11. Juli 2010, 12:14 Regierungssprecher Seibert Ein Wechselwähler spricht für Merkel

Der freundliche Nachrichtenverkünder Steffen Seibert vom ZDF soll künftig die Regierungspolitik der Kanzlerin und ihrer Minister-Combo verkaufen. Wofür steht der Mann?

Von Hans-Jürgen Jakobs

Die Überraschung unter den Journalisten ist perfekt. Sie diskutieren an diesem Samstagmorgen in Hamburg bei der Jahrestagung von "Netzwerk Recherche" über die Branche, als eine Neuigkeit die Runde vom Flur in die Säle hinein macht: Steffen Seibert wird Regierungssprecher.

Der smarte Mann vom ZDF: Fernsehjournalist Steffen Seibert wird neuer Regierungssprecher.

(Foto: ddp)

Der smarte Mann vom ZDF, seit 22 Jahren im Sender, zuletzt ein freundlicher Nachrichtenverkünder bei "heute", soll künftig die Regierungspolitik der Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Minister-Combo verkaufen. Was? Der Steffen Seibert?

Auch ZDF-Talkikone Maybrit Illner will es erst nicht glauben. Sie sagt, Seibert sei ein "hervorragender Journalist". Aber Regierungssprecher?

Nun ist der Erkorene jemand, der die Macht und die Hochpolitik kennt. Regelmäßig hat er an Wahlabenden die Prognosen und Hochrechnungen präsentiert, immer elegant und fast salopp. Er ist ein Profi, und wenn Christian Wulff davon redet, dass die Zukunft den Sanftmütigen gehöre, dann gilt das wohl auch für ihn. Aber ist das ein Job mit Zukunft?

Seit der Bundestagswahl im September 2009 sucht Merkels Frau- und Mannschaft nach einer Linie. Öffentlich zerlegen sich die Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP mit immer neuen Invektiven. Da war selbst Ulrich Wilhelm machtlos, der bisherige Regierungssprecher, der im Februar 2011 als Intendant des Bayerischen Rundfunks tätig wird.

Als hätte es noch eines Beweis für die Macht von Medien und das Dogma der journalistischen Agendapolitik bedurft: Für den Regierungssprecher, der zu den Öffentlich-Rechtlichen wechselt, kommt nun von den Öffentlich-Rechtlichen ein Spitzenjournalist ins Sprecheramt. Die Systeme tauschen sich aus.

Beim ZDF, seiner Lehranstalt auf dem Mainzer Lerchenberg, hat Seibert viele Stationen durchlaufen. Er war Auslandskorrespondent in Washington, moderierte sich durchs Morgenmagazin und durchs Abendmagazin, und für seine Live-Moderation am 11. September 2001, dem Tag des Anschlags auf das World Trade Center in New York, bekam er die Goldene Kamera.

Große Sehnsucht

Steffen Seibert ist also ein Leistungsträger des Senders. Doch der Aufstieg nach ganz oben erscheint irgendwie versperrt: Da ist Maybrit Illner, die beispielsweise das Kanzler-Duell moderiert, und da ist der omnipräsente Claus Kleber.

Mit Frau und drei Kindern lebt der Noch-ZDF-Journalist in Wiesbaden, ein Kind heißt nach einer Schauspielerin Tallulah. Zu den Besonderheiten seiner Vita gehört schon, dass er evangelisch getauft ist, dann aber austrat und erst Jahre später zum katholischen Glauben konvertierte. Da habe es "eine große Sehnsucht nach Religion gegeben, nach einem Aufgehobensein im Glauben", sagt er. Der Mann, dem man seine 50 Jahre nicht ansieht, ist Unicef-Repräsentant und Schirmherr des Verbandes "Das frühgeborene Kind e.V.". Reden kann Seibert nicht nur auf deutsch, er spricht auch exzellent französisch - erst kürzlich moderierte er den deutsch-französischen Journalistenpreis in geschliffener Sprache.

Regierungssprecher

Zwei wurden Intendant

Sein Vater hatte einen Verlag für Kunstbücher, was beim Filius die Lust am Bibliophilen gefördert hat. Doch als er zwölf ist, trennen sich die Eltern und Steffen Seibert zieht mit der Mutter nach Hannover. Wieder einer aus Hannover! So wie Lena und Christian Wulff!

Zu Seiberts Lieblingsautoren gehört Anthony Powell (A dance to the music of time) und mit seiner Frau Sophia, einer Malerin, ist er seit einem Vierteljahrhundert zusammen. Sie lehrte ihm, Bilder zu verstehen.

In der Finanzkrise waren Seibert all jene Politikerinnen und Politiker am sympathischsten, die Schwierigkeiten und Schwächen eingestanden hätten. "Wir als Bürger und Wähler müssen so etwas zulassen", sagt er. Wir dürfen von unseren Politiker nicht immer Allwissenheit verlangen - das kann kein Mensch einlösen." Prinzipiell glaube er, dass Politiker aus Fehlern in der Vergangenheit lernen - "um dann neue zu machen".

"Ich kann Regierungssprecher"

Auch zu seinem Wahlverhalten hat sich der neue Regierungssprecher schon geäußert. Er habe, bis auf die Linkspartei, alle Parteien, die im Bundestag sitzen, schon einmal gewählt : "Ich bin ein ziemlicher Wechselwähler. Daher kann ich mir auch ziemlich alle Konstellationen vorstellen." Das Problem sei, dass er kurz vor dem Wahltag viele widerstreitende Stimmen in sich höre. Das wird sich ändern müssen.

Überzeugend fand er im Übrigen immer Helmut Schmidt, und er fügte an, dass man über Gerhard Schröder genauso Gutes zu sagen findet wie über Angela Merkel.

Als Wechselwähler freilich darf sich Steffen Seibert in seinem neuen Amt nicht profilieren. Nun zählen für ihn auch nicht mehr alle möglichen Optionen, inklusive Schwarz-Grün, es zählt erst einmal Schwarz-Gelb.

Und welche Qualifikationen für ein Regierungsamt nötig sind, das weiß er ganz genau: Schließlich hat er im ZDF eine Sendung moderiert, in der sich junge Leute als Superpolitiker bewiesen. "Ich kann Kanzler".

Nun muss er erst einmal zeigen: "Ich kann Regierungssprecher".