Science-Fiction-Hörspiele:Es wird wild

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Illustration: Stefan Dimitrov (Foto: SZ)

Neun Ausblicke ins Jahr 2035: ARD und Deutschlandradio machen Science Fiction in einer gemeinsamen Anthologie-Hörspielserie.

Von Stefan Fischer

Die Zukunft wird fürchterlich. Nur um die Eisbären muss man sich keine Sorgen machen. Sie werden sich der Klimaerwärmung anpassen und immer weiter nach Süden wandern. So dass die ersten Tiere bereits im Jahr 2035 nicht mehr in der Arktis an den kaum noch vorhandenen Eislöchern lauern, um sich luftholende Robben zu schnappen. Sondern in der Karibik auf Müllstrudeln stehend mit derselben Taktik Delfine jagen. "Den Umweltaktivisten hat es natürlich überhaupt nicht gefallen, dass die grässlichen Müllstrudel ihre Eisbären gerettet haben", freut sich eine Figur in Martin Heindels Hörspiel Rückwärts-Hannah diebisch über dieses Paradox.

Die Produktion des Bayerischen Rundfunks ist Teil eines smarten Projekts der Öffentlich-Rechtlichen: Sämtliche Landesrundfunkanstalten sowie das Deutschlandradio steuern je ein Science-Fiction-Hörspiel bei zu der Anthologie-Serie 2035 - Die Zukunft beginnt jetzt. Die neun Stücke - MDR und Saarländischer Rundfunk haben sich zusammengetan - funktionieren jedes für sich, trotz mancher Bezüge untereinander. Die sind jedoch eher ein spielerischer Faktor und setzen nicht tatsächlich die Kenntnis anderer Hörspiele aus der Serie voraus. Besonders ambitioniert ist in dieser Hinsicht Heindels Rückwärts-Hannah.

Für die ARD-Audiothek ist somit ein knapp zehnstündiger Fiction-Podcast entstanden, der mehr darstellt als die Summe seiner Einzelteile. In den linearen Programmen der Kulturwellen obliegt es wiederum jedem Sender selbst, welche und wie viele dieser Hörspiele er innerhalb welchen Zeitraums ausstrahlt. Unabhängig von den inhaltlichen und stilistischen Aspekten dieses Projekts ist 2035 insofern auch eine durchaus überzeugende Option im aktuellen Transformationsprozess der Öffentlich-Rechtlichen, bezogen auf die Frage, wie man sowohl die Stärken des linearen Radios als auch der digitalen Plattformen clever nutzt, ohne immer noch mehr Inhalte zu produzieren, weil sie jeweils nur auf einem der Ausspielwege gut funktionieren.

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Inhaltlich handelt es sich um zum Teil wilde Fantasien: In Walter Filz' Pack Meat (SWR) toben in dieser gar nicht so fernen Zukunft Bürgerkriege, die sogenannten Fleischkriege. Haben vor mehr als 150 Jahren im Amerikanischen Bürgerkrieg Menschen wegen ihrer Einstellung zur Sklavenhaltung erbittert gegeneinander gekämpft, so lässt sie nun ihr jeweiliger Standpunkt gegenüber der Tierhaltung zu den Waffen greifen. Lars Werner und Sarah Kilter malen sich in Daddy (RBB) aus, wie gigantische CO₂-Absauganlagen versuchen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Und Mariola Brillowska hat für den NDR Die Tetris erfunden, eine dystopische Siedlung, wohin Frauen, Kinder und Alte evakuiert worden sind. Zu ihrer Sicherheit, wird den Bewohnerinnen erzählt. In Wahrheit geht es aber darum, sie kontrollieren zu können.

So viel davon - absichtsvoll - kurios, unrealistisch, überzogen, gar durchgeknallt ist, an diesem Punkt finden die neun Hörspiele zusammen: Wie auch immer die Situation in 13 Jahren sein wird, das Fundament dafür wird in unserer aktuellen Gegenwart gelegt. Die Pandemie, die Klimakrise, der Krieg in der Ukraine und die Krise der Demokratie wirken fort in den möglichen Welten, die in diesen neun Hörspielen entworfen sind. Zum großen Teil existieren die geschilderten Konflikte auch jetzt bereits. Wobei noch nicht entschieden ist, wer mit seiner Lebenshaltung auf der richtigen Seite der Geschichte steht. Die neun Hörspiele haben dazu die eine oder andere unbequeme Idee.

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Mariola Brillowska etwa arbeitet gerne mit Trash-Elementen, viel Selbstironie und Subversion. Man darf jedoch nicht den Fehler machen, den Ernst ihrer Stücke zu übersehen angesichts deren oft großer Komik. In Die Tetris gelingt es ihr, die seit den Pandemiebeschränkungen geführte Debatte über den Wert der Grundrechte aus jeglichen Querdenker-Kontexten zu lösen und wieder in seriöse Gefilde zu verlagern. Und das alles im Gewand eines überdrehten Drei-Generationen-Konflikts.

Extrem aktuell ist auch, was Nina Meyer und Felix Engstfeld in Emilys Reminder (WDR) debattieren: In dieser nahen Zukunft gelingt es einem Tech-Konzern, den Klimawandel durch Sonnenverdunklung zu verhindern. In dem unfassbar reichen und damit mächtigen Konzernbesitzer sehen manche eine Art Messias, andere verteufeln den Mann, weil sie ihm seinen Altruismus nicht abnehmen. Denn diese Verdunklung ist natürlich auch ein gigantisches Geschäft.

Emilys Reminder lässt die wahren Motive des Mannes im Unklaren. Weil etwas anderes als dieser Einzelcharakter viel spannender ist: Die Frage nämlich, ob Demokratien derart gelähmt sind durch ihre langwierigen Abwägungsprozesse und die Inkompetenz breiter Massen in komplexen wissenschaftlichen Gemengelagen, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, schnelle und radikale Entscheidungen zu treffen. Und was die Alternativen wären: autoritäre politische Systeme? Oder aber, die wegweisenden Entscheidungen der Wirtschaft, also den Elon Musks zu überlassen?

2035 - Die Zukunft beginnt jetzt. Neun Science-Fiction-Hörspiele. Als Podcast in der ARD Audiothek .

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