Vorgeknöpft - Die ModekolumneDavid Beckham auf Landflucht

Lesezeit: 3 Min.

Sieht aus wie ein Hirte, ist aber ein ehemaliger Fußballspieler. Victoria Beckham kommentiere das Outfit ihres Mannes auf Instagram mit den Worten: »Ein neuer Tag, ein neuer Cardigan.«
Sieht aus wie ein Hirte, ist aber ein ehemaliger Fußballspieler. Victoria Beckham kommentiere das Outfit ihres Mannes auf Instagram mit den Worten: »Ein neuer Tag, ein neuer Cardigan.« Foto: Instagram

»Cottagecore« ist in Coronazeiten zum Trendbegriff geworden – selbst Stars ziehen sich jetzt so an, als würden sie mit den Händen arbeiten. Was steckt hinter den Cordhosen, Filzcardigans und Spazierstöcken? 

Von Maria Hunstig

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Normcore, Dadcore, Menocore: In den letzten Jahren wurden zahlreiche »Core«-Kopplungen geschöpft, um neue Modebewegungen zu benennen – und zwar zumeist solche, deren namensgebende Basis (in diesen Fällen: der Durchschnitt, trendresistente Väter, Menschen rund um ihre Menopause) auf den ersten Blick gar nicht so furchtbar stilprägend erschien.

Nun gibt es ein weiteres schlagfertiges Kofferwort: Cottagecore. Dabei geht es um die Sehnsucht nach dem reduzierten Leben auf dem Land – selbstversorgend, mit den Händen arbeitend, ursprünglich, gemütlich, draußen. Im Gegensatz zu seinen Begriffsgeschwistern spielt sich Cottagecore nicht nur in der Mode ab, sondern lässt sich in eigentlich allen Lifestyle-Bereichen ausleben – vom Urlaub auf dem Bauernhof bis zur selbstgekochten Marmelade. Die passenden Outfits dazu, etwa wallende Blumen- und Karokleider, Leinenschürzen, Strohhüte, festes Schuhwerk, praktische Latzhosen und wärmende Strickpullis, stehen derzeit hoch im Kurs. »Garten Outfits« sind zum großen Trend auf Pinterest mutiert und Gucci inszenierte seine Pre-Fall-Kollektion 2020 gerade an Models im Grünen – auf Parkbänken, Steinen und Wurzeln.

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Einer der prominentesten Botschafter dieser Ästhetik ist neuerdings Stilchamäleon David Beckham. Vor zwei Wochen postete der Ex-Fußballer auf seinem Instagram-Account ein Foto von sich vor einem Rapsfeld im Sonnenuntergang, das offene Henley-Shirt locker in die Cordhose gesteckt, darüber eine bunte Strickjacke im Azteken-Muster, den Spazierstock in der Hand, die Schiebermütze auf dem Kopf. Kernig. Seine Frau, Modedesignerin Victoria Beckham, sei kein großer Fan seines Cardigans, er persönlich fände das aber einen guten Look, kommentierte Beckham dazu.

So gut, dass er eine Woche später gleich einen weiteren thematischen Outfit-Post absetzte, dieses Mal – laut Bildunterschrift – aber mit größerer Zustimmung seiner Frau. Innerhalb von wenigen Tagen hatte Profi-Spaziergänger Beckham seinen Cottage-Look perfektioniert: Hemd, Cordhose und Filzcardigan wählte er jetzt tonal abgestimmt in Einheitsbeige, die doch sehr urbanen Stan-Smith-Sneaker ersetzte er mit wandertauglicherem Schuhwerk und als neues, tierbezogenes Accessoire baumelte um seinen Hals eine Trillerpfeife. »Another day, another cardigan«, kommentierte Ehefrau Victoria Beckham: »Ein neuer Tag, ein neuer Cardigan.«

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Ein Leitspruch, den Landsmann Harry Styles bereits vor Monaten verinnerlicht hatte. Schon im Februar trug der Sänger bei einem Probe-Auftritt in der »The Today Show« von NBC einen kunterbunten Patchwork-Cardigan von JW Anderson, der jetzt zur Sensation auf TikTok mutierte. Fleißige NutzerInnen der Social-Media-App begannen, die rund 1.400 Euro teure Strickjacke nachzustricken/-häkeln/-nähen und ihre Selfmade-Kopien unter dem Hashtag #HarryStylesCardigan zu teilen. Dieser hat mittlerweile über 5 Millionen Aufrufe, was wiederum den Designer des Originals, Jonathan Anderson, dazu veranlasste, das exakte Strickmuster auf seiner Webseite zu veröffentlichen.

Dieser Viralhit verdeutlicht gleich zwei Gründe, warum Cottagecore gerade auf dem Vormarsch ist. Tatsächlich ist die Begeisterung für Do-it-Yourself und Landleben nämlich nicht gerade neu. Die »Landlust« zählt trotz Printkrise seit Jahren zu den auflagenstärksten Zeitschriften des Landes, Handelskonzepte wie Manufactum bauen schon lange erfolgreich auf Werte wie Langlebigkeit und Handwerklichkeit – und über den zweiten Frühling von Schrebergärten (und die Verjüngung deren Mieter) wurde bereits vor 10 Jahren gesprochen. Und doch war es Corona, was all das auf die Spitze trieb. In Zeiten der Isolation wurde das Land zum Sehnsuchtsort der Städter. Hier war das Leben seinem Prä-Pandemie-Pendant am ähnlichsten, man fühlte sich trotz Kontaktsperren am wenigsten eingesperrt, es gab Auslauf und Platz zum Atmen. Nicht nur für Alleinerziehende in der 40-Quadratmeter-Wohnung wurde der Bauernhof zur Traumdestination. Zweitens: Die Selbermachbewegung erlebte mit Aktivitäten wie Töpfern, Bananenenbrot backen, Sauerteig ansetzen, Kräuter züchten und Häkeln während der erzwungenen Heimeligkeit neue Hochzeiten.

Ob das so bleibt? Wie das so ist mit Trends und Gegentrends dürfte eine modische Gegenbewegung mit futuristischen Entwürfen aus dem 3D-Drucker und formaler Businesskleidung nicht lange auf sich warten lassen. Wir beobachten das aus dem Schaukelstuhl vor dem Gartenhäuschen, eingehüllt in unsere selbstgemachte Häkeldecke.

Wird getragen mit: Clogs, Schürze, Cord, Latzhose, Gummistiefel, Heckenschere, Weck-Glas, Strohhut, Grasflecken
Trendbegriffe mit Verwechslungsgefahr: Craftcore, Plant Parenting, Waldbaden, Vanille
Nicht verwechseln mit: »The Simple Life« mit Paris Hilton und Nicole Richie

Illustration: Grafilu

ist Redakteurin bei vogue.de. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

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