"7 Tage unter Polizisten" Der Mensch im Panzer

Bereitschaftspolizisten stehen dort, wo es richtig zur Sache geht.

(Foto: NDR)
  • Für eine Doku hat der Journalist Martin Rieck eine Woche lang eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei in Hannover begleitet.
  • Bereitschaftspolizisten kommen bei Demonstrationen, bei Fußballspielen oder bei Staatsbesuchen zum Einsatz - und stehen zuweilen in der Kritik für ungerechtfertigten Gewalteinsatz.
  • Riecks Doku nähert sich unaufgeregt und doch sehr kritisch einer komplexen Realität zwischen Gewalt und Sprachlosigkeit.
Von Julian Dörr

Martin Rieck lehnt an der Heckklappe des Einsatzwagens und sucht den Blick der beiden Polizeibeamten, die ihn gerade im Kopfkontrollgriff abgeführt haben. "Boah, ich fand das jetzt ganz schön ruppig. Ich steh' da, und ihr seid voll in mich reingerannt." Er schaut sich um, schüttelt leicht den Kopf. "Gerade bin ich ein bisschen geschockt, ehrlich gesagt." Der Polizist mit Sturmhaube, Schutzhelm und -weste schaut zu seinem Kollegen, der die Arme mit dem Schlagstock vor der Brust verschränkt. "Wir waren jetzt nicht äußerst brutal. Wir haben 50 Prozent gegeben." Das Ganze war ja auch nur eine Übung. Denn Martin Rieck ist kein echter Gefährder. Rieck ist Journalist.

Für die Doku-Reihe 7 Tage ... des Norddeutschen Rundfunks (NDR) hat Rieck eine Woche lang eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei in Hannover begleitet, Einheit Beweissicherung und Festnahme. Bereitschaftspolizisten, das sind die Polizisten, die dort stehen, wo es richtig zur Sache geht. Sie kommen bei Großlagen zum Einsatz, bei Demonstrationen, bei Fußballspielen oder bei Staatsbesuchen. So wie im vergangenen Jahr beim G-20-Gipfel in Hamburg. Was er dort erlebt hat, erklärt Rieck am Anfang dieser eindrücklichen Dokumentation, hat ihn zum Nachdenken gebracht. Die Gewalt einiger Polizisten bei den G-20-Protesten habe ihm Angst gemacht, dabei soll die Polizei ihn doch beschützen. Rieck fragt sich: Wie ticken die eigentlich? Und was sind das für Menschen in den gepanzerten Uniformen?

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Deshalb lebt er also eine Woche unter Polizisten. Fährt mit ihnen auf Einsätze, grillt mit ihnen, trainiert. Zum Beispiel die Festnahme eines gewaltbereiten Gefährders aus einer Gruppe Demonstranten heraus. Den Gefährder spielt dieses Mal Rieck. Auf dem Trainingsgelände gesellt er sich zu den anderen Polizisten in Zivil, seinen Mitdemonstranten. "Was machen wir jetzt? Üben wir unser Demonstrationsrecht aus?", fragt der Journalist in die Runde. "Wir benehmen uns mal wie die linken Zecken", antwortet eine Polizistin. Gelächter. Ein Witz, offensichtlich. In diesen Tagen aber ist er nur leidlich witzig.

Ob er das Gefühl habe, dass man hinter ihnen stehe? "Teils, teils", antwortet der Polizist

Die Polizei steht in der Kritik. In Dresden pöbelte ein Mitarbeiter des LKA Sachsen am Rande einer Pegida-Demo gegen ein Kamerateam des ZDF. Polizeibeamte hielten die Journalisten daraufhin minutenlang von ihrer Arbeit ab. Auf Twitter verbreitete sich der Hashtag #Pegizei. Bei den Ausschreitungen in Chemnitz wirkte die Polizei in den vergangenen Tagen bisweilen macht- und willenlos gegenüber rechtsextremen Hetzern. Man habe die Lage unterschätzt, hieß es dort. Der alte Vorwurf, er steht wieder im Raum: Die Polizei knüppelt gerne nach links, nach rechts drückt sie ein Auge zu.

Die NDR-Dokumentation von Martin Rieck und Henning Wirtz kommt also gerade zum richtigen Zeitpunkt. Und nähert sich unaufgeregt und doch sehr kritisch einer komplexen Realität. Eine Realität, in der Gewalt alltäglich ist, über die aber, wenn überhaupt, nur in verklausulierten Sätzen gesprochen wird. Da sind auf der einen Seite Männer und Frauen, die ihren Job sehr ernst nehmen. Die eine große Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern spüren, gegenüber dem Rechtsstaat und der Demokratie. Und die für diese Haltung doch ziemlich oft auf die Fresse bekommen. Glasflaschen, Steine, Fäuste. "Die Gegendemonstranten haben oft kein Unrechtsbewusstsein", sagt ein Polizist. "Man wird von allen Seiten beschimpft", sagt ein anderer. Beim gemeinsamen Grillabend fordert Truppführer Jan mehr Rückhalt, auch von der Politik: "Das Einzige, was wir uns wünschen, ist, wenn wir rechtmäßig handeln, dass man dann auch hinter uns steht." Ob er das Gefühl habe, dass man hinter ihnen stehe? "Teils, teils", antwortet der Polizist.

Martin Rieck fühlt sich ein in die Lebenswelt dieser Menschen, deren Job es ist, im Zweifel auch Gewalt gegen andere anzuwenden. Dabei bleibt der Reporter immer kritisch, er stellt die richtigen Fragen. Nach den G-20-Protesten wurden 138 Verfahren gegen Polizisten eröffnet, bis heute kam es jedoch zu keiner Anklage. Ob es denn nicht schwierig sei, gegen andere Polizisten auszusagen, fragt Rieck beim Grillabend die befreundeten Kollegen Jan und Mika. "Ein gesunder Korpsgeist ist gut", sagt Jan, "aber er darf nicht dazu führen, dass man Scheiße baut." Irgendwann in dieser Doku filmt die Kamera ein Foto in einem Umkleidespind, ein Trupp Polizisten steht da wie eine Mauer, "Aufgabe ist keine Option" steht daneben.

Am Ende dieser nüchternen Doku weiß man nicht, warum diese Männer und Frauen gerade diesen Job machen. Aber man weiß, dass dort, wo Gewalt herrscht, und sei sie legal, auch Sprachlosigkeit herrscht. Und dass eben diese Sprachlosigkeit das eigentliche Problem ist.

7 Tage ... unter Polizisten, NDR, 23.50 Uhr.

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