Tagebuch aus Tokio»Ich pendele zwischen Erleichterung und tiefster Depression«

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Start Yuko Ichimura

Yuko schaltet den Fernseher an. Doch aus dem Programm wird sie nicht recht schlau. Wie kann es sein, dass im japanischen Fernsehen der Eindruck vermittelt wird, die Situation sei zugleich ganz unproblematisch und völlig hoffnungslos?

Bild und Text: Yuko Ichimura

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Es war mir egal, woher mein Essen stammt
Das Wetter in Tokio wird frühsommerlich warm. Die vor Kurzem noch verdunkelten Leucht- und Reklametafeln und Hinweisschilder an Geschäften sind seit Anfang Mai fast alle wieder voll beleuchtet. Nach der Arbeit schaue ich immer in einem nahen Gemischtwarenladen vorbei. Dort gibt es "Äpfel aus Aomori" und "Orangen aus Kumamoto", das ist weit nördlich und weit südlich von Fukushima.

Auf Milch einer ganz bestimmten Marke hingegen verzichte ich dankend. Ich habe Dinge im Internet gelesen, unschöne Dinge, darüber, dass diese bestimmte Marke sichere Milch mit radioaktiv verseuchter Milch vermischen würde. Es gibt inzwischen viele Websites von Leuten, die bei den Herstellern anrufen und Auskunft verlangen und die gesammelten Informationen dann ins Netz stellen. Habe ich mich jemals darum gekümmert, woher mein Essen stammt? Nein, bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Die Nachrichtenlage
Ich schalte den Fernseher an, es laufen die Abendnachrichten des NHK. Es ist bereits eine Weile her, seit ich das letzte mal die Fernsehnachrichten gesehen habe. Dieser Tage informiere ich mich eigentlich nur über das Internet.

+++ Tierfutter darf ausgeliefert werden, Radioaktivität wieder unter kritischen Limit. +++

Komisch, denke ich mir, verschwindet Radioaktivität so schnell?

+++Austernfarmen in der Präfektur Iwate wieder in Betrieb. Fischer erleichtert über Neubeginn. +++

Im Bild ein alter Fischer, er sieht sehr glücklich aus. "Wir Fischer vertrocknen, wenn wir nicht auf See dürfen", sagt der Alte. Es folgen Bilder von älteren Menschen, die ihr erstes frisches Sushi nach dem Tsunami genießen. Aus dem Off erklingt eine Stimme: "In Iwate ist im nächsten Monat die beste Zeit für Bonito." Ich liebe Thunfisch, deswegen liebe ich auch Bonito. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn jetzt schon wieder essen würde.

Bitterer Beigeschmack
+++Fischerei-Union der Präfektur Ibaraki bringt TEPCO wegen großer Verluste vor Gericht. Radioaktive Belastungsgrenze bei jungen Sandaalen überschritten. Handelsverbot. +++

Da haben wir es. Die Art von Nachricht, deretwegen alle anderen guten Nachrichten einen bitteren Beigeschmack erhalten.

+++Landwirtschaft in Anrainer-Bezirken von Fukushima leidet unter "schädlichen Gerüchten". Arbeiter aus stark kontaminiertem Dorf nahe Fukushima messen morgens und abends Radioaktivität mit Geigerzähler. +++

+++Erfahrener Tschernobyl-Doktor unterweist besorgte Eltern aus Fukushima. "Achten Sie auf Verstrahlung von Innen!"+++

Jetzt sind wir beim wahren Kern der Katastrophe angekommen. Furchtbar, denke ich, während ich ein Bier trinke. Wörter wie "radioaktiv" und "Verstrahlung" erscheinen vor meinem geistigen Auge, ich sehe uns in Schutzanzügen durch verstrahlte Städte der Zukunft wandeln. Schon jetzt fühlt sich die echte Welt ein wenig an wie ein gruseliger Science-Fiction-Film.

Sicher und hoffnungslos
Ich persönlich pendele gerade zwischen Erleichterung und tiefster Depression. Selbst das Fernsehprogramm scheint mir sagen zu wollen, unsere Situation sei gleichzeitig absolut sicher und vollkommen hoffnungslos. Denn jeder in Japan weiß, dass es sich nicht nur um "schädliche Gerüchte" handelt. Der Schaden ist konkret, und auch wir erleiden ihn, wir Bürger und Verbraucher, wenn wir belastete Lebensmittel zu uns nehmen.

Welche Auswirkungen das hat? Ich denke, wir werden es nicht wissen, bevor zehn Jahre ins Land gegangen sind. Ich weiß nicht, welche dieser Nachrichten sich überhaupt über Japan hinaus einen Weg bahnt. Aber ich wollte Sie an dieser Stelle wissen lassen, was wir zu sehen und hören bekommen. Und das wir trotzdem lachen und trinken und ruhig schlafen können. Egal was auch passiert. Irre, oder?

9. bis 13. Mai: »Es sind zwei Monate und zwei Tage vergangen, seit ein Erdbeben und ein anschließender Tsunami mir gezeigt haben, dass die Frage nach dem passenden Kleidungsstück nicht zu den wichtigsten der Welt gehört.«
9. bis 13. Mai: »Es sind zwei Monate und zwei Tage vergangen, seit ein Erdbeben und ein anschließender Tsunami mir gezeigt haben, dass die Frage nach dem passenden Kleidungsstück nicht zu den wichtigsten der Welt gehört.« Yuko Ichimura
26. bis 28. April: »Seit dem 11. März habe ich nicht einmal auf meinen Kontostand geguckt. Dabei habe ich das zuvor nahezu jeden Tag gemacht. Irgendwie fühlt sich das alles jetzt aber bedeutungslos an. Was bringt es, sein ganzes Geld gespart zu haben, wenn man jederzeit sterben kann?«
26. bis 28. April: »Seit dem 11. März habe ich nicht einmal auf meinen Kontostand geguckt. Dabei habe ich das zuvor nahezu jeden Tag gemacht. Irgendwie fühlt sich das alles jetzt aber bedeutungslos an. Was bringt es, sein ganzes Geld gespart zu haben, wenn man jederzeit sterben kann?« Yuko Ichimura
22. bis 25. April: »Yukari, Yayoi und Miki sind für große, international agierende Finanzgruppen tätig. Sie erzählten mir, ihre jeweiligen Arbeitgeber hätten ihnen die Notfallausrüstung zur Verfügung gestellt. Sie bestand aus 1 Helm und 1 Rucksack, darin waren enthalten: 1 Muffin in der Konservendose,  Wasser, 1 Wegwerftoilette, 1 silberne Thermofolie und 1 Taschenlampe.«
22. bis 25. April: »Yukari, Yayoi und Miki sind für große, international agierende Finanzgruppen tätig. Sie erzählten mir, ihre jeweiligen Arbeitgeber hätten ihnen die Notfallausrüstung zur Verfügung gestellt. Sie bestand aus 1 Helm und 1 Rucksack, darin waren enthalten: 1 Muffin in der Konservendose,  Wasser, 1 Wegwerftoilette, 1 silberne Thermofolie und 1 Taschenlampe.« Yuko Ichimura
19. bis 21. April: »Nahezu jeder in Tokio hat Bekannte, Familie oder Kollegen aus dem Norden. Ich habe es Ihnen gegenüber bisher vermieden,  das eine  Thema anzusprechen. Ich dachte, dass ich nicht das Recht besitze, ihre Geschichten zu erzählen und sie zu meinen Geschichten zu machen. Doch möglicherweise ist es jetzt an der Zeit, bevor sie in Vergessenheit geraten.«
19. bis 21. April: »Nahezu jeder in Tokio hat Bekannte, Familie oder Kollegen aus dem Norden. Ich habe es Ihnen gegenüber bisher vermieden, das eine Thema anzusprechen. Ich dachte, dass ich nicht das Recht besitze, ihre Geschichten zu erzählen und sie zu meinen Geschichten zu machen. Doch möglicherweise ist es jetzt an der Zeit, bevor sie in Vergessenheit geraten.« Yuko Ichimura
15. bis 18. April: »Es tat ja so gut, meine alten Freunde aus Übersee wiederzusehen. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sich nicht alles radikal verändert hat, nicht alles verloren ist. Die Dinge sind noch immer im Fluss.«
15. bis 18. April: »Es tat ja so gut, meine alten Freunde aus Übersee wiederzusehen. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sich nicht alles radikal verändert hat, nicht alles verloren ist. Die Dinge sind noch immer im Fluss.« Yuko Ichimura
10. bis 14. April: »Der neu gewählte Gouverneur von Tokio ist der alte Gouverneur. Dabei schienen doch auf Twitter und in aktuellen Wahlumfragen so viele Menschen mit einem Wechsel zu liebäugeln. Die Leute bekräftigten sich gegenseitig darin, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen, ihr Wahlverhalten zu ändern und Ishihara (so heißt der alte, neue Gouverneur) zu stürzen. Dann aber stellte sich heraus, dass nur knapp die Hälfte aller Wahlberechtigten zwischen 20 und 30 Jahren überhaupt den Urnengang angetreten sind.«
10. bis 14. April: »Der neu gewählte Gouverneur von Tokio ist der alte Gouverneur. Dabei schienen doch auf Twitter und in aktuellen Wahlumfragen so viele Menschen mit einem Wechsel zu liebäugeln. Die Leute bekräftigten sich gegenseitig darin, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen, ihr Wahlverhalten zu ändern und Ishihara (so heißt der alte, neue Gouverneur) zu stürzen. Dann aber stellte sich heraus, dass nur knapp die Hälfte aller Wahlberechtigten zwischen 20 und 30 Jahren überhaupt den Urnengang angetreten sind.« Yuko Ichimura
8. bis 9. April: »Eben noch litt mein Gehirn an einem Informations-Overkill, bis es schlagartig auf Reset gesetzt wurde. So wie eine Katze, die bemerkt, dass ein Auto frontal auf sie zufährt. Sie macht auf der Stelle Halt, dann scheint es, als schrumpfe sie in sich zusammen, haben sie das schon einmal gesehen? Ich war in diesem Moment die Katze. All meine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, die Belanglosigkeiten in meinem Kopf machten sich ganz klein und meine Überlebensinstinkte schalteten meinen ganzen Körper in den Ausnahmezustand.«
8. bis 9. April: »Eben noch litt mein Gehirn an einem Informations-Overkill, bis es schlagartig auf Reset gesetzt wurde. So wie eine Katze, die bemerkt, dass ein Auto frontal auf sie zufährt. Sie macht auf der Stelle Halt, dann scheint es, als schrumpfe sie in sich zusammen, haben sie das schon einmal gesehen? Ich war in diesem Moment die Katze. All meine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, die Belanglosigkeiten in meinem Kopf machten sich ganz klein und meine Überlebensinstinkte schalteten meinen ganzen Körper in den Ausnahmezustand.« Yuko Ichimura
4. bis 7. April: »Langsam unser tägliches Leben hier in Tokio  wieder in geregelten Bahnen. Zugegeben, nichts ist, wie es einmal war, doch diese unglaubliche Anspannung ist ein bisschen gewichen. Was auch an den ersten Anzeichen des Frühlings liegen könnte. Die Kirschblüten blühen überall in der Stadt. Hach! Es sind wirklich ganz besondere Bäume, sehr japanische Bäume. Wir lieben sie, sie blühen so wunderbar.«
4. bis 7. April: »Langsam unser tägliches Leben hier in Tokio  wieder in geregelten Bahnen. Zugegeben, nichts ist, wie es einmal war, doch diese unglaubliche Anspannung ist ein bisschen gewichen. Was auch an den ersten Anzeichen des Frühlings liegen könnte. Die Kirschblüten blühen überall in der Stadt. Hach! Es sind wirklich ganz besondere Bäume, sehr japanische Bäume. Wir lieben sie, sie blühen so wunderbar.« Yuko Ichimura
30. März bis 3. April: »Unsere Beziehung ist fast so, wie in der Zeit vor dem Erdbeben. Dabei möchte ich das eigentlich gar nicht, an jenem Punkt weitermachen, an dem wir uns vor dem Beben befanden. Das Beben, mein persönliches Beben, das körperlich nicht spürbar war, hat Dinge freigelegt, die vorher im Verborgenen lagen. Etwa, dass ich sehr von mir eingenommen war und Yudais verletzliche Seite nicht gesehen habe. Meine Situation zu Hause hat sich also stabilisiert. Doch andere Dinge sind weiterhin ungewiss.«
30. März bis 3. April: »Unsere Beziehung ist fast so, wie in der Zeit vor dem Erdbeben. Dabei möchte ich das eigentlich gar nicht, an jenem Punkt weitermachen, an dem wir uns vor dem Beben befanden. Das Beben, mein persönliches Beben, das körperlich nicht spürbar war, hat Dinge freigelegt, die vorher im Verborgenen lagen. Etwa, dass ich sehr von mir eingenommen war und Yudais verletzliche Seite nicht gesehen habe. Meine Situation zu Hause hat sich also stabilisiert. Doch andere Dinge sind weiterhin ungewiss.« Yuko Ichimura
29.März: »Am 10. April wird in Tokio gewählt. Schon jetzt sehe ich überall Wahlplakate in den Straßen, darauf die Gesichter der Kandidaten. In Deutschland, so habe ich im Internet gelesen, wurde auch gerade gewählt. Es heißt, die grüne Partei habe einen großen Sieg eingefahren. In Japan gibt es keine Grünen. Jedenfalls habe ich noch nichts von ihnen gehört.«
29.März: »Am 10. April wird in Tokio gewählt. Schon jetzt sehe ich überall Wahlplakate in den Straßen, darauf die Gesichter der Kandidaten. In Deutschland, so habe ich im Internet gelesen, wurde auch gerade gewählt. Es heißt, die grüne Partei habe einen großen Sieg eingefahren. In Japan gibt es keine Grünen. Jedenfalls habe ich noch nichts von ihnen gehört.« Yuko Ichimura
25. März: »Das Ausgehviertel Shibuya ist eine Gegend, die eigentlich übersprudelt vor Leben. Nun ist dieser sonst stets etwas zu grelle und zu laute Stadtteil ungleich dunkler. All die blinkenden Leuchtstoff-Reklametafeln wurden ausgeschaltet oder abgedunkelt, um Elektrizität zu sparen. Dennoch treiben sich hier allerhand Leute rum. Sie sehen aus wie der Schatten eines riesigen Waldes in der Nacht.«
25. März: »Das Ausgehviertel Shibuya ist eine Gegend, die eigentlich übersprudelt vor Leben. Nun ist dieser sonst stets etwas zu grelle und zu laute Stadtteil ungleich dunkler. All die blinkenden Leuchtstoff-Reklametafeln wurden ausgeschaltet oder abgedunkelt, um Elektrizität zu sparen. Dennoch treiben sich hier allerhand Leute rum. Sie sehen aus wie der Schatten eines riesigen Waldes in der Nacht.« Yuko Ichimura
24. März: »Es ist ruhig, gibt nichts zu berichten. Nichts Neues darüber, ob sich die Lage in Fukushima nun beruhigt hat oder nicht, die Krise ausgestanden ist oder die Gefahr akut bleibt, nichts Neues darüber, wie wahrscheinlich es nun ist, dass bald nur noch verstrahltes Leitungswasser aus Tokio Wasserhähnen tropft. Kein Wort von Yudai zum Thema Umzug, Trennung, Landwirtschaft, nichts Neues, nichts. Es ist herrlich. Heute putze ich die Wohnung, ich zünde ein Räucherstäbchen an und nehme mir Zeit zu kochen.«
24. März: »Es ist ruhig, gibt nichts zu berichten. Nichts Neues darüber, ob sich die Lage in Fukushima nun beruhigt hat oder nicht, die Krise ausgestanden ist oder die Gefahr akut bleibt, nichts Neues darüber, wie wahrscheinlich es nun ist, dass bald nur noch verstrahltes Leitungswasser aus Tokio Wasserhähnen tropft. Kein Wort von Yudai zum Thema Umzug, Trennung, Landwirtschaft, nichts Neues, nichts. Es ist herrlich. Heute putze ich die Wohnung, ich zünde ein Räucherstäbchen an und nehme mir Zeit zu kochen.« Yuko Ichimura
23. März: »Es hat Berichte gegeben, radioaktiv verseuchtes Wasser sei in den Pazifik geflossen. Ich habe Angst, dass die Strahlung das Grundwasser für lange Zeit kontaminiert. Selbst meine Kamerafrau Megumi war schockiert. Dabei blieb sie die ganze Zeit über in Tokio, ist der Optimismus in Reinkultur. Nun wird selbst sie ein wenig nervös. Denn wir können nichts tun. Sitzen, warten, grübeln. Wir warten darauf, dass die Radioaktivität nicht mehr nur in den Nachrichten läuft, sondern durch unsere Wasserhähne und damit in unseren Alltag hinein.«
23. März: »Es hat Berichte gegeben, radioaktiv verseuchtes Wasser sei in den Pazifik geflossen. Ich habe Angst, dass die Strahlung das Grundwasser für lange Zeit kontaminiert. Selbst meine Kamerafrau Megumi war schockiert. Dabei blieb sie die ganze Zeit über in Tokio, ist der Optimismus in Reinkultur. Nun wird selbst sie ein wenig nervös. Denn wir können nichts tun. Sitzen, warten, grübeln. Wir warten darauf, dass die Radioaktivität nicht mehr nur in den Nachrichten läuft, sondern durch unsere Wasserhähne und damit in unseren Alltag hinein.« Yuko Ichimura
22. März: »In der ewig umtriebigen Werbeindustrie gab es während der Katastrophe kaum Pausen. Und vor allem der Videoschnitt lief auf Hochtouren, weil so viele dringend erforderliche Änderungen an bereits fertig produziertem Material vorgenommen werden musste. Die Cutter mussten alle Szenen, in denen das Meer, Hubschrauber oder große Menschenmengen vorkamen, rausnehmen. Für alle, die ihre Produkte anpreisen wollen, sind nun selbst scheinbar harmlose Claims wie “Let’s go to the seaside” tabu.«
22. März: »In der ewig umtriebigen Werbeindustrie gab es während der Katastrophe kaum Pausen. Und vor allem der Videoschnitt lief auf Hochtouren, weil so viele dringend erforderliche Änderungen an bereits fertig produziertem Material vorgenommen werden musste. Die Cutter mussten alle Szenen, in denen das Meer, Hubschrauber oder große Menschenmengen vorkamen, rausnehmen. Für alle, die ihre Produkte anpreisen wollen, sind nun selbst scheinbar harmlose Claims wie “Let’s go to the seaside” tabu.« Yuko Ichimura
20. bis 22. März: »Während des Trips nach Kumamoto diskutieren Yudai und ich, ob wir weiterhin in einem Tokio wohnen wollen, das sich möglicherweise für immer verändert hat. Ursprünglich komme ich aus Yokohama, das liegt im weiteren Einzugsbereich der Hauptstadt. Daher fühle ich mich mit diesem Teil des Landes sehr verbunden, verwurzelt. Bei Yudai ist das anders. Er stammt aus Aomori, das ist noch viel weiter nördlich als Fukushima. Und er überlegt ernsthaft, aus Tokio wegzuziehen. Würde er das wirklich tun – es würde wohl alles auf eine Trennung hinauslaufen. Denn ich möchte bleiben, definitiv.«
20. bis 22. März: »Während des Trips nach Kumamoto diskutieren Yudai und ich, ob wir weiterhin in einem Tokio wohnen wollen, das sich möglicherweise für immer verändert hat. Ursprünglich komme ich aus Yokohama, das liegt im weiteren Einzugsbereich der Hauptstadt. Daher fühle ich mich mit diesem Teil des Landes sehr verbunden, verwurzelt. Bei Yudai ist das anders. Er stammt aus Aomori, das ist noch viel weiter nördlich als Fukushima. Und er überlegt ernsthaft, aus Tokio wegzuziehen. Würde er das wirklich tun – es würde wohl alles auf eine Trennung hinauslaufen. Denn ich möchte bleiben, definitiv.« Yuko Ichimura
19. März, im Zug: »Yudai lacht mich aus. Ich bin vielleicht aufgeregt, fast wie ein kleines Kind. Wir fahren am Fujisan vorbei, und ich knipse ganz viele Bilder. Ich schnattere in einer Tour, kitzele Yudais Bauch und esse eine Unmenge Süßigkeiten, so dass mir beinahe schlecht wird.« 12:00 Uhr: »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber plötzlich muss ich weinen und kann gar nicht mehr aufhören. Da fällt es mir wieder ein: Es ist ja alles so über alle Maßen traurig.«
19. März, im Zug: »Yudai lacht mich aus. Ich bin vielleicht aufgeregt, fast wie ein kleines Kind. Wir fahren am Fujisan vorbei, und ich knipse ganz viele Bilder. Ich schnattere in einer Tour, kitzele Yudais Bauch und esse eine Unmenge Süßigkeiten, so dass mir beinahe schlecht wird.« 12:00 Uhr: »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber plötzlich muss ich weinen und kann gar nicht mehr aufhören. Da fällt es mir wieder ein: Es ist ja alles so über alle Maßen traurig.« Yuko Ichimura
18. März. Yudai: »Weißt du was? Lass uns das hier einfach als verlängerten Wochenendausflug sehen. Es ist eh viel zu deprimierend, jetzt in Tokio zu bleiben. Der nächste Montag ist ein Brückentag, der ist frei, und wir kommen einfach am Dienstag zurück. Grundgütiger, falls wir wie geplant zurück kommen können. Falls nicht, werden wir uns eben dann etwas ausdenken.«
18. März. Yudai: »Weißt du was? Lass uns das hier einfach als verlängerten Wochenendausflug sehen. Es ist eh viel zu deprimierend, jetzt in Tokio zu bleiben. Der nächste Montag ist ein Brückentag, der ist frei, und wir kommen einfach am Dienstag zurück. Grundgütiger, falls wir wie geplant zurück kommen können. Falls nicht, werden wir uns eben dann etwas ausdenken.« Yuko Ichimura
17. März: »Wie vielleicht auch Sie, liebe Leser, wenn Sie denken, dass ich und auch andere Leute in Japan zu optimistisch oder naiv oder ruhig sind. Weil wir hier in Tokio bleiben, business as usual, und versuchen, unser normales Leben irgendwie aufrecht zu erhalten. Ich möchte an dieser Stelle in aller Bescheidenheit etwas klarstellen: Ich kenne keine einzige Person, deren Herz nicht zutiefst erschüttert wurde. Die nicht zu Tode geängstigt ist. Die nicht, bildlich gesprochen, in Sorge und Beklemmung und Verwirrung und unglaublicher Trauer ertrinkt. Wie auch immer es nach außen hin wirken mag.«
17. März: »Wie vielleicht auch Sie, liebe Leser, wenn Sie denken, dass ich und auch andere Leute in Japan zu optimistisch oder naiv oder ruhig sind. Weil wir hier in Tokio bleiben, business as usual, und versuchen, unser normales Leben irgendwie aufrecht zu erhalten. Ich möchte an dieser Stelle in aller Bescheidenheit etwas klarstellen: Ich kenne keine einzige Person, deren Herz nicht zutiefst erschüttert wurde. Die nicht zu Tode geängstigt ist. Die nicht, bildlich gesprochen, in Sorge und Beklemmung und Verwirrung und unglaublicher Trauer ertrinkt. Wie auch immer es nach außen hin wirken mag.« Yuko Ichimura
16. März:»Ich habe noch überall Shampoo in den Haaren, als es um 11 Uhr ein weiteres, ein richtig schweres Nachbeben gibt. Wenn die Erde zittert, schaue ich immer auf den Kleiderbügel, der als improvisiertes „Erdbeben-Check-Gerät“ an der Wand hängt. Er zeigt mir ganz genau, ob das Wackeln ein Erdbeben ist oder ob meine Seekrankheit wieder zugeschlagen hat. Man gewöhnt sich echt an alles.«
16. März:»Ich habe noch überall Shampoo in den Haaren, als es um 11 Uhr ein weiteres, ein richtig schweres Nachbeben gibt. Wenn die Erde zittert, schaue ich immer auf den Kleiderbügel, der als improvisiertes „Erdbeben-Check-Gerät“ an der Wand hängt. Er zeigt mir ganz genau, ob das Wackeln ein Erdbeben ist oder ob meine Seekrankheit wieder zugeschlagen hat. Man gewöhnt sich echt an alles.« Yuko Ichimura
15. März, 11:00 Uhr. »Aufwachen! Ich stelle fest, dass der Twitter-Account mein Telefon Alarm schlagen lässt. Die kleinen Nachrichten sagen, dass es am frühen Morgen zu einer Explosion in einem der Atomreaktoren gekommen sei. Mein Gott, kann ich nicht einmal für fünf Stunden meine Augen von diesem verdammten Ding lassen? Und es geht nicht nur mir so. Auch Yudai, der neben mir im Bett liegt, überwacht jede Regung auf seinem Handy-Display.«
15. März, 11:00 Uhr. »Aufwachen! Ich stelle fest, dass der Twitter-Account mein Telefon Alarm schlagen lässt. Die kleinen Nachrichten sagen, dass es am frühen Morgen zu einer Explosion in einem der Atomreaktoren gekommen sei. Mein Gott, kann ich nicht einmal für fünf Stunden meine Augen von diesem verdammten Ding lassen? Und es geht nicht nur mir so. Auch Yudai, der neben mir im Bett liegt, überwacht jede Regung auf seinem Handy-Display.« Yuko Ichimura
13. März: »Ich arbeite heute von Zuhause aus. Eine Fernsehreklame muss vorbereitet werden. Eigentlich hätte das Meeting schon am Freitag stattfinden sollen. Aber da war ja das Erdbeben. Es fühlt sich nicht richtig an, weiter zu arbeiten, als sei nichts geschehen. Aber was können wir sonst tun? Im Fernsehen laufen die schrecklichen Tsunami-Bilder. Die Zahl der Todesopfer schnellt hektisch nach oben. Sie steigt, steigt, steigt jede Stunde. Mein Smartphone und meine Twitter-Liste dagegen spielen verrückt. So viele Leute suchen über den Nachrichtendienst ihre Angehörigen.«
13. März: »Ich arbeite heute von Zuhause aus. Eine Fernsehreklame muss vorbereitet werden. Eigentlich hätte das Meeting schon am Freitag stattfinden sollen. Aber da war ja das Erdbeben. Es fühlt sich nicht richtig an, weiter zu arbeiten, als sei nichts geschehen. Aber was können wir sonst tun? Im Fernsehen laufen die schrecklichen Tsunami-Bilder. Die Zahl der Todesopfer schnellt hektisch nach oben. Sie steigt, steigt, steigt jede Stunde. Mein Smartphone und meine Twitter-Liste dagegen spielen verrückt. So viele Leute suchen über den Nachrichtendienst ihre Angehörigen.« Yuko Ichimura

, 35, ist Illustratorin und Werbefilmerin aus Tokio. Seit dem Erdbeben in Japan zeichnet sie für uns die Veränderungen ihres Leben auf ein Blatt Papier, scannt es ein und schickt es nach Deutschland. Übersetzung aus dem Englischen: Tim Rittmann.

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