Vorgeknöpft – Die ModekolumneKruzifix, warum tragen so viele jetzt Kreuz?

Lesezeit: 3 Min.

Lady Di trug es schon 1987, Miley Cirus und Chappell Roan haben es erst kürzlich für sich entdeckt: das Kreuz auf der Brust.
Lady Di trug es schon 1987, Miley Cirus und Chappell Roan haben es erst kürzlich für sich entdeckt: das Kreuz auf der Brust. Fotos: Getty Images | Collage: Lea Fetköter

Mit Madonna wurde es Pop, Lady Di machte es salonfähig, jetzt schmücken sich Chappell Roan und Dua Lipa mit Kreuzanhängern. Liegt es am Konklave? Oder ist das Accessoire für die Trägerinnen völlig bedeutungslos?

Von Silke Wichert

J

»Jesus ist sexy« erklärte Madonna Anfang der Achtziger auf die Frage, warum sie lauter Kreuze um den Hals trage. Das sollte provokativ sein. War es damals auch. Zumal bei einem Popstar mit dem Namen, der bald darauf Lieder wie »Like a virgin« und »Like a prayer« sang, und unterhalb der Ketten nicht viel mehr als ein Spitzen-Bustier trug. Ihre »Cross Promotion« sorgte für jede Menge Aufregung, aber bekanntlich auch für Album- und nicht zuletzt Schmuckverkäufe. Vorher war das Kreuz in erster Linie Symbol von Gläubigen gewesen, Anhängsel von Erstkommunion und Konfirmation. Erst mit Madonna wurde daraus auch ein Fashion Statement, das bis in die Neunziger Ohrringe und Halsbänder in sämtlichen Ausführungen zierte.

Offensichtlich ist Jesus jetzt wieder sexy. Zumindest sind Kreuze in der Popkultur so präsent wie seit Madonnas Anfängen nicht mehr. Die Sängerin Chappell Roan trug einige sehr große Exemplare auf der Bühne genauso wie Sabrina Carpenter. Dua Lipa wird privat gelegentlich mit kleinen Anhängern gesehen. Bei Läden wie Bershka gibt es gerade bunte Kreuze im Viererpack. Alles kommt wieder. Und aus Ketten und Ohrringen kann man praktischerweise nicht mal herauswachsen.

Provokant ist der Trend dabei schon lange nicht mehr. Viele Muster und Accessoires haben in der Mode so viele Schleifen gedreht, dass sie weitgehend bedeutungslos sind. Camouflage funktioniert für die meisten Träger längst von jeglicher Kriegslogik entkoppelt, ein Kreuz ist für viele einfach eine schöne Form, ein Klassiker unter den Schmuckanhängern. Michael Coan, Professor für Schmuckdesign am Fashion Institute of Technology in New York, erteilte der modischen Zweckentfremdung sogar die Absolution: »Kreuze existierten Tausende von Jahren vor dem Christentum«, erklärte Coan einmal in der New York Times. »Sie sind kein exklusiv christliches Symbol.«

Mit modischen Kreuzen begeht man also offiziell keine Sünde. Ironischerweise wird es dafür jetzt in religiösem Kontext kompliziert. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump gibt es nämlich so etwas wie das Kreuz der Nation: Seine Sprecherin Karoline Leavitt, die – als gute Katholikin – kein White House Briefing ohne ihre gut sichtbare Kette mit Anhänger hält. Auf Tiktok machen es ihr junge Influencerinnen bereits nach und tauschen sich über christliche Werte aus.

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Die evangelikalen Christen haben dem Präsidenten bekanntlich zum Wahlsieg verholfen, er selbst sieht sich von Gott beschützt und auserwählt. Dummerweise versteht Trump Nächstenliebe ein bisschen anders als echte Christen, nämlich eher als Vetternwirtschaft. Leavitt wiederum hat mit Geboten wie »Du sollst nicht lügen« in ihren Pressekonferenzen wenig am Hut. Im Podcast »The New Abnormal« wurde sie deshalb jüngst als Scheinheilige kritisiert, die sich plakativ mit christlichen Werten schmückt, sie aber gar nicht wirklich lebt.

Die Diskrepanz fällt umso mehr auf, da das wahre Christentum durch den Tod von Papst Franziskus gerade im Fokus der Weltöffentlichkeit steht. Wer bei großen Kreuzen zuletzt nur an Dolce & Gabbana dachte, erinnert sich angesichts der Berichterstattung und des anstehenden Konklave vielleicht mal wieder an die eigentliche Bedeutung des Symbols und macht fortan beim Gegenüber den »Cross Check«: Trägt hier jemand das Kreuz als erklärter Christ? (Justin Bieber, Neymar Jr., Jeremy Fragrance et al.) Dann sollte auch sein Verhalten entsprechend christlich sein, sonst wird der Glauben lediglich instrumentalisiert.

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Oder ist das Kreuz lediglich ein Fashion Statement, das man zwar nicht gutheißen muss, das aber zumindest nicht mehr sein will als es ist? Kim Kardashian beispielsweise kaufte bei Sotheby’s vor einiger Zeit das legendäre »Attallah Cross« für knapp 200.000 Dollar. Ein mit Amethysten und Diamanten besetztes Riesen-Exemplar, das in den Achtzigern niemand geringeres als Lady Diana trug. Unwahrscheinlich, dass Kardashian es für den sonntäglichen Beichtgang ersteigerte.

Wer in diesen Tagen bei Kardinälen und Bischöfen jetzt unweigerlich auf die großen Brustkreuze schaut - die sogenannten Pektoralen sind keineswegs alle gleich, die Kordeln haben je nach Rang unterschiedliche Farben. Bei Bischöfen oder Erzbischöfen sind sie grün-golden, bei Kardinälen rot-golden, beim Papst: golden. 

Wird auch getragen von: David Beckham, Miley Cyrus
Typischer Instagram-Kommentar: Jede*r bitte nur ein Kreuz
Passender Song: Like a prayer (Madonna)

Illustration: Grafilu

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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