KörpernormenUnd jetzt kommt der »Protein Chic«

Lesezeit: 3 Min.

Connor Storrie, Hudson Williams und Pedro Pascal erhöhen den Druck auf die Männer.
Connor Storrie, Hudson Williams und Pedro Pascal erhöhen den Druck auf die Männer. Fotos: Getty Images / Amy Sussman, Getty Images / Dimitrios Kambouris, Getty Images / Sameer Al-Doumy; Collage: SZ-Magazin

Ärmellos, eng, muskelbepackt: Auf dem roten Teppich stellen männliche Stars ihre gestählten Arme zur Schau, doch so ein Körper ist Arbeit. Das wissen Frauen schon lange.

Von Silke Wichert

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Dezibel werden bei der Met Gala in New York noch nicht gemessen, aber es lässt sich ziemlich sicher sagen, dass Connor Storrie neben Rihanna und Beyoncé vergangene Woche einen der höchsten Werte erreichte. Der Schauspieler aus der Serie Heated Rivalry posierte nämlich nicht nur so rum auf den Treppenstufen. Er zog sein Jackett aus, unter dem er ein seidenes Neckholder-Top trug, das gepunktet und vor allem ärmellos war. Es legte also seine hypermuskulösen Oberarme frei und sorgte für spitzes Kreischen unter den Zaungästen. Was seit Jahren in Mehrzweckhallen mit den Chippendales funktioniert, ist damit in der Haute Couture angekommen. Das Bild von Connor Storries Bizeps gehörte zu den meistgeteilten des Abends.

Passenderweise hatte sein Kollege und »Love Interest« in der Serie, Hudson Williams, bereits bei der Afterparty der diesjährigen Oscars ein ähnlich ärmelloses Hemdchen getragen, allerdings noch einen ganzen Tick durchsichtiger. Storrie stand neben ihm in einer Art 20-DEN-Nylon-Rolli. Panoramablick auf vier Brustwarzen, doppelte Bizeps, Trizeps, Six-Packs. Vergangenes Jahr hatte schon Pedro Pascal ohne Ärmel in Cannes für Aufregung gesorgt. In der neuen Staffel von Beef ist Charles Melton mit ärmellosem Hoodie zu sehen. So viel öffentlichen Anschauungsunterricht in Sachen Männeroberkörper gab es noch nie.

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Dabei ist der ausgedehnte Muskelaufbau ja nicht neu. Die Gyms sind voll 15-Jährigen, die sich über Pumpen und Cardio »anbro-en«, der gute alte Hüttenkäse wird als »mega« Proteinlieferant wiederentdeckt. In Läden wie JD trifft man schon lange Typen, denen das Under-Armour-Shirt am Armbeuger spannt. Aber auf den Laufstegen blieben die Models trotzdem schmal-androgyn, die neuen Hollywood-Stars waren schmächtige Typen wie Timothée Chalamet oder Josh O’Connor. Die Mode kopierte den Streetstyle, aber nicht die Körper der Straße, die zu derb, zu massig, zu selbstverliebt daherkamen. Genau das scheint sich gerade zu ändern. In seiner ersten Show für Gucci schickte der Designer Demna einen rothaarigen Footballspieler über den Laufsteg, der vor lauter Muskelmasse kaum laufen konnte. Die Oberteile spannten so eng wie Wurstpellen am Körper, demonstrativer »Protein Chic«.

»Bodymaxxing« wird die Bewegung in Anlehnung an das Social Media Phänomen »Lookmaxxing« genannt. Junge Männer, die geradezu besessen von ihren Körpern sind und sich darüber austauschen, wie man noch fitter, noch gemeißelter, noch optimierter aussehen kann. Es ist nicht ganz so kompaktes Bodybuilding wie in den Achtzigern, aber deutlich aufgepumpter als die athletischen Körper der letzten Jahre. Das hat viel mit der ständigen Selbstbespiegelung und Nabelschau auf Social Media zu tun, die zwar keineswegs neu ist, aber zuvor vor allem den Frauenkörper betraf. Jetzt sprechen auch junge Männer mehr und mehr von ihrer »Face Card«: Gutes Aussehen wird mit einer Kreditkarte verglichen, die einem alle Türen öffnet, weil es online die größte Aufmerksamkeit, den höchsten Status verschafft. Hudson Williams machte in einem Video für Vogue schnell noch ein paar Liegestütze vor der Met Gala. Was vor ein paar Jahren noch als peinliche Poserei abgestraft worden wäre, gehört jetzt zur ganz normalen Routine, die online gefeiert wird. Diese Männer scheinen allmählich genauso körperfixiert wie Frauen.

»Willkommen im Club!« mag man ihnen als Frau da beinahe zurufen, hat es die Jungs auch endlich erwischt. Aber kann man sich über diese ausgleichende Gerechtigkeit wirklich freuen? Mit der öffentlichen Zurschaustellung wächst der öffentliche Druck mitzuhalten. »Bodymaxxing« erfordert maximalen Einsatz. Das ist nicht nur verdammt zeitaufwendig, es ist auch mental ungemein anstrengend, weil nicht jeder dieses »ideale« Körperbild erreichen wird.

Während bei Frauen der umgekehrte Trend in Richtung neuer Magerwahn zu beobachten ist und viele ultraschmale Silhouetten zu sehen waren, gehen die Schnitte bei Männern nun umgekehrt in die Breite. Beim Online-Händler Asos stieg das Angebot von »muscle fit Tops« im ersten Quartal 2026 um 84 Prozent, auch bei H&M und Abercrombie & Fitch seien laut Branchenanalysten körperbetonte Teile zuletzt besonders gefragt. Tank Tops und ärmellose Tops dürften diesen Sommer überall zu sehen sein.

Und die Männer feiern sich nicht nur gegenseitig mit ihrer Statur als neuem Statussymbol, das Muskelspiel wird vor allem von Frauen beklatscht beziehungsweise bekreischt. Der Female Gaze kann sich kaum satt sehen. Selbst die Taz ließ sich nach Connor Storries Auftritt bei der Met Gala zu einem »Crush Bekenntnis« hinreißen: Hier treffe Hypermaskulinität auf eigentlich weibliche Attribute. Die wehende Bluse, der glitzernde Schmuck und die Interaktion mit dem Publikum habe etwas von der Aura großer Hollywooddiven. Frauen haben das Spiel eben wirklich gut vorgemacht in der Vergangenheit. Jetzt müssen die Männer sehen, wie sie damit klarkommen.

Wird auch getragen von: Jeremy Allen White, Pedro Pascal, Channing Tatum
Wird getragen mit: HIIT, BBP, PPL
Das sagt der Fitnessring: »Unglaublich! Du hast dein Bewegungsziel heute um das Dreifache übertroffen. Weiter so!«

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