Jede Chat-GPT-Eingabe frisst bekanntlich Unmengen Energie, aber manche Fragen mussten in den letzten Tagen einfach gestellt werden. Zum Beispiel: »Raucht Hailey Bieber WIRKLICH?« Das Model, das auch als Frau von Justin Bieber und Beauty-Unternehmerin ihrer Marke »Rhode« bekannt ist, wurde für das neue Cover des amerikanischen Magazins Interview fotografiert und hält auf gleich zwei Bildern eine qualmende Zigarette in der Hand. Das ist insofern erstaunlich, als dass die 29-Jährige eher als sogenanntes Clean Girl bekannt ist, das extrem gesundheitsbewusst unterwegs ist, damit ihre Haut weiterhin wie »ein glasierter Donut« strahlt. (Ihre Worte, nicht unsere.) Außerdem natürlich, weil Zigaretten eigentlich schon lange nicht mehr beworben werden sollen. Langfristig verwandeln sie die Epidermis nämlich eher in Richtung ausgezogener Krapfen, vor allem verursachen sie Krankheiten wie Lungenkrebs.
Insofern waren die Verwirrung und Bestürzung auf Social Media groß. »Was soll das mit der Zigarette?«, »Wollt ihr Rauchen jetzt wieder cool machen?«, »Mein Tag ist ruiniert«, schrieben Nutzer in den Kommentaren unter das betreffende Foto. Im Interview dazu geht es allerdings nicht ums Rauchen, stattdessen schwärmt Bieber von Peptiden, die sie für alles mögliche in Pillen-, Creme- und Spritzenform nimmt. Die Zigarette scheint einfach eine Requisite zu sein, so wie Bieber auf anderen Fotos auch mit einer Harfe oder mit goldenem Hasenkostüm zu sehen ist, obwohl sie in Wahrheit wahrscheinlich weder Harfe spielt noch zu Hause als Hase rumläuft.
Und doch kann man natürlich fragen, was das jetzt soll. Nicht nur Bieber posiert nämlich mit Zigarette, Kylie Jenner war gerade mit Kippe im Mund auf dem Cover der amerikanischen Vanity Fair zu sehen, ebenso wie Schauspielerin Odessa A’zion aus Marty Supreme im W Magazine. Sabrina Carpenter rauchte im Video zu ihrem Song Manchild, Sängerin Charli xcx tut es sowieso – gerne auch mal auf der Bühne – und bekam von Rosalía einen Zigaretten-Blumenstrauß zum Geburtstag. Wer noch mehr Beispiele möchte, findet sie auf dem Instagram-Account cigfluencers des Kanadiers Jared Oviatt, der dort alles, was Rang, Namen und Kippe am Start hat, sammelt. Tendenz der Ausbeute: steigend.
Noch vor wenigen Jahren ließ sich allenfalls Ben Affleck qualmend in der Öffentlichkeit erwischen. Als Marc Jacobs, sein heutiger Ehemann Char Defrancesco, Courtney Love und ihre Tochter auf dem Damen-Klo der glamourösen Met-Gala 2017 heimlich Zigaretten rauchten, war das ein Skandal und Ausweis eines gehörigen Trash-Faktors (und dann auch noch Mentholzigaretten!). Mittlerweile scheint niemand mehr die totale soziale Ächtung zu fürchten, wenn er wie Dua Lipa oder Anya Taylor-Joy von Paparazzi mit Zigarette fotografiert wird und selbst vermeintliche Nichtraucher wie Hailey Bieber damit posieren.
Man könnte jetzt argumentieren, dass die Zigarette in der breiten Masse so tot ist, dass sie in der Popkultur nur noch als Zitat auf vergangene Zeiten weiterglimmt. So wie in der Serie »Love Story«, die in den Neunzigern spielt, weshalb dort eben ständig geraucht wird. Aber wer gelegentlich in Restaurants oder auf Partys geht, stellt fest, dass dort eben doch ein beträchtlicher Anteil der Gäste zwischendurch nach draußen verschwindet.
Nachdem der Tabakkonsum in Deutschland stetig zurückging, steigt er seit 2024 wieder leicht an. Auch in aktuellen Serien wie »Heated Rivalry« und »The Bear« wird immer noch beziehungsweise wieder geraucht. Nicht flächendeckend natürlich, aber Rauchen als Charakteristikum hält sich hartnäckig, zumal wenn es sich um einen gestresst-kaputten Koch oder einen russischen Hockey-Spieler handelt, der so sexy wie ungehobelt daherkommen soll. Im echten Leben wurde sein langweiliger Rivale, der Schauspieler Hudson Williams, während der Pariser Fashion Week rauchend auf einem Hotelbalkon gesichtet und machte die Zigarette nicht etwa schnell aus, sondern winkte damit in aller Ruhe den Fans zu.
Interessant ist, dass das Vapen, das in den Raucherpausen da draußen durchaus verbreitet ist, bislang kaum bis gar nicht popkulturell aufgegriffen wird. Es qualmt halt nicht so gut, das Plastikteil lässt sich nicht so lässig abgewinkelt in der Hand halten, man kann es nicht wegschnippen. Es gibt schlicht keine gute Ikonographie dazu. Zu echten Zigaretten dagegen jede Menge.
Ist die Sehnsucht nach diesen vermeintlich cooleren, weil unbeschwerteren Zeiten der Achtziger und Neunziger nun so groß, dass manche den Look mit sämtlichen Accessoires rekreieren? Oder geht vielen der aseptische Zeitgeist und die allgemeine Gesundheitshysterie dermaßen auf die Nerven, dass sie mit einer Art angezündetem Stinkefinger dagegen feuern? Das zeichnete sich schon mit dem Brat-Gefühl vor zwei Jahren ab, angeführt von Charli xcx, die erklärte, brat sei zum Beispiel jemand, der eine »Packung Kippen plus Bic Feuerzeug bei sich hat«.
Zigarettenschachteln hingegen sieht man auf all den Fotos kaum und auch insgesamt immer weniger; und das nicht etwa, weil sie mit den unschönen Warnhinweisen in hübschen Etuis versteckt würden. Entweder man schnorrt sich so durch oder auf Partys werden gleich Kippen für alle in silbernen Schalen gereicht. Dass kaum jemand Zigaretten dabeihat, ist genauso typisch für diesen Tren. Das neue Ideal ist der Party-, Gelegenheits- und Poser-Raucher, der sich fürs Foto mit Kippe inszeniert, aber – natürlich – nicht abhängig ist. Und am nächsten Morgen wird zum Ausgleich erst mal brav eine Ladung Peptide eingeworfen.
Wird getragen mit: gespitzten Lippen
Typischer Instagram-Kommentar: Hot. Not.
Passender Film: »Fight Club« (nach Studien wird hier mit 65 Szenen besonders häufig geraucht)

Silke Wichert hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.
