Vorgeknöpft - Die ModekolumneVom Leben gezeichnet

Lesezeit: 3 Min.

Kelly Hughes in typischer  Sports-Illustrated -Pose – und mit Narbe.
Kelly Hughes in typischer Sports-Illustrated-Pose – und mit Narbe. Foto: Instagram/kellyhues

Das Magazin »Sports Illustrated« zeigt in seiner berühmten Swimwear-Ausgabe zum ersten Mal ein Model mit Kaiserschnitt-Narbe. Sind Körper, die Geschichten erzählen, jetzt tatsächlich kein Makel mehr – oder wird hier geschickt »Bodypositivity-PR« gemacht?

Von Silke Wichert

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Am Montag erschien die legendäre Swimwear-Ausgabe des Magazins Sports Illustrated. Das alljährliche Titelmodel ist dann so etwas wie die Badenixe der Nation und wandert tausendfach in den Louvre des kleinen Mannes: an die Spind- und Badezimmertüren dieser Welt. Diesmal gibt es gleich vier Covermotive, schließlich leben wir in einer vielfältigen Welt, die abgedeckt werden will: das Plus Size Model Yumi Nu, »Best Ager« Maye Musk, die Sängerin Ciara und, tadaaaaaa: Kim Kardashian. Für den Reality-Star ist damit, O-Ton, ein Traum in Erfüllung gegangen, den sie ganz oben auf ihrer »Bucket-List« hatte. Da steht jetzt wahrscheinlich nur noch Bond Girl und Richterin am Supreme Court drauf.

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Was sich Kim eher nicht hätte träumen lassen: Die eigentliche Sensation dieser Ausgabe ist nun gar nicht sie, sondern das Model Kelly Hughes, 42, die weiter hinten im Heft in einer Bikini-Strecke zu sehen ist und nicht nur viel Haut, sondern noch etwas anderes zeigt: In klassischer Stranderotik-Pose lupft sie ihr Unterteil leicht nach unten und legt eine deutlich sichtbare Kaiserschnitt-Narbe frei. Theoretisch ein ganz normales Geburtsmal, in der Hochglanz-Magazin-Welt allerdings etwas unerhört Neues. Entsprechend werden Hughes und Sports Illustrated nun dafür gefeiert. 

Natürlich geht es hier um eine Inszenierung, einen gezielten Tabu-Bruch. Nach dem ersten schwarzen Model, dem ersten Plus-Size-Mädchen, der ersten älteren Frau, vielleicht sogar samt Falten und grauen Haaren, kann nun das Häkchen bei »Model mit Kaiserschnitt-Narbe« gesetzt werden. Man mag das »Bodypositivity-PR« nennen und die Spirale gedanklich weiterdrehen: Wird nächstes Jahr die erste Frau mit nicht retuschierten Besenreißern in der Swimwear-Issue zu sehen sein? Mit Brustamputation? Wer jetzt einwenden möchte, dass diese Frauen mit im positiven Sinne nicht mehr ganz makellosen Körpern ja trotzdem noch phänomenal hübsch aussehen – äh ja, wir sind hier immer noch in der Modewelt. Schöner Schein und so. Von heute auf morgen werden die Grundfeste und Photoshopfilter eher nicht eingerissen.

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Aber ohne Sports Illustrated nun zum inklusiven Aufklärungsorgan zu verklären – in Wahrheit geht es hier um ein bisschen mehr als irgendwelche Beauty-Standards. Eine Kaiserschnittnarbe ist für viele Frauen nämlich tatsächlich noch ein Stigma, über das sie kaum sprechen und das sie tunlichst verstecken. Dabei kommen weltweit etwa 21 Prozent aller Babys per Kaiserschnitt auf die Welt, Tendenz steigend. Die Gründe sind vielfältig, mal heißt es, dass die Krankenhäuser Kaiserschnitte forcieren, weil sie mehr daran verdienen als an einer vaginalen Geburt, mal, dass Frauen sich aus freien Stücken für eine Sectio entscheiden, weil sie Angst vor einer vaginalen Geburt haben oder das Datum bestimmen wollen. Bei anderen Müttern wiederum ist der der Eingriff aus medizinischen Gründen notwendig und unter Umständen lebensrettend.

Aus welchem Grund auch immer sie hinterher eine waagerechte Narbe am Bauch haben – keine Frau muss sie herzeigen wollen, verstecken müssen sollte sie jedoch auch niemand. Denn was bitte könnte eine bessere Nachricht sein, als ein Kind auf die Welt gebracht zu haben? Trotzdem sind öffentliche Bilder von Geburtsmalen noch immer eine Seltenheit.

Die englische Fotografin Helen Aller postete 2015 ein Schwarz-Weiß-Foto einer Freundin nur eine Woche nach deren Kaiserschnitt. Die Aufnahme zeigte ihren Unterleib mit der frischen Narbe, gleich darunter den Kopf des Babys, das per Not-Operation auf die Welt geholt werden musste. Das Foto sollte festhalten, wie ihr schlimmster Albraum, nämlich nicht vaginal zu gebären, ihr zu dem größten Glück verholfen hatte: einem gesunden Kind. Die Aufnahme wurde daraufhin über 200.000-mal geteilt, kommentiert, überall auf der Welt posteten Frauen ihre eigenen Erfahrungen.

Das bislang vielleicht prominenteste Bild mit Kaiserschnittnarbe zeigt die hochdekorierte US-Läuferin Allyson Felix mit ihren Medaillen um den Hals – und ihrer Narbe darunter am Bauch. Tatsächlich schien sie sie so stolz wie eine weitere Trophäe zu präsentieren, vielleicht ihre wichtigste: Die 36-Jährige brachte ihre Tochter Ende 2018 mit Komplikationen per Kaiserschnitt zur Welt, das Baby kam zwei Monate zu früh, musste zunächst auf der Intensivstation bleiben. Derweil hatte ihr der Sponsor Nike wegen der Schwangerschaft das Gehalt gekürzt, im Falle fehlender Topleistungen nach der Geburt drohte man mit weiteren Einschränkungen. Felix kündigte den Vertrag daraufhin, gründete ihre eigene Sportmarke und holte bei den Olympischen Spielen in Tokio zwei weitere Medaillen. Je mehr Bilder von etwas existieren, desto normaler wird unser Umgang damit. Egal, ob Instagram oder sexy Bademodenkatalog das Medium ist – in diesem Fall ist es die Botschaft, die zählt.

Zu erzählen gibt es übrigens noch mehr als genug: Das bekannte Plus-Size-Model Ashley Graham, das vor kurzem Zwillinge bekam, postete im April ein Foto ihres deutlich ausgeleierten, mit Streifen versehenen »Postpartum Belly« auf Instagram und bedankte sich bei ihrem Bauch, weil er »einiges mitgemacht habe«. Ihre 18 Millionen Follower überschütteten sie mit Anerkennung für diesen mutigen Schritt, zahlreiche Medien berichteten darüber. Allerdings scheint Graham das Foto mittlerweile gelöscht zu haben. War ihren Werbekunden das dann doch zu viel des echten Leben?

Typischer Instagram-Kommentar: »Ich kauf’ die Ausgabe nur wegen der schönen Naturkulissen«
Das sagt der Heidi-Klum-Fanclub: »Es kann nur ein Sports Illustrated-Covermodel geben.«
Passende Serie: »Baywatch«

Illustration: Grafilu

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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