sechs Tage lang um 20.15 und um 21.45 Uhr jeweils einen Film aus dem zurückliegenden Jahr, der von den Sendern und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als besonders diskussionswürdig und erwähnenswert angesehen wird.

Kann sein, dass der eine oder andere anschließend nicht mehr ganz so leicht behaupten wird, dass die Deutschen ihre TV-Zukunft verschlafen und nur noch amerikanische oder skandinavische Serien in der Lage sind, kluges, verstörendes und ernsthaftes Erwachsenenfernsehen zu machen. Kann aber auch sein, dass er sich fragt, warum so etwas fernab der üblichen Krimi-Ware nicht häufiger passiert.

Jenseits der ausgetretenen Ermittlungspfade

Kein Zufall, dass die sogenannten Ermittlungsfilme wieder ein Schwergewicht bilden bei der Auswahl. Und kein Zufall, dass unter den zwölf Filmen Matti Geschonnecks Tod einer Polizistin (ZDF), Stefan Wagners Mord in Eberswalde (WDR) und Rainer Kaufmanns Operation Zucker (BR/WDR) zu finden sind, die schon bei ihrer Erstausstrahlung viel Zuspruch erfahren haben. Besonders deshalb, weil es den Autoren und Regisseuren in den genannten Produktionen gelungen ist, jenseits der ausgetretenen Ermittlungspfade den Krimis und Thrillern neues Leben einzuhauchen.

ARD-Film Liebe am Anfang vom Ende
ARD-Drama "Die Auslöschung"

Liebe am Anfang vom Ende

Subtil und klischeefrei: "Die Auslöschung" zeigt, wie zwei nicht mehr ganz junge Menschen die Liebe in ihr Leben hereinbrechen lassen und die Vergänglichkeit ertragen. An diesem Film gelingt fast alles.   Von Rebecca Casati

Das klingt auf den ersten Blick ganz einfach, passiert aber eher selten. Dabei hat man schon eine Menge gewonnen, wenn ein Film eine Welt zeigt, die für den Zuschauer als real erkennbar wird. Und eine Welt wird nur als real erkennbar, wenn in ihr Personen vorkommen, die in ihrer Charakterisierung und in ihren Handlungen wahrhaftig sind. Das ist wohl einer der Gründe, warum so viele Filme missglücken. Und das ist einer der Gründe, warum die in den kommenden Tagen präsentierten Filme durchaus positiv überraschen. Im Rennen sind ja auch die klassischen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: Mobbing ( Mobbing, BR/ SWR/Arte), Demenz ( Die Auslöschung, ORF/SWR), Misshandlung von Kindern ( Und alle haben geschwiegen, ZDF).

Also alles gut? Ja, wenn vieles unausgesprochen bleibt, wenn Blicke mehr erzählen als Worte, und wenn sich die Überzeugungen der Charaktere langsam verschieben und die Geschichte Schritt für Schritt aufblättert. Man mag es ja fast nicht mehr wiederholen, aber ob ein Film gut ist oder nicht, ist gerade nicht an der Einschaltquote abzulesen, wie in der letzten Zeit die hohen Quoten für den einen oder anderen unerträglich albernen, gefahrlos simplen oder langweilig zusammengezimmerten Tatort beweisen.

Bleibt also nur die öffentliche und veröffentlichte Meinung - was eben das Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden für die Branche zu einem so wichtigen Ereignis macht. In guten Momenten kommt die dortige Jury - die nicht im Geheimen tagt, sondern wie in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis eine öffentlich diskutierende Jurorenrunde ist - zu Erkenntnissen, aus denen man einiges lernen kann.

Götz George George spielt George
Dokudrama in der ARD

George spielt George

Im Dokudrama "George" ist Sohn Götz in der Rolle seines widersprüchlichen Vaters zu sehen. Kritiker werfen ihm vor, den Vater nicht nur zu spielen, sondern ihn auch nachträglich von jedem Nazi-Verdacht freisprechen zu wollen. Aber der Film erzählt mehr als nur die Familiengeschichte der Georges und ist deshalb sehenswert.   Von Holger Gertz

Spannende Fragen könnten zum Beispiel diese sein: Wie ist der mutige Versuch zu werten, das Theaterstück Die Frau von früher fürs Fernsehen zu adaptieren (ZDF/Arte) - mit allen Gefahren für die Glaubwürdigkeit der Figuren und der Plausibilität der Ereignisse, die (im Film) manchmal in groteske Zuspitzungen münden? Oder wie werden wohl die Juroren das Porträt des großen Schauspielers Heinrich George beurteilen ( George (SWR/ WDR/Arte), das ohne den Einsatz und die Offenheit seines Sohnes Götz Georges nie so entstanden wäre? Und, ein Beispiel aus einer völlig anderen Kategorie: Wie reif ist das deutsche Fernsehen für eine Groteske wie Kreutzer kommt ins Krankenhaus (Pro Sieben), in der ein durchgeknallter Ermittler (Christoph Maria Herbst) nahezu alle Erwartungen und Sehgewohnheiten eines Krimis auf den Kopf stellt? Verblüffend, mit welcher Fülle von Einfällen Autor Christian Jeltsch dabei aufwartet. Am Ende gelingt es sogar, selbst den verrücktesten Handlungsstrang zu einem plausiblen Ende zu führen.

Eine geballte Ladung Film also, die da auf den Zuschauer zukommt, und wer wissen will, was alles möglich ist, wenn die Ansprüche hoch gehängt werden, der hat nach diesen sechs Tagen eine Ahnung. Was heißt: Die Zuschauer sind gebeten, selbst in die Rolle der Juroren zu treten, denn jeder kann per Internet oder per Telefon seinen Lieblingsfilm für den 3Sat-Zuschauerpreis 2013 vorschlagen. Sein Preis, ohne jede Abstriche: vielleicht eines Tages ein paar Filme, die das Jahr überdauern, weil er sie nicht mehr vergisst.

Weitere Infos unter www.3sat.de/zuschauerpreis/