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Fußballmagazin 11 Freunde:"Eine Art Selbsthilfegruppe"

Das Cover von "11 Freunde" vom April 2020.

(Foto: 11 Freunde)

Das Magazin "11 Freunde" wird 20 Jahre alt. Ein Gespräch über die Anfänge im Copyshop, die Frage, was gerade falsch läuft im Fußball und den großen Entzug in der Corona-Krise.

Interview von Benjamin Emonts

Der FC Bayern hat noch im ehrwürdigen Münchner Olympiastadion gekickt, und ein gewisser Erich Ribbeck trainierte die deutsche Nationalelf, als im April 2000 in einem Berliner Wohnzimmer zum ersten Mal das Fußballmagazin 11 Freunde entstand. 20 Jahre später spricht Chefredakteur und Mitbegründer Philipp Köster über Klopapier, Fußballstars und Humor in der Hochleistungsbranche.

SZ: Herr Köster, herzlichen Glückwunsch zum Zwanzigsten. Wie feiert man in dieser schwierigen Zeit?

Philipp Köster: Ohne Fußball haben wir alle Entzugserscheinungen. Eigentlich wollten wir eine große Party feiern, nun sitzen wir alle im Home-Office. Aber rumjammern wollen wir auch nicht. In unserer nächsten Ausgabe werden wir erzählen, wie viel Kraft der Fußball selbst in Kriegs- oder Krisenzeiten hat.

Sie sind ein glühender Anhänger von Arminia Bielefeld. Ihre Mannschaft war drauf und dran, in die erste Bundesliga aufzusteigen, bis das Coronavirus sie ausgebremst hat. Wie fühlt sich das an?

Wir schwanken hin und her, zwischen übergeschnapptem Lachen und tiefer Depression. Wir hatten ja schon erwartet, dass irgendjemand der Arminia noch ein Bein stellt, aber dass ein Virus verhindert, dass wir endlich mal wieder einen Aufstieg bejubeln, ist schon ein teuflisches Meisterstück des Schicksals.

Sie sind vermutlich dafür, die Saison zu beenden und Bielefeld umgehend zum Aufsteiger zu erklären.

Es würde mir schlaflose Nächte ersparen. Ansonsten fänd ich aber ein paar Monate Pause auch mal nicht schlecht. Dann könnte sich der Fußball darauf besinnen, sich nicht ständig penetrant in den Mittelpunkt zu stellen.

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Chefredakteur Philipp Köster war im April 2000 einer der Gründer von "11 Freunde". Das Heft erscheint monatlich und kostet 5,50 Euro. Der 11-Freunde-Verlag mit Sitz in Berlin gehört zu Gruner + Jahr.

(Foto: imago/teutopress)

Viele Fußballer jonglieren gerade mit Klopapierrollen in den sozialen Netzwerken. Cristiano Ronaldo lässt sich vor 45 Millionen Zuschauern die Haare von seiner Freundin schönmachen.

Diese Kunststücke werden gern als Indiz für die Verkommenheit des Profifußballs gewertet. Ich glaube, all das zeigt nur, wie wahnsinnig gelangweilt die Kicker sind. Sie haben so unglaublich viel Geld und Zeit und wissen nichts damit anzufangen, lassen sich goldene Steaks servieren und Starfriseure einfliegen. Damit es auch alle mitbekommen, filmt immer ein Kumpel mit und bettelt um Sternchen und Likes. Wahnsinnig trist und einsam wirkt das.

Als Ihre Karriere als Sportjournalist in Bielefeld begann, gab es soziale Netzwerke noch kaum. Sie standen Ende der Neunziger in der Stehplatzkurve und verteilten selbstgedichtete Stadionheftchen.

Seit 1988 war ich das, was man heute Allesfahrer nennt. Zehn Jahre kein verpasstes Spiel, weder daheim noch auswärts. Meine Eltern mussten Urlaube so planen, dass ich den Saisonauftakt nicht verpasste. In dieser Zeit haben wir auch unser Fan-Magazin Um halb vier ist die Welt noch in Ordnung gegründet. Wir saßen abends zusammen, haben Bier getrunken, Quatsch geredet und mit dem Malprogramm Corel Draw das Heft zusammengekloppt. Die Texte waren aus der Fanperspektive geschrieben, kritisch, mit Humor, keine aufwendige Recherche. Das hatte mit klassischem Sportjournalismus nicht viel zu tun.

Wie ging es weiter?

Die Hefte haben sich gut verkauft, pro Heimspiel holten wir 1000 Exemplare aus dem Copyshop und verhökerten sie vor dem Stadion. Das hat uns Mut gemacht, es auch mal mit einem bundesweiten Heft zu versuchen. In Reinaldos (Reinaldo Coddou H., Mitbegründer des Magazins, Anm. der Red.) Wohnzimmer in Friedrichshain haben wir dann unsere erste Redaktion für 11Freunde eingerichtet. Er war Fotograf, ich habe geschrieben. Leider hatte keiner von uns beiden Ahnung von Vertrieb oder Anzeigenvermarktung, nach zwei Jahren hatten wir 50 000 Euro Schulden.

Heute verkaufen Sie 60 000 Magazine im Monat und beschäftigen etwa 20 Mitarbeiter. Wie kommt's?

Vielleicht haben wir als eines der ersten Magazine erkannt, dass es nicht nur darum geht, die Geschehnisse auf dem Rasen zu beschreiben, sondern auch das Drumherum, das große Spektakel, das dieses Spiel so besonders macht. Es ist ja so: Viele Menschen sind dem Fußball verfallen. In unserem Magazin finden sie den Trost, dass es anderen genauso geht. Wenn man so will, sind wir eine Art Selbsthilfegruppe.

Sie sehen sich auch als Verteidiger der Fußballkultur. Was läuft gerade schief im Fußball?

Er hat über viele Jahre versucht, Fans als Kunden und Konsumenten zu sehen. Ein fatales Missverständnis. Die Fans kommen nicht ins Stadion, um sich bespaßen zu lassen, sondern um ihre Leidenschaft und ihre Anfeuerung zu geben. Das ist der Kern von Fußballkultur, die wir schützen wollen. Das Selbstbewusstsein, selbst Akteur des Spiels zu sein und mit der eigenen Unterstützung den Ausgang des Spiels beeinflussen zu können.

Trotzdem nehmen Sie den Fußball mit Humor. Wie geht das zusammen mit dieser durchgetakteten Hochleistungsbranche?

Humor im Fußball entsteht ja dadurch, dass sich der Fußball ziemlich penetrant als größtmögliches Weltereignis inszeniert. Jeder maue Zweitligakick ist immer gleich ein "Clash der Giganten". Und es wird ulkig, wenn dieser Pathos, diese ganze klebrige Inszenierung auf die Realität trifft. Auf Fehlpässe, gierige Berater, konfuse Trainer, schlechte Spiele. Und in diese Kluft passt entweder Zynismus oder Humor und Selbstironie. Für Letzteres haben wir eine gewisse Profession entwickelt.

Manchmal wirkt der Humor von "11 Freunde" auch ein wenig studentisch. Die Rostocker Ultras haben mal ein Schild hochgehalten: "Fußball leben statt studieren - 11 Freunde boykottieren".

Der treffendste Spruch unserer Magazingeschichte, als Reaktion auf einen Artikel, in dem wir 2008 die Ultraszenen kritisierten. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass wir dem angenehm proletarischen Erscheinungsbild der Fankurven einen intellektuellen Überbau geben. Von oben herab aber kommen wir nicht. Wir sind selbst alle Stadiongänger. Und einige unserer Redakteure sind übrigens Studienabbrecher.

© SZ vom 08.04.2020

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