Court-Couture bei den French OpenWieviel Mode verträgt der Sport?

Lesezeit: 3 Min.

Naomi Osaka im Couture-Kleid von Kevin Germanier und mit riesigem Schleifenpropeller im Kreuz, Jannik Sinner mit Gucci-Tasche (Mitte).
Naomi Osaka im Couture-Kleid von Kevin Germanier und mit riesigem Schleifenpropeller im Kreuz, Jannik Sinner mit Gucci-Tasche (Mitte). Links: Thomas Samson/ Getty Images; Mitte: Tullio Puglia / Kontributor/ Getty Images; Rechts: Peter van den Berg/ISI Photos / Kontributor/ Getty Images

Bei den French Open betritt Naomi Osaka den Platz in einem Designer-Kleid. Es ist nicht ihr erster extravaganter Auftritt auf dem Court. Ist das gutes Marketing oder schadet sie dem Tennis?

Von Silke Wichert

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Im Film Saltburn gibt es eine legendäre Tennis-Szene, in der die High-Society-Schnösel – darunter Jacob Elordi – im Smoking spielen, während die leicht durchgeknallte Adelstochter mit Pumps, lila glänzenden Leggings und Glitzerfransenjacke den Schläger schwingt. Natürlich trinken sie dabei Champagner – und natürlich war das Publikum sofort hingerissen. Astreine Dekadenz trifft poppigen Hedonismus. Wahrscheinlich wurde die Szene auf den Tennisplätzen der echten britischen Herrenhäuser zuletzt zigfach kopiert.

Aber die French Open sind nur ein bisschen dekadent und viel weniger hedonistisch, weil es hier ja um knallharten Profi-Sport geht. Seit gestern diskutiert daher die Tenniswelt mal wieder über die extravaganten Auftritte der Japanerin Naomi Osaka. Die 28-Jährige fällt regelmäßig mit ihren Spieloutfits wie auch mit ihren Überziehsachen auf. Mal hat sie Blumen im Haar, Labubus an der Tasche oder einen riesigen Schleifenpropeller im Kreuz. Bisheriger Höhepunkt: Bei den Australian Open im Januar trug sie einen weißen Bowler-Hut samt Schmetterling und langem Schleier, dazu einen Maxi-Faltenrock und viktorianischen Sonnenschirm. Der »Quallen-Look« des Designers Robert Wun hat schon jetzt Sportgeschichte beziehungsweise Sportmodegeschichte geschrieben.

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Gestern beim Erstrunden-Match gegen die deutsche Nummer Eins Laura Siegemund lief sie nun im Couture-Kleid des Schweizer Designers Kevin Germanier auf und zog erst mal nur das Oberteil aus. Die Aufschlagübungen absolvierte sie also noch mit bodenlangem Tüllrock, erst dann streifte sie auch den ab. Siegemund beschwerte sich hinterher über die »zeitraubende Modenschau«, wie man auch bei unseren SZ-Kollegen nachlesen kann. Auf Videos ist allerdings zu sehen, wie Osaka relativ geschmeidig aus der Garderobe schlüpft, der Rock hat ein elastisches Bündchen, das Oberteil keine Knöpfe, Profi-Liga halt. Gewonnen hat das Match übrigens die Japanerin.

Von den einen wird sie für ihre »Fashion Victories« gefeiert, vielen anderen ist sie regelrecht verhasst, wenn man sich die Kommentarspalten von Posts auf Social Media einmal anschaut. »Fucking Clownshow«, »Rampensau«, »die soll einfach Tennis spielen!« gehören noch zu den harmlosesten Beschimpfungen. Weshalb man sich doch einmal fragen kann: Was genau »triggert« die Leute hier eigentlich so? Weil das Gedöns im Sport nichts zu suchen hat? Weil der Tennisplatz ihrer Meinung nach als Laufsteg missbraucht wird? Oder weil hier jemand, sprichwörtlich, den anderen die Show stiehlt?

Zunächst einmal: In Sachen Markenbildung ist das natürlich genial. Osaka ist jetzt die mit den irren Outfits und damit immer noch, oder jetzt erst recht, ein Superstar, obwohl sie auf der Rangliste aktuell nur auf Platz 18 rangiert. Sie selbst hat in Interviews mehrfach betont, dass sie mit großen Tennis-Stilikonen aufgewachsen sei, Maria Sharapova, Venus und Serena Williams. Letztere spielte auch mal im Ballett-Tutu oder Catsuit. Im gerade erschienenen Bildband »ACE« spricht Osaka außerdem davon, dass sie den Tenniscourt als Bühne und die Spieler als Entertainer verstehe. »Ich glaube, dass Menschen auf der ganzen Welt ihren Stil und ihre Garderobe nutzen, um auszudrücken, wie sie sich fühlen, oder sogar, um ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. Wenn ich ein tolles Outfit trage, fühle ich mich am stärksten und selbstbewusstesten«. Genau dann spiele sie auch ihr bestes Tennis. Tatsächlich haben ihre Auftritte ein bisschen was von einem »Ring Walk« wie bei Boxern, die sich mit dem dramatischen Gang zum Boxring kurz vor einem Duell hochputschen. Das kann man albern finden, erlaubt ist es bislang jedoch.

Und was die Mode beziehungsweise die Marken angeht: Die sind im Sport, gerade im Tennis, ja schon lange an jedem Fitzelchen Stoff präsent. Die Balljungen tragen in Wimbledon Ralph Lauren, Suzanne Lenglen spielte 1919 bereits in Jean Patou, Lilí Álvarez trug in den Dreißigern einen Hosenrock von Schiaparelli. Serena Williams brachte die »Court Couture« mit einer Kooperation mit Nike x Off-White 2018 zurück. Jannik Sinner setzte mit einer Gucci-Bag statt klassischer Tennistasche noch eins drauf, woraufhin Anhänger des konservativen Lagers ihm am liebsten die Schläger-Saiten angesägt hätten.  Mittlerweile regt sich über solche Sachen niemand mehr so richtig, auch Aryna Sabalenka trägt neben ihren diversen Cartier-Ketten ebenfalls Gucci-Tasche. Das Spielfeld mag immer gleich bleiben – doch der Spielraum für Marketing und Selbstinszenierung ist inzwischen grenzenlos.

Naomi Osaka bemerkte in einem Interview übrigens einmal, dass es im Tennis oft so ernst zugehe, dass es doch schön sei, ein paar spielerische Elemente einzubringen. Novak Djokovic tat im Grunde genau das, als er nach seinem gewonnen Erstrunden-Match ein paar Dancemoves am Netz absolvierte. Er wurde für diese »Showeinlage« überall abgefeiert.

Modische Wegbereiter: Suzanne Lenglen, Andre Agassi

Typischer Instagram-Kommentar: Fourty – LOVE

Passender Film: Challengers

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