Man hätte Martino Gamper gern in seiner selbst gebauten Londoner Atelierwohnung besucht, wo er seit 25 Jahren lebt, zum Zeitpunkt des Interviews befindet sich der gebürtige Südtiroler aber gerade in seinem Zweitwohnsitz auf Aotea, einer kleinen Insel im Norden Neuseelands. Das Gespräch findet per Videokonferenz statt – auf Deutsch. Gamper, 51, gilt in der Designbranche als Ausnahmeerscheinung, weil er mit seinen Entwürfen zwischen Design, Kunst und Handwerk vermittelt. Bekannt wurde er 2007 mit seiner Aktion »100 Stühle in 100 Tagen« , bei der er aus Versatzstücken ausrangierter Stühle neue Stühle kreierte und früh die Themen Nachhaltigkeit und Recycling anstieß. Seine spielerischen Einzelstücke greifen die Tradition des Readymade auf, wie sie Marcel Duchamp in die Kunstwelt einführte: Auch »gefundene« Alltagsgegenstände wie Pissoirs oder Flaschentrockner, so lautete Duchamps Credo, können durch künstlerische Eingriffe in ein Kunstwerk verwandelt werden. Diesen Sommer wird Gamper mit einer großen Ausstellung imHaus der Kunst in München vertreten sein. Von der Kachel auf dem Bildschirm grüßt ein etwas müde wirkender Mann im Kerzenschein. In Neuseeland ist es schon Nacht. Im Hintergrund sind Urwaldgeräusche zu vernehmen.
Wohnen und Design»Ich denke mit den Händen«
Aus Heft 16/23
Lesezeit: 8 Min.

Der Designer Martino Gamper über den Zauber, Dinge zu entwerfen, die aus der Not geboren sind.
Interview: Thomas Bärnthaler Fotos: Benji Bradley