Kommunikationsforscher Marshall McLuhan:Der Hammer hämmert mit uns

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Ob man an die Gleichheit der Menschen in Gott oder an die Verschiedenheit der Rassen glaubt? Irrelevant, denn als Leser tausendfach gedruckter Bücher ist man Teil einer Masse, die so feine Unterschiede gar nicht kennt.

McLuhan war ein brillanter Denker. Sein Verweis darauf, dass Botschaften immer an einen materiellen Körper gebunden sind, der eigenen Bedingungen und Gesetzen unterliegt, war wichtig und richtig.

Gleichzeitig begründete er einen seltsam vulgären, aber ungeheuer weit verbreiteten Medien-Determinismus. Dass das Medium die Botschaft sei - der Satz hallt nach, wenn politische Aufstände als "Facebook"- oder "Twitter"-Revolutionen beschrieben werden.

Oder wenn man mal wieder die Frage diskutiert, ob das Internet den Beginn eines neuen Zeitalters oder den Untergang des Abendlands bedeute. Präsent ist er auch in dem in den vergangenen Jahren in Unternehmen und Medienhäusern geäußerten Befehl: "Wir müssen endlich etwas für das neue iPad machen."

In all diesen Fällen wird akzeptiert, dass Medien stärker sind als ihre Nutzer. Dass eher das Buch oder das iPad Geschichte schreibt als der menschliche Autor seiner Inhalte. Zugespitzt gesagt: Nicht wir hämmern mit dem Hammer, sondern der Hammer mit uns.

Sogar die Medienkritik hat diese Struktur in vieler Hinsicht übernommen - etwa wenn gesagt wird, Twitter habe an diesem und jenem Ort für eine Revolution viel zu wenig Nutzer, man sehe dort eher fern oder habe sich telefonisch verabredet. Oder wenn die Segnungen der guten alten Medien gegen die bösen neuen verteidigt werden.

So hing in einer deutschen Landesbibliothek - die auch Werke wie "Es spricht der Führer" besitzt - vor einigen Jahren ein Plakat, auf dem Regale voller Bücher zu sehen waren. Daneben stand sinngemäß: "100.000 Argumente gegen Rassismus".

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