Tagebuch aus Tokio»Mädels, heute Abend putzen wir uns raus, wie schon lange nicht mehr«

Lesezeit: 3 Min.

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Yuko Ichimura

Yuko gründet »Emogirl«, um mit kleinen Projekten ihren Mitmenschen zu helfen. Denn Beziehungen zwischen echten Menschen, das merkt sie, sind wertvoller als die auf Facebook und Co. gepflegten.

Bild und Text: Yuko Ichimura

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Die wichtigste Frage der Welt
Was soll ich bloß anziehen? Heute ist Freitag der 13. Mai 2011. Es sind zwei Monate und zwei Tage vergangen, seit ein Erdbeben und ein anschließender Tsunami mir gezeigt haben, dass die Frage nach dem passenden Kleidungsstück nicht zu den wichtigsten der Welt gehört. Heute ist Freitag, der 13. Mai 2011, heute findet das erste offizielle Emogirl-Event statt, und ich kann mich nicht entscheiden, welches Kleid ich anziehen soll. Ich schließe dich in meine Arme, du verloren geglaubtes Stück Normalität, denn du bist zu mir zurückgekehrt.

Aus den Power Generation Girls...
Können Sie sich noch erinnern, dass ich mich knapp zwei Wochen nach dem Beben mit meinen Freundinnen getroffen habe? Ich beschrieb es als Treffen der "Power Generation Girls". Klingelt’s jetzt? Jedenfalls haben wir uns damals entschlossen, etwas zu tun, unsere Kompetenzen zu bündeln, um unseren Landsleuten zu helfen. Es war die Geburtsstunde der "Emogirl"-Initiative. Inzwischen haben wir eine Website, eine Facebook-Page und einen Workflow.

...wurden Emogirl
Wir, das ist ein ganzer Haufen Redakteure, offline wie online, Designer,  Illustratoren, Filmemacher und Projektmanager. Insgesamt sind wir momentan zehn Frauen, alle in ihren 20ern und 30ern, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, zehn Frauen, und unsere Zahl steigt. Hinter Emogirl steckt weniger ein stringentes Konzept, vielmehr ist es ein Art Label für alles, was wir in die Wege leiten. Nur unser Motto vereint uns, es lautet "Emotionen freisetzen und Energie gewinnen für eine bessere Zukunft". Inhaltlich sind wir für alles offen. Ein Mitglied schlägt ein Projekt vor, und wer etwas dazu beitragen kann, bringt sich ein. Wir dachten, eine offene und liberale Form der Beteiligung ist für alle am besten und sorgt auch für eine langfristige Motiviation.

Chat in Group-Messaging-Applikationen
Unsere technischen Organisationstools sind natürlich auf dem neuesten Stand, ganz Werbe- und Kreativbranche. Wir chatten regelmäßig über Beluga, einer Group-Messaging-Applikation für das iPhone. Ideen aus diesen Brainstorming-Sessions werden auf einer Google-Site protokolliert. Dann schreibt eine von uns ein offizielles Statement, eine weitere poliert jedes einzelne Wort so lange, bis die Sätze funkeln. So entstehen Einträge auf unserer Website und Updates der Facebook-Page, englische Übersetzungen und illustrierte Logos. Und vom Brainstorming bis zur finalen Pressemitteilung sind alle auf die eine oder andere Weise involviert. Durch Emogirl habe ich viel gelernt über die neuesten digitalen Dienstleistungen und Office-Anwendungen. Simply Amazing!

Waaaaay too sexy
Unser erstes Projekt: eine Ausstellung zu wohltätigen Zwecken. Das zweite, ein kostenloser "Dankeschön"- Screensaver, war Sachikos Idee. Sie sagt: "Als japanische Bürgerin sehe ich es geradezu als Pflicht, meinen Dank an alle Menschen im Ausland zu richten, die uns in letzter Zeit unterstützt haben". Projekt Nummer Drei ist die eingangs erwähnte Emogirl-Veranstaltung in einer Bar im Tokioter Viertel Roppongi. Jedes Emogirl hat ihre Freunde eingeladen, sie alle werden auftauchen, und mit dem Barbesitzer haben wir ausgemacht, dass 20 Prozent der abendlichen Einnahmen gespendet werden. "Mädels, heute Abend putzen wir uns raus, wie schon lange nicht mehr, waaaay too sexy!", und dann kicherten wir wie Schulmädchen.

Der Mensch und nichts als der Mensch
Der Grund für die Party ist einerseits, dass wir unser Netzwerk pflegen und erweitern möchten. Aber wir wissen gleichzeitig auch von so vielen Menschen, die nach den vergangenen Wochen das Bedürfnis haben, mit anderen über ihre Erfahrungen zu reden. Wir alle wollen das, nur so können wir unsere neue Lebenssituation erfassen und eine Antwort auf die Frage finden, was wir in der Zukunft anders machen müssen. Twitter und Facebook sind sicherlich hilfreich, um Kontakte anzubahnen, aber ich weiß, dass sie ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht niemals ersetzen können. Im Endeffekt ist es doch wieder nur der Mensch und nichts als der Mensch, der den Weg in die Zukunft bestimmt, und nicht etwa die Technik.

Duch den (ein bisschen radioaktiv verseuchten?) Regen laufe ich in meinem liebsten Kleid durch Rapongi und frage mich, ob Arina – wie versprochen – in ihrem Bunny-Kostüm auftaucht.

Yuko Ichimura
»26. bis 28. April: Seit dem 11. März habe ich nicht einmal auf meinen Kontostand geguckt. Dabei habe ich das zuvor nahezu jeden Tag gemacht. Irgendwie fühlt sich das alles jetzt aber bedeutungslos an. Was bringt es, sein ganzes Geld gespart zu haben, wenn man jederzeit sterben kann?«
»26. bis 28. April: Seit dem 11. März habe ich nicht einmal auf meinen Kontostand geguckt. Dabei habe ich das zuvor nahezu jeden Tag gemacht. Irgendwie fühlt sich das alles jetzt aber bedeutungslos an. Was bringt es, sein ganzes Geld gespart zu haben, wenn man jederzeit sterben kann?«
Yuko Ichimura
22. bis 25. April: »Yukari, Yayoi und Miki sind für große, international agierende Finanzgruppen tätig. Sie erzählten mir, ihre jeweiligen Arbeitgeber hätten ihnen die Notfallausrüstung zur Verfügung gestellt. Sie bestand aus 1 Helm und 1 Rucksack, darin waren enthalten: 1 Muffin in der Konservendose,  Wasser, 1 Wegwerftoilette, 1 silberne Thermofolie und 1 Taschenlampe.«
22. bis 25. April: »Yukari, Yayoi und Miki sind für große, international agierende Finanzgruppen tätig. Sie erzählten mir, ihre jeweiligen Arbeitgeber hätten ihnen die Notfallausrüstung zur Verfügung gestellt. Sie bestand aus 1 Helm und 1 Rucksack, darin waren enthalten: 1 Muffin in der Konservendose,  Wasser, 1 Wegwerftoilette, 1 silberne Thermofolie und 1 Taschenlampe.«
Yuko Ichimura
19. bis 21. April: »Nahezu jeder in Tokio hat Bekannte, Familie oder Kollegen aus dem Norden. Ich habe es Ihnen gegenüber bisher vermieden,  das eine  Thema anzusprechen. Ich dachte, dass ich nicht das Recht besitze, ihre Geschichten zu erzählen und sie zu meinen Geschichten zu machen. Doch möglicherweise ist es jetzt an der Zeit, bevor sie in Vergessenheit geraten.«
19. bis 21. April: »Nahezu jeder in Tokio hat Bekannte, Familie oder Kollegen aus dem Norden. Ich habe es Ihnen gegenüber bisher vermieden, das eine Thema anzusprechen. Ich dachte, dass ich nicht das Recht besitze, ihre Geschichten zu erzählen und sie zu meinen Geschichten zu machen. Doch möglicherweise ist es jetzt an der Zeit, bevor sie in Vergessenheit geraten.«
Yuko Ichimura
15. bis 18. April: »Es tat ja so gut, meine alten Freunde aus Übersee wiederzusehen. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sich nicht alles radikal verändert hat, nicht alles verloren ist. Die Dinge sind noch immer im Fluss.«
15. bis 18. April: »Es tat ja so gut, meine alten Freunde aus Übersee wiederzusehen. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sich nicht alles radikal verändert hat, nicht alles verloren ist. Die Dinge sind noch immer im Fluss.«
Yuko Ichimura
10. bis 14. April: »Der neu gewählte Gouverneur von Tokio ist der alte Gouverneur. Dabei schienen doch auf Twitter und in aktuellen Wahlumfragen so viele Menschen mit einem Wechsel zu liebäugeln. Die Leute bekräftigten sich gegenseitig darin, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen, ihr Wahlverhalten zu ändern und Ishihara (so heißt der alte, neue Gouverneur) zu stürzen. Dann aber stellte sich heraus, dass nur knapp die Hälfte aller Wahlberechtigten zwischen 20 und 30 Jahren überhaupt den Urnengang angetreten sind.«
10. bis 14. April: »Der neu gewählte Gouverneur von Tokio ist der alte Gouverneur. Dabei schienen doch auf Twitter und in aktuellen Wahlumfragen so viele Menschen mit einem Wechsel zu liebäugeln. Die Leute bekräftigten sich gegenseitig darin, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen, ihr Wahlverhalten zu ändern und Ishihara (so heißt der alte, neue Gouverneur) zu stürzen. Dann aber stellte sich heraus, dass nur knapp die Hälfte aller Wahlberechtigten zwischen 20 und 30 Jahren überhaupt den Urnengang angetreten sind.«
Yuko Ichimura
8. bis 9. April: »Eben noch litt mein Gehirn an einem Informations-Overkill, bis es schlagartig auf Reset gesetzt wurde. So wie eine Katze, die bemerkt, dass ein Auto frontal auf sie zufährt. Sie macht auf der Stelle Halt, dann scheint es, als schrumpfe sie in sich zusammen, haben sie das schon einmal gesehen? Ich war in diesem Moment die Katze. All meine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, die Belanglosigkeiten in meinem Kopf machten sich ganz klein und meine Überlebensinstinkte schalteten meinen ganzen Körper in den Ausnahmezustand.«
8. bis 9. April: »Eben noch litt mein Gehirn an einem Informations-Overkill, bis es schlagartig auf Reset gesetzt wurde. So wie eine Katze, die bemerkt, dass ein Auto frontal auf sie zufährt. Sie macht auf der Stelle Halt, dann scheint es, als schrumpfe sie in sich zusammen, haben sie das schon einmal gesehen? Ich war in diesem Moment die Katze. All meine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, die Belanglosigkeiten in meinem Kopf machten sich ganz klein und meine Überlebensinstinkte schalteten meinen ganzen Körper in den Ausnahmezustand.«
Yuko Ichimura
4. bis 7. April: »Langsam unser tägliches Leben hier in Tokio  wieder in geregelten Bahnen. Zugegeben, nichts ist, wie es einmal war, doch diese unglaubliche Anspannung ist ein bisschen gewichen. Was auch an den ersten Anzeichen des Frühlings liegen könnte. Die Kirschblüten blühen überall in der Stadt. Hach! Es sind wirklich ganz besondere Bäume, sehr japanische Bäume. Wir lieben sie, sie blühen so wunderbar.«
4. bis 7. April: »Langsam unser tägliches Leben hier in Tokio  wieder in geregelten Bahnen. Zugegeben, nichts ist, wie es einmal war, doch diese unglaubliche Anspannung ist ein bisschen gewichen. Was auch an den ersten Anzeichen des Frühlings liegen könnte. Die Kirschblüten blühen überall in der Stadt. Hach! Es sind wirklich ganz besondere Bäume, sehr japanische Bäume. Wir lieben sie, sie blühen so wunderbar.«
Yuko Ichimura
30. März bis 3. April: »Unsere Beziehung ist fast so, wie in der Zeit vor dem Erdbeben. Dabei möchte ich das eigentlich gar nicht, an jenem Punkt weitermachen, an dem wir uns vor dem Beben befanden. Das Beben, mein persönliches Beben, das körperlich nicht spürbar war, hat Dinge freigelegt, die vorher im Verborgenen lagen. Etwa, dass ich sehr von mir eingenommen war und Yudais verletzliche Seite nicht gesehen habe. Meine Situation zu Hause hat sich also stabilisiert. Doch andere Dinge sind weiterhin ungewiss.«
30. März bis 3. April: »Unsere Beziehung ist fast so, wie in der Zeit vor dem Erdbeben. Dabei möchte ich das eigentlich gar nicht, an jenem Punkt weitermachen, an dem wir uns vor dem Beben befanden. Das Beben, mein persönliches Beben, das körperlich nicht spürbar war, hat Dinge freigelegt, die vorher im Verborgenen lagen. Etwa, dass ich sehr von mir eingenommen war und Yudais verletzliche Seite nicht gesehen habe. Meine Situation zu Hause hat sich also stabilisiert. Doch andere Dinge sind weiterhin ungewiss.«
Yuko Ichimura
29.März: »Am 10. April wird in Tokio gewählt. Schon jetzt sehe ich überall Wahlplakate in den Straßen, darauf die Gesichter der Kandidaten. In Deutschland, so habe ich im Internet gelesen, wurde auch gerade gewählt. Es heißt, die grüne Partei habe einen großen Sieg eingefahren. In Japan gibt es keine Grünen. Jedenfalls habe ich noch nichts von ihnen gehört.«
29.März: »Am 10. April wird in Tokio gewählt. Schon jetzt sehe ich überall Wahlplakate in den Straßen, darauf die Gesichter der Kandidaten. In Deutschland, so habe ich im Internet gelesen, wurde auch gerade gewählt. Es heißt, die grüne Partei habe einen großen Sieg eingefahren. In Japan gibt es keine Grünen. Jedenfalls habe ich noch nichts von ihnen gehört.«
Yuko Ichimura
25. März: »Das Ausgehviertel Shibuya ist eine Gegend, die eigentlich übersprudelt vor Leben. Nun ist dieser sonst stets etwas zu grelle und zu laute Stadtteil ungleich dunkler. All die blinkenden Leuchtstoff-Reklametafeln wurden ausgeschaltet oder abgedunkelt, um Elektrizität zu sparen. Dennoch treiben sich hier allerhand Leute rum. Sie sehen aus wie der Schatten eines riesigen Waldes in der Nacht.«
25. März: »Das Ausgehviertel Shibuya ist eine Gegend, die eigentlich übersprudelt vor Leben. Nun ist dieser sonst stets etwas zu grelle und zu laute Stadtteil ungleich dunkler. All die blinkenden Leuchtstoff-Reklametafeln wurden ausgeschaltet oder abgedunkelt, um Elektrizität zu sparen. Dennoch treiben sich hier allerhand Leute rum. Sie sehen aus wie der Schatten eines riesigen Waldes in der Nacht.«
Yuko Ichimura
24. März: »Es ist ruhig, gibt nichts zu berichten. Nichts Neues darüber, ob sich die Lage in Fukushima nun beruhigt hat oder nicht, die Krise ausgestanden ist oder die Gefahr akut bleibt, nichts Neues darüber, wie wahrscheinlich es nun ist, dass bald nur noch verstrahltes Leitungswasser aus Tokio Wasserhähnen tropft. Kein Wort von Yudai zum Thema Umzug, Trennung, Landwirtschaft, nichts Neues, nichts. Es ist herrlich. Heute putze ich die Wohnung, ich zünde ein Räucherstäbchen an und nehme mir Zeit zu kochen.«
24. März: »Es ist ruhig, gibt nichts zu berichten. Nichts Neues darüber, ob sich die Lage in Fukushima nun beruhigt hat oder nicht, die Krise ausgestanden ist oder die Gefahr akut bleibt, nichts Neues darüber, wie wahrscheinlich es nun ist, dass bald nur noch verstrahltes Leitungswasser aus Tokio Wasserhähnen tropft. Kein Wort von Yudai zum Thema Umzug, Trennung, Landwirtschaft, nichts Neues, nichts. Es ist herrlich. Heute putze ich die Wohnung, ich zünde ein Räucherstäbchen an und nehme mir Zeit zu kochen.«
Yuko Ichimura
23. März: »Es hat Berichte gegeben, radioaktiv verseuchtes Wasser sei in den Pazifik geflossen. Ich habe Angst, dass die Strahlung das Grundwasser für lange Zeit kontaminiert. Selbst meine Kamerafrau Megumi war schockiert. Dabei blieb sie die ganze Zeit über in Tokio, ist der Optimismus in Reinkultur. Nun wird selbst sie ein wenig nervös. Denn wir können nichts tun. Sitzen, warten, grübeln. Wir warten darauf, dass die Radioaktivität nicht mehr nur in den Nachrichten läuft, sondern durch unsere Wasserhähne und damit in unseren Alltag hinein.«
23. März: »Es hat Berichte gegeben, radioaktiv verseuchtes Wasser sei in den Pazifik geflossen. Ich habe Angst, dass die Strahlung das Grundwasser für lange Zeit kontaminiert. Selbst meine Kamerafrau Megumi war schockiert. Dabei blieb sie die ganze Zeit über in Tokio, ist der Optimismus in Reinkultur. Nun wird selbst sie ein wenig nervös. Denn wir können nichts tun. Sitzen, warten, grübeln. Wir warten darauf, dass die Radioaktivität nicht mehr nur in den Nachrichten läuft, sondern durch unsere Wasserhähne und damit in unseren Alltag hinein.«
Yuko Ichimura
22. März: »In der ewig umtriebigen Werbeindustrie gab es während der Katastrophe kaum Pausen. Und vor allem der Videoschnitt lief auf Hochtouren, weil so viele dringend erforderliche Änderungen an bereits fertig produziertem Material vorgenommen werden musste. Die Cutter mussten alle Szenen, in denen das Meer, Hubschrauber oder große Menschenmengen vorkamen, rausnehmen. Für alle, die ihre Produkte anpreisen wollen, sind nun selbst scheinbar harmlose Claims wie “Let’s go to the seaside” tabu.«
22. März: »In der ewig umtriebigen Werbeindustrie gab es während der Katastrophe kaum Pausen. Und vor allem der Videoschnitt lief auf Hochtouren, weil so viele dringend erforderliche Änderungen an bereits fertig produziertem Material vorgenommen werden musste. Die Cutter mussten alle Szenen, in denen das Meer, Hubschrauber oder große Menschenmengen vorkamen, rausnehmen. Für alle, die ihre Produkte anpreisen wollen, sind nun selbst scheinbar harmlose Claims wie “Let’s go to the seaside” tabu.«
Yuko Ichimura
20. bis 22. März: »Während des Trips nach Kumamoto diskutieren Yudai und ich, ob wir weiterhin in einem Tokio wohnen wollen, das sich möglicherweise für immer verändert hat. Ursprünglich komme ich aus Yokohama, das liegt im weiteren Einzugsbereich der Hauptstadt. Daher fühle ich mich mit diesem Teil des Landes sehr verbunden, verwurzelt. Bei Yudai ist das anders. Er stammt aus Aomori, das ist noch viel weiter nördlich als Fukushima. Und er überlegt ernsthaft, aus Tokio wegzuziehen. Würde er das wirklich tun – es würde wohl alles auf eine Trennung hinauslaufen. Denn ich möchte bleiben, definitiv.«
20. bis 22. März: »Während des Trips nach Kumamoto diskutieren Yudai und ich, ob wir weiterhin in einem Tokio wohnen wollen, das sich möglicherweise für immer verändert hat. Ursprünglich komme ich aus Yokohama, das liegt im weiteren Einzugsbereich der Hauptstadt. Daher fühle ich mich mit diesem Teil des Landes sehr verbunden, verwurzelt. Bei Yudai ist das anders. Er stammt aus Aomori, das ist noch viel weiter nördlich als Fukushima. Und er überlegt ernsthaft, aus Tokio wegzuziehen. Würde er das wirklich tun – es würde wohl alles auf eine Trennung hinauslaufen. Denn ich möchte bleiben, definitiv.«
Yuko Ichimura
19. März, im Zug: »Yudai lacht mich aus. Ich bin vielleicht aufgeregt, fast wie ein kleines Kind. Wir fahren am Fujisan vorbei, und ich knipse ganz viele Bilder. Ich schnattere in einer Tour, kitzele Yudais Bauch und esse eine Unmenge Süßigkeiten, so dass mir beinahe schlecht wird.« 12:00 Uhr: »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber plötzlich muss ich weinen und kann gar nicht mehr aufhören. Da fällt es mir wieder ein: Es ist ja alles so über alle Maßen traurig.«
19. März, im Zug: »Yudai lacht mich aus. Ich bin vielleicht aufgeregt, fast wie ein kleines Kind. Wir fahren am Fujisan vorbei, und ich knipse ganz viele Bilder. Ich schnattere in einer Tour, kitzele Yudais Bauch und esse eine Unmenge Süßigkeiten, so dass mir beinahe schlecht wird.« 12:00 Uhr: »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber plötzlich muss ich weinen und kann gar nicht mehr aufhören. Da fällt es mir wieder ein: Es ist ja alles so über alle Maßen traurig.«
Yuko Ichimura
18. März. Yudai: »Weißt du was? Lass uns das hier einfach als verlängerten Wochenendausflug sehen. Es ist eh viel zu deprimierend, jetzt in Tokio zu bleiben. Der nächste Montag ist ein Brückentag, der ist frei, und wir kommen einfach am Dienstag zurück. Grundgütiger, falls wir wie geplant zurück kommen können. Falls nicht, werden wir uns eben dann etwas ausdenken.«
18. März. Yudai: »Weißt du was? Lass uns das hier einfach als verlängerten Wochenendausflug sehen. Es ist eh viel zu deprimierend, jetzt in Tokio zu bleiben. Der nächste Montag ist ein Brückentag, der ist frei, und wir kommen einfach am Dienstag zurück. Grundgütiger, falls wir wie geplant zurück kommen können. Falls nicht, werden wir uns eben dann etwas ausdenken.«
Yuko Ichimura
17. März: »Wie vielleicht auch Sie, liebe Leser, wenn Sie denken, dass ich und auch andere Leute in Japan zu optimistisch oder naiv oder ruhig sind. Weil wir hier in Tokio bleiben, business as usual, und versuchen, unser normales Leben irgendwie aufrecht zu erhalten. Ich möchte an dieser Stelle in aller Bescheidenheit etwas klarstellen: Ich kenne keine einzige Person, deren Herz nicht zutiefst erschüttert wurde. Die nicht zu Tode geängstigt ist. Die nicht, bildlich gesprochen, in Sorge und Beklemmung und Verwirrung und unglaublicher Trauer ertrinkt. Wie auch immer es nach außen hin wirken mag.«
17. März: »Wie vielleicht auch Sie, liebe Leser, wenn Sie denken, dass ich und auch andere Leute in Japan zu optimistisch oder naiv oder ruhig sind. Weil wir hier in Tokio bleiben, business as usual, und versuchen, unser normales Leben irgendwie aufrecht zu erhalten. Ich möchte an dieser Stelle in aller Bescheidenheit etwas klarstellen: Ich kenne keine einzige Person, deren Herz nicht zutiefst erschüttert wurde. Die nicht zu Tode geängstigt ist. Die nicht, bildlich gesprochen, in Sorge und Beklemmung und Verwirrung und unglaublicher Trauer ertrinkt. Wie auch immer es nach außen hin wirken mag.«
Yuko Ichimura
16. März:»Ich habe noch überall Shampoo in den Haaren, als es um 11 Uhr ein weiteres, ein richtig schweres Nachbeben gibt. Wenn die Erde zittert, schaue ich immer auf den Kleiderbügel, der als improvisiertes „Erdbeben-Check-Gerät“ an der Wand hängt. Er zeigt mir ganz genau, ob das Wackeln ein Erdbeben ist oder ob meine Seekrankheit wieder zugeschlagen hat. Man gewöhnt sich echt an alles.«
16. März:»Ich habe noch überall Shampoo in den Haaren, als es um 11 Uhr ein weiteres, ein richtig schweres Nachbeben gibt. Wenn die Erde zittert, schaue ich immer auf den Kleiderbügel, der als improvisiertes „Erdbeben-Check-Gerät“ an der Wand hängt. Er zeigt mir ganz genau, ob das Wackeln ein Erdbeben ist oder ob meine Seekrankheit wieder zugeschlagen hat. Man gewöhnt sich echt an alles.«
Yuko Ichimura
15. März, 11:00 Uhr. »Aufwachen! Ich stelle fest, dass der Twitter-Account mein Telefon Alarm schlagen lässt. Die kleinen Nachrichten sagen, dass es am frühen Morgen zu einer Explosion in einem der Atomreaktoren gekommen sei. Mein Gott, kann ich nicht einmal für fünf Stunden meine Augen von diesem verdammten Ding lassen? Und es geht nicht nur mir so. Auch Yudai, der neben mir im Bett liegt, überwacht jede Regung auf seinem Handy-Display.«
15. März, 11:00 Uhr. »Aufwachen! Ich stelle fest, dass der Twitter-Account mein Telefon Alarm schlagen lässt. Die kleinen Nachrichten sagen, dass es am frühen Morgen zu einer Explosion in einem der Atomreaktoren gekommen sei. Mein Gott, kann ich nicht einmal für fünf Stunden meine Augen von diesem verdammten Ding lassen? Und es geht nicht nur mir so. Auch Yudai, der neben mir im Bett liegt, überwacht jede Regung auf seinem Handy-Display.«
Yuko Ichimura
13. März: »Ich arbeite heute von Zuhause aus. Eine Fernsehreklame muss vorbereitet werden. Eigentlich hätte das Meeting schon am Freitag stattfinden sollen. Aber da war ja das Erdbeben. Es fühlt sich nicht richtig an, weiter zu arbeiten, als sei nichts geschehen. Aber was können wir sonst tun? Im Fernsehen laufen die schrecklichen Tsunami-Bilder. Die Zahl der Todesopfer schnellt hektisch nach oben. Sie steigt, steigt, steigt jede Stunde. Mein Smartphone und meine Twitter-Liste dagegen spielen verrückt. So viele Leute suchen über den Nachrichtendienst ihre Angehörigen.«
13. März: »Ich arbeite heute von Zuhause aus. Eine Fernsehreklame muss vorbereitet werden. Eigentlich hätte das Meeting schon am Freitag stattfinden sollen. Aber da war ja das Erdbeben. Es fühlt sich nicht richtig an, weiter zu arbeiten, als sei nichts geschehen. Aber was können wir sonst tun? Im Fernsehen laufen die schrecklichen Tsunami-Bilder. Die Zahl der Todesopfer schnellt hektisch nach oben. Sie steigt, steigt, steigt jede Stunde. Mein Smartphone und meine Twitter-Liste dagegen spielen verrückt. So viele Leute suchen über den Nachrichtendienst ihre Angehörigen.«
Yuko Ichimura

, 35, ist Illustratorin und Werbefilmerin aus Tokio. Seit dem Erdbeben in Japan zeichnet sie für uns die Veränderungen ihres Leben auf ein Blatt Papier, scannt es ein und schickt es nach Deutschland. Übersetzung aus dem Englischen: Tim Rittmann.

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