31. Oktober 2010, 12:29 "Tatort Internet" - Besuch beim Produzenten Eine eigenwillige Methode

Daniel Harrich ist der Produzent von "Tatort Internet". Besuch bei einem, der viel spricht, aber nichts sagen möchte.

Von Johannes Boie und Roman Deininger

Seit Anfang Oktober zeigt RTL2 Tatort Internet. Die Debatte über das Format ist weit größer als seine Einschaltquote. So wurde über RTL2 nicht mehr gestritten, seit vor zehn Jahren Big Brother startete. Tatort Internet ist ein öffentlicher Pranger. Die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagt, so ein Pranger gehöre ins Mittelalter, nicht in einen modernen Rechtsstaat. Jetzt wird die Sendung von der Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten auf Verletzungen von Persönlichkeitsrechten und auf die Einhaltung journalistischer Standards geprüft.

Prominente Hilfe: Stephanie zu Guttenberg in der RTL II-Sendung Tatort Internet

(Foto: dpa)

Tatort Internet lockt womöglich pädophile Männer in anzüglichen Chats in eine Falle, zu einem von versteckten Kameras gefilmten Treffen mit einem vermeintlichen Kind. Bevor es zu einer strafbaren Handlung kommt, greift das TV-Team ein. Vieles spricht dafür, dass dieses Konzept gegen geltendes Recht verstößt. Schon im April hat einer der gefilmten Männer mit einer einstweiligen Verfügung die Ausstrahlung seiner Aufnahmen verhindert. Er musste nach Angaben seiner Anwälte erst eine gerichtliche Auskunftsverfügung erwirken, um zu erfahren, wer ihn gefilmt hatte.

Andere Männer wussten gar nichts von den Aufnahmen, bis sie verpixelt in der Sendung gezeigt wurden. Tatort Internet präsentiert die Männer als tickende Zeitbomben, viele sind es wohl auch. Dennoch informierte RTL2 die Behörden nach Angaben der Polizei München in mehreren Fällen erst nach der Ausstrahlung der Sendung. Im Fall eines Würzburger Kinderdorfleiters ließ RTL2 die Zeitbombe fünf Monate lang ticken.

Das Verhalten ist exemplarisch für die Sendung, die sich in einem rechtlichen Graubereich bewegt: Die potenziellen Täter sind kaum zu belangen, weil sie nicht mit einem Kind, sondern einer Journalistin chatten. Sie haben sich also rein rechtlich in der Regel nicht strafbar gemacht. Dennoch schlampt die Redaktion bei der Anonymisierung der gefilmten Männer. Mindestens zwei konnten aufgrund der in der Sendung genannten Details identifiziert werden: der Kinderdorfleiter von seinem Arbeitgeber, der andere von Unbeteiligten via Google. So hebelt Tatort Internet das demokratische Prinzip aus, wonach auch bei der widerwärtigsten Straftat die Unschuldsvermutung gilt und die Persönlichkeitsrechte des mutmaßlichen Täters zu schützen sind.

In der Sendung, in der es nach Angaben von RTL2 um Opferschutz geht, kommen die Opfer nur am Rande vor. Und auch hier ist das Vorgehen fragwürdig. Da ist eine vermeintlich Minderjährige zu sehen, die sich vor der Webcam das Shirt auszieht. Ein Mädchen wurde unverpixelt gezeigt - freiwillig zwar, aber auf die Gefahr, dass es für den Rest seines Lebens als Opfer sexuellen Missbrauchs im Internet zu finden ist.

Tatort Internet begibt sich auf eine Verbrecherjagd, die vom Volkszorn getragen wird, aber nicht vom Rechtsstaat. Wer macht diese Sendung? Auf wen hat sich die Ministergattin Stephanie zu Guttenberg da eingelassen? Die Baronin ist das Gesicht der Sendung, sie engagiert sich seit Jahren für Kinderschutz. Seit der Kritik an Tatort Internet ist sie für die Presse mit Ausnahme der Bild-Zeitung nicht mehr zu erreichen. Öffentliche Termine sagt sie ab.

Daniel Harrich, 27, nennt zu Guttenberg "die Stephanie", mit spitzem "St", was erstaunlich klingt, wenn es ein gebürtiger Münchner ausspricht. Harrich ist der Produzent von Tatort Internet. Er sitzt in einer wunderbar sanierten, 300 Jahre alten Scheune im Münchner Vorort Grünwald. Von hier schicken Diwafilm, die Produktionsfirma der Familie Harrich, und RTL2 ihr Trashformat auf die Schirme der Republik.

Der Produzent trägt eine große, silberne Uhr, blaue Jeans und braune Wanderschuhe. Ein bedachtsam vernachlässigter Dreitagebart steht in seinem Gesicht. Weil eine Biographie mit den Eltern beginnt, sagt Harrich, seine Mutter Danuta Harrich-Zandberg sei eigentlich Diplompsychologin, sein Vater Walter Harrich ein geborener Filmemacher. Gemeinsam haben die Harrichs kürzlich die Mooshammer-Doku in der ARD gemacht. Die war gut. Seine Familie sei in einer sehr, sehr angenehmen Situation, sagt Daniel Harrich. Man weiß nicht genau, warum er das sagt. Je länger er redet, umso eindringlicher wird seine weiche Stimme.

Zwei Tage nach dem Treffen in der Scheune verbietet er jedes wörtliche Zitat aus dem aufgezeichneten Gespräch. Angeblich, weil er die SZ im Verdacht habe, eine vertrauliche E-Mail weitergeleitet zu haben. Unterstellungen scheinen ein fester Bestandteil der Methode Harrich zu sein. Man wird sie während der Recherche noch besser kennenlernen.

Man muss also versuchen, die Geschichte des Produzenten nachzuerzählen, in seinen Worten. Harrich sagt, als Kleinkind habe er sich in der Wiege zur Musik der Filme seiner Eltern bewegt. Er habe schon immer Film und Fernsehen gemacht, habe Journalismus in Columbia studieren wollen, aber seine Mutter habe ihn nicht gelassen. Er sei in den USA schließlich auf eine sehr gute Business-Uni gegangen, nachher habe er Jobangebote gehabt von den ganz großen Investmentbanken. Dann habe sein Vater angerufen und gesagt, er solle sein Leben nicht kaputt machen, sondern nach Los Angeles gehen, zum Film. Später hat Harrich einen College-Emmy gewonnen - für einen Kurzfilm. Das "College" lässt er weg beim Erzählen. Es kam noch einiges dazu, für das man nichts gewinnt, Die Jugendcops etwa für Sat.1.

Wenn man Daniel Harrich in der wunderbar renovierten Grünwalder Scheune fragt, ob er keine Sorge habe, dass er die Persönlichkeitsrechte von potenziellen Tätern in seiner Sendung Tatort Internet verletzt, dann guckt er ganz erstaunt. Schließlich wird sein Blick traurig und ein bisschen müde. Seine Stimme ist noch eine Tonspur weicher als sonst, als er sich beklagt, dass niemand über die Opfer rede, sondern nur über die Täter. Dann will er wissen, was man als Journalist so täte, wenn plötzlich ein Pädophiler im Raum stünde. Man kann Harrich unmöglich vorwerfen, dass er keine Gespräche führen kann.

Wie ernst meinen er und RTL2 es wirklich mit dem Schutz von Kindern? Man hätte Udo Nagel fragen können. Der ehemalige Hamburger Innensenator und Polizeipräsident geht freundlich ans Telefon. In der Sendung mimt er den Moderator. Jetzt sagt er, er rufe zurück. Aber dann meldet sich Harrichs weiche Stimme, und nein, man könne nicht mit Nagel sprechen. Auch zur Journalistin Beate Krafft-Schöning, die in der Sendung die Männer in die Falle lockt, duldet Harrich keinen direkten Kontakt. Krafft-Schöning zeigt sich deshalb erstaunt.

Harrich meldet sich lieber selber zu Wort. In einem Beitrag für die FAZ suggeriert er, das Ansprechen von Kindern im Internet, zum Zweck eines späteren realen Sexualkontaktes, sei in Deutschland nicht strafbar. Das ist falsch. Ein solcher Tatbestand ist im Gesetz definiert. Aber er gilt natürlich nicht, wenn potenzielle Täter mit volljährigen Schauspielern an Stelle von echten Kindern chatten. Dass Harrich seine Behauptung dennoch wiederholt, schützt keine potenziellen Opfer. Bloß ihn selbst.