Es ist der 21. Juni 2020, ein für die Sommersonnwende sehr kalter und windiger Sonntag. Kurz vor Mittag stehe ich in der Küche und hacke eine Zwiebel, als mein Partner Franz wortlos den Raum betritt. Seine Jacke hält er zusammengeknüllt in den Armen, daraus lugt ein Köpfchen hervor. Ich muss zweimal hinschauen, ehe ich erkenne, was es ist. Ein Rehkitz. »Ein Mann hat es beim Mähen verletzt. Sollen wir versuchen, es zu retten?«, fragt er mich und hält das Kitz in die Höhe. Dessen rechtes Hinterbein ist oberhalb des Knies abgetrennt, Blut tropft aus der Wunde, es hat zahlreiche Verletzungen an Hals und Oberkörper. Ich schreie vor Schreck auf und antworte, ohne zu überlegen: »Ja!«
TiereDas Findelkitz
Aus Heft 4/21
Lesezeit: 9 Min.

Kann ein Mensch einem Reh die Mutter ersetzen? Als unsere Autorin ein schwer verletztes Kitz sah, war für sie klar: Dieses Wesen muss einfach weiterleben – und sie würde dafür sorgen.
Von Barbara Bachmann Fotos: Michael Pezzei
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