30. März 2011, 19:44 Starke Einschnitte bei Frankfurter Rundschau Überregionales aus Berlin

Die "Frankfurter Rundschau" verliert ihre Eigenständigkeit, der Mantelteil kommt künftig aus Berlin. Eine Erinnerung an das einst tonangebende Blatt der westdeutschen Linken.

Von Marc Felix Serrao

"Unabhängige Tageszeitung" steht jeden Tag auf der ersten Seite der Frankfurter Rundschau (FR). Wie lange diese Beschreibung noch gilt, ist allerdings fraglich. Wie die Süddeutsche Zeitung aus dem Umfeld der Zeitung erfuhr, steht dem 1945 gegründeten, einst tonangebenden linken Blatt eine weitere massive Sparrunde bevor - mit Maßnahmen, die das Wesen der FR auf eine Weise beschneiden werden, dass von echter publizistischer Eigenständigkeit streng genommen keine Rede mehr sein kann.

Überregionale Themen künftig aus Berlin: Die "Frankfurter Rundschau" wird stark beschnitten - wie viele Angestellte gehen müssen, ist noch nicht klar.

(Foto: A3472 Frank May)

Die überregionale Berichterstattung der Zeitung, das bestätigten am Mittwoch mehrere an ihrem Umbau beteiligte Personen, soll künftig komplett in der Hauptstadt bei der Berliner Zeitung gebündelt werden, die ebenfalls zur Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gehört. Die dort ansässige "DuMont Redaktionsgemeinschaft" beliefert das Blatt - wie den Kölner Stadtanzeiger und die Mitteldeutsche Zeitung - bereits seit vergangenem Jahr mit politischen Berichten von bundespolitischer Bedeutung.

Nun sollen auch die Blattmacher aus Wirtschaft, Feuilleton und Sportteil der FR in Berlin arbeiten. Beide, Berliner Zeitung und Rundschau, werden dafür eine gemeinsame Organisationsstruktur bekommen, heißt es, mit einer Spitze, die sich wohl aus den jetzigen Chefredaktionen zusammensetzen wird. Am bisherigen Hauptsitz der FR, dem nach dem früheren Chefredakteur und Herausgeber benannten Karl-Gerold-Platz, verbleiben demnach nur der Lokalteil und Autoren der anderen Ressorts.

Wie viele Mitarbeiter bei der FR durch den Um- und Abbau gehen müssen, soll noch nicht final entschieden sein. Von 40 bis 50 Stellen ist die Rede. Das Blatt, das seit Jahren Verluste im zweistelligen Millionenbereich schreibt, hat noch knapp 190 Mitarbeiter. 115 davon arbeiten in der Kernredaktion, 30 im nicht tarifgebundenen Pressedienst Frankfurt und 40 bei der ebenfalls ausgelagerten Firma FR Publishing (Layout, Foto, Grafik). An diesem Freitag um elf Uhr will der Verlag seine Mitarbeiter in Frankfurt über die Details informieren.

Es ist, das darf man so pathetisch sagen, das Ende einer deutschen Zeitungsära, die mit großen Namen verbunden ist. Der einstige Herausgeber Gerold etwa, an den sich jeder ernstzunehmende Chefredakteur in diesem Land erinnert, und der so lange für eine einzigartige Haltung der Zeitung gesorgt hat. Der sozialliberale Publizist und spätere FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach. Oder Werner Holzer, der das Blatt zwei Jahrzehnte lang führte - auch in die schon schwierige Zeit hinein. Und viele andere.

Ihre Blütezeit hatte die FR in den 70er und 80er Jahren, als das Blatt zur Pflichtlektüre des linken westdeutschen Akademikertums gehörte und den Diskurs an den Universitäten mitprägte. Leser und Blatt waren sich einig im Kampf für den Frieden und gegen die Nachrüstung, und Redakteure wie Anton Andreas Guha gehörten zu den tonangebenden Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung, die für den Umweltschutz gern und oft den "Teifi" an die Wand malten. Die FAZ, der konservative Konkurrent von nebenan, mochte schon damals einen besseren Lokalteil gehabt haben, aber die FR hatte ein Milieu.

Irgendwann, spätestens mit der Wiedervereinigung, ist die Rundschau dann aus der Zeit gefallen. Dem Blatt kam sein linksbürgerliches Milieu abhanden. Die neuen Parkaträger lasen eher die taz, die seit 1978 in Schützengrabennähe zum verhassten Springer-Verlag erscheint und bei aller Sorge um den Wald viel frecher war und ist als die Frankfurter.

Wer in der BRD links war und wissen wollte, was richtig und falsch ist, musste die FR lesen. Wer es nach der Wende immer noch war, hatte die Wahl. Und die entfiel immer öfter auf andere.

Immerhin, es passt zum Geist der Zeitung, dass sie trotz knallroter Geschäftszahlen, sinkender Auflagen und einem radikalen Relaunch aufs kleine Tabloidformat noch da ist. Die zwei Haupteigner scheuen sich beide, das Blatt abzuschreiben - eine Option, die dem Vernehmen nach auch in den vergangenen Monaten diskutiert, aber dann verworfen wurde.

Da ist zum einen die SPD-eigene Beteiligungsgesellschaft DDVG, die 40 Prozent der Anteile hält und schon aus politischen Gründen für keinen Zeitungstod mitverantwortlich sein will. Da ist zum anderen der Verleger, Alfred Neven DuMont, dem seit fünf Jahren die Mehrheit der FR gehört. Seine Treue, hört man, soll emotional begründet sein. Für den 84-Jährigen, der 2009 auch die Berliner Zeitung übernahm, war es das erste eigene überregionale Blatt. Es wird nun, am Ende seiner Laufbahn, auf Lokalgröße reduziert und an das neue, tonangebende Schwesterblatt angedockt - damit es irgendwie überleben kann. Und alle großen Entscheidungen werden künftig in Berlin gefällt.