Vorgeknöpft: die ModekolumneMinimalismus muss man sich leisten können

Lesezeit: 3 Min.

An normschönen Körpern sieht minimalistische Kleidung maximal gut aus.
An normschönen Körpern sieht minimalistische Kleidung maximal gut aus. Foto: Jose Perez/Bauer-Griffin; Getty Images

Levi's-Jeans, Slipdresses aus Seide: Der 90er-Jahre-Look der Kennedys aus der Serie »Love Story« wird gerade gefeiert, Modeketten bringen passende Kollektionen heraus. Leider sieht der Trend an den wenigsten gut aus. Und verrät die Clean-Girl-Ästhetik nicht auch etwas über den konservativen Zeitgeist?

Von Silke Wichert

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Das dürfte jetzt etwas unpopulär werden. Wie, wenn die beste Freundin oder der beste Freund einem die neue Flamme ausreden will und sagt: Lass lieber die Finger davon. Gemeint ist der 90er Jahre Minimalismus, in den seit Love Story alle schockverliebt sind. Die viel diskutierte Serie zeigt, wie sich Carolyn Bessette Kennedy und John F. Kennedy Jr. im New York der 1990er Jahre ineinander verlieben – und dabei unendlich cool, umwerfend, handsome aussehen. Aber so einfach, wie es rüberkommt, ist es natürlich nicht.

Die Serie lullt deshalb so gut ein, weil sie im Grunde ein einziges Mode-Moodboard ist: lauter schöne Bilder mit den richtigen Klamotten. Handlung, Spannungsbogen, Tiefe? Eher zweitrangig. Worum es grob geht und wie es ausgeht, wissen die meisten ohnehin längst. Kaum war die erste Folge Mitte Februar gelaufen, schossen die Suchanfragen nach #cbkstyle und 90er Minimalismus im Netz in die Höhe. Auf Vintage-Plattformen waren frühes Prada, altes Yohji Yamamoto und puristisches Calvin Klein noch gefragter als sonst. Dort arbeitete Carolyn Bessette, als sie den jungen Kennedy kennenlernte, und avancierte neben Kate Moss zum besten Aushängeschild der Marke.

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Dass Calvin Klein passend zum Hype nun einen »90er Jahre Edit« im Online-Store verkauft, war zu erwarten. Stil des Hauses gewissermaßen. Auch Massimo Dutti wirbt gerade mit einer Kampagne, die einem Abziehbild von Love Story gleicht. Bei den Oscars und der Vanity Fair After-Party traten Emma Stone und Renate Reinsve nicht zufällig in minimalistischen Kleidern auf. Von Vogue bis Instyle haben sämtliche Titel »den Look der Kennedys« seziert und mit Legeware zum Nachmachen illustriert. Auf TikTok gibt es endlos Tutorials zum Thema.

Aber lässt sich dieser Stil mal eben kopieren? Ein Schildpatt-Haarreif und eine ovale Sonnenbrille macht noch keine CBK. Ein verkehrtherum aufgesetztes Baseballcap noch keinen Kennedy. Das sind nette, aber harmlose Flirts für den Anfang. Kompliziert wird es erst danach. Bei den beigefarbenen Pullovern mit gerolltem Kragen, den schlichten Slipdresses, der Levi’s 517, den schmalen Röcken, für die jetzt alle Geld ausgeben sollen, obwohl die meisten Teile davon so oder so ohnehin wahrscheinlich eh schon im Schrank liegen. Darin großartig, mühelos und umwerfend auszusehen, ist wie bei der Lottoziehung: ohne Gewähr.

Nicht nur, weil die Frau halt diese seidigen Timotei-Haare hatte und eine perfekte Figur. Carolyn Bessette Kennedy konnte sich am Ende Hermès-Taschen, Prada-Camelcoats und den besten Blow-Dry von New York leisten, aber das Auge für die richtigen Teile in einem Haufen von Zeug, und die Gabe, darin total unangestrengt auszusehen, besaß sie schon vorher. Das ist ja tatsächlich ein Talent. Vielleicht nicht so wertvoll wie rhetorische Brillanz oder bei Quantenphysik den Durchblick zu behalten, aber eines, für das Menschen viel Geld an Stylisten bezahlen.

Wer sich selbst jetzt eine elegant-minimalistische Capsule Wardrobe wünscht, sollte also wissen, dass er einem Mythos hinterherjagt. Ein weißes Männerhemd zu einem schwarzen schmalen Rock sieht nicht an allen Menschen automatisch umwerfend aus. Um etwas aus diesem Look herauszuholen, braucht man die besten Schnitte und hochwertige Materialien.

Ironischerweise muss man sich gerade Minimalismus leisten können. Die Kennedys waren der Inbegriff von politischem Pedigree und Ostküsten-Eleganz. Wenn die ein Sweatshirt und Leinenschuhe trugen, war das nonchalant – weil sie im Zweifelsfall auf dem Weg zum Bootsausflug waren. Wer das gleiche in der Fußgängerzone trägt, sieht wahrscheinlich einfach nach gar nichts aus.

Nostalgie spielt beim Erfolg von Love Story ebenfalls eine Rolle. Man würde zu gern in diesem Tribeca-Loft wohnen, den ganzen Tag Sade hören und im Central Park Football spielen, statt ständig am Smartphone zu hängen. Egal, ob die Zeiten damals wirklich besser waren – man bekommt zumindest das Gefühl, dass die Leute damals besser aussahen. Zumindest bei diesem Ausnahmepaar war das natürlich auch so. Aber richtig progressiv ist der Look nicht. Eigentlich ist er, ähnlich der vielbemühten »Clean Girl Ästhetik«, sogar relativ konservativ.

Wenn man in dieser Serie überhaupt irgendetwas lernt, dann, dass Carolyn Bessette Kennedy zunehmend verblasste und sich immer mehr den Erwartungen der Familie anpasste. John F. Kennedy Jr. wird zwar ständig begehrtester Junggeselle Amerikas genannt, ist aber weder sonderlich ambitioniert noch mit emotionaler Intelligenz gesegnet. Sind das wirklich moderne Vorbilder? Vielleicht doch mal Zeit, mit Love Story Schluss zu machen.

Wird getragen von: allen, die in den 90ern noch nicht auf der Welt waren
Typischer Instagram-Kommentar: »Als nächstes bitte die Liebesgeschichte der Beckhams!«
Passende Zahl: 192.000 Dollar – Preis, zu dem CBKs Mantel von Prada kürzlich versteigert wurde

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