Inga Sempé

»Mein Lieblingsspiel war es, mit meiner besten Freundin Claire Lestienne zu spielen, dass wir Jungs wären. Wir nannten uns ›Gaspard‹ und ›Grégoire‹ und spielten, wir wären zwei Jungs im selben Klassenzimmer, denen alle möglichen Dinge in der Schule widerfuhren. Unsere Väter waren sehr misogyn, sodass wir von Kindheit an wussten, dass Jungen einen größeren Wert hatten als Mädchen, mehr Rechte, mehr Freiheit. Als Mädchen wurde von uns erwartet, dass wir süß, anmutig und still sind. Wir zogen uns aber lieber wie Jungs an, fanden Röcke, Kleider, schöne Frisuren und Make-up lächerlich. Wir waren nicht sehr sauber, nie gewaschen, und ab dem Alter von vier Jahren weigerte ich mich generell, Röcke zu tragen. Warum sollten wir zu Hause das Geschirr waschen oder putzen, wie es unsere berufstätigen Mütter tun mussten, wenn unsere Väter zu Hause nicht putzten und halfen? Natürlich wollten wir beide die vermeintlich beste Position auf der Welt: Junge und Mann.«
