Tagebuch aus Tokio»Ich begebe mich auf meine tägliche Netzpatrouille«
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Start Yuko Ichimura
Yuko informiert sich hauptsächlich über das Internet. Auf Twitter liest sie zum Beispiel die Nachrichten eines Arbeiters, der im Atommeiler Fukushima I tätig ist. Und dann gibt es noch die Blogs von zwei Hausfrauen, die stets seltsame Geräusche hören, bevor die Erde bebt.
Bild und Text: Yuko Ichimura
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Die tägliche Netzpatroullie Ein sehr heißer Junitag – es ist wie im Hochsommer – neigt sich dem Ende zu. Die Arbeit des Tages liegt hinter mir, nun trinke ich kalten japanischen Pflaumen- und braunen Zuckerwein. Sodann begebe ich mich auf meine tägliche Netz-Patroullie. Jeden Abend, bevor ich zu Bett gehe, besuche ich mehrere Websites. Denn nur so kann ich sicher gehen, auf dem neuesten Stand über die Geschehnisse rund um Fukushima zu sein.
Schlagwortliste auf Twitter Auf Twitter habe ich eine Liste mit dem Schlagwort „Nuclear“ erstellt. Nun bekomme ich regelmäßig die Tweets, die dieses Schlagwort enthalten. Ich lese sie alle abends in einem Rutsch. Darunter befinden sich viele lesenswerte Beiträge. Und es sind fast immer dieselben Personen, die sie schreiben. Da wäre etwa:
@hayano, ein Physikstudent. @uesugitakashi ist freischaffender Journalist, der schon viele Heimlichtuereien unserer Regierung aufgedeckt hat. @HayakawaYukio ist ein Vulkanologe und dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Seine Tweeds sind radikal formuliert und bringen es auf den Punkt. @nuclearleak bringt allgemeine News zum Thema Radioaktivität. @r_isotope, ein unabhängiges Projekt, das mit Geigerzählern die Radioaktivität in ganz Japan misst und die Daten veröffentlicht. @shunkenn ist ein buddhistischer Mönch und Radio-DJ aus Fukushima. Auch er nimmt Messungen mit einem Geigerzähler vor. @gpjen schließlich ist eine renommierte NGO, eine nichtstaatliche Organisation, die sich, ähnlich wie Greenpeace, dem Thema Umweltschutz widmet.
Gedankenlosigkeiten aus Tokio Man glaubt kaum, wer sich hinter @Happy20790 verbirgt. Es ist ein Arbeiter aus dem Atommeiler Fukushima Nummer 1. Sobald seine Schicht beendet ist, twittert er. Er schreibt, wie es ihm ergangen ist, wie der Arbeitstag verlief. Er erklärt die Vorgänge in leicht verständlichen Worten. Manchmal tut er auch seine persönliche Meinung kund. Ziemlich genervt scheint er von den Gedankenlosigkeiten zu sein, denen sich das TEPCO-Hauptquartier in Tokio schuldig macht. Wie Sie sehen versuche ich, mich so weitgehend wie möglich zu informieren, zwischen sachlich und polemisch, lese Tweets von Menschen aus Fukushima wie Tokio.
Hausfrauen als Erdbebendetektoren Außerdem gehören folgende Websites zu meinen Lesezeichen: Die des Deutschen Wetterdienstes für eine genaue Windvorhersage. Die Live-Webcam, die den Atommeiler Fukushima Nummer 1 zeigt, aus dem nachts manchmal Rauch aufsteigt. Die Blogs von zwei Hausfrauen, die eine gewisse Berühmtheit erlangten, weil ihre Körper in der Lage sind, Erdbeben voraus zu ahnen. Sie hören anscheinend seltsame Geräusche, bevor es losgeht. Mein Internet-Browser hat außerdem ein kleines Add-On installiert, es ist ein Erdbebenalarm.
Das Plätschern des Mainstreams Hier, in Japan 2011, gibt es einen großen Unterschied zum Supergau in Tschernobyl 1985. Es ist das Vorhandensein der großartigen Technik-Hexerei Internet. Es macht mich unabhängig von den plätschernden Beschwichtigungsversuchen der Mainstream-Medien.
Yuko Ichimura
17. bis 21. Juni: »Sie wissen vielleicht, bei uns Japanern ist ein Hang zum Kollektivismus so ein kulturelles Ding. Die Leute halten mit ihrer persönlichen Meinung lange hinterm Berg.« Yuko Ichimura
12. bis 16. Juni: »Ich habe mich schon die ganze Zeit darauf gefreut, bedenkenlos Gemüse einkaufen zu können. Denn hier unten muss ich mir keine Gedanken machen, ob das Grünzeug radioaktiv verstrahlt ist oder nicht.« Yuko Ichimura
11. Juni: »ich schrubbe den Boden mit einem borstigen Besenkopf. Danach wische ich nicht nur den Eingang, sondern reibe auch unsere Schuhsolen ab. Klingt wie ein ganz normales häusliches Wochenende, wäre es nicht radioaktiver Staub, den es zu beseitigen gilt.« Yuko Ichimura
4. bis 6. Juni: »In den drei Monaten nach dem Beben ist eine beachtliche Zahl von Paaren enger zusammengerückt. Oder hat sich getrennt.« Yuko Ichimura
1. bis 3. Juni: »All die komplizierten Gedanken in meinem Kopf verschwanden plötzlich und machten einer großen Einfachheit Platz. Ich musste ein bisschen weinen.« Yuko Ichimura
23. bis 26. Mai: »Heute morgen hatten auch wir wieder ein großes Erdbeben. Yudai und ich haben noch geschlafen, als es uns in der Horizontalen erfasste, unsere Bäuche haben gewackelt wie Götterspeise. ›Ich habe ganz schön zugenommen‹, stellte ich zu meinem Bedauern fest.« Yuko Ichimura
19. bis 22. Mai: »Im Juni regnet es hier sehr häufig. Es ist unsere Regenzeit. Vielleicht sollte ich mir einen Regenmantel besorgen. Einen hübschen. Das würde mich sicherlich aufmuntern.« Yuko Ichimura
9. bis 13. Mai: »Es sind zwei Monate und zwei Tage vergangen, seit ein Erdbeben und ein anschließender Tsunami mir gezeigt haben, dass die Frage nach dem passenden Kleidungsstück nicht zu den wichtigsten der Welt gehört.« Yuko Ichimura
26. bis 28. April: »Seit dem 11. März habe ich nicht einmal auf meinen Kontostand geguckt. Dabei habe ich das zuvor nahezu jeden Tag gemacht. Irgendwie fühlt sich das alles jetzt aber bedeutungslos an. Was bringt es, sein ganzes Geld gespart zu haben, wenn man jederzeit sterben kann?« Yuko Ichimura
22. bis 25. April: »Yukari, Yayoi und Miki sind für große, international agierende Finanzgruppen tätig. Sie erzählten mir, ihre jeweiligen Arbeitgeber hätten ihnen die Notfallausrüstung zur Verfügung gestellt. Sie bestand aus 1 Helm und 1 Rucksack, darin waren enthalten: 1 Muffin in der Konservendose, Wasser, 1 Wegwerftoilette, 1 silberne Thermofolie und 1 Taschenlampe.« Yuko Ichimura
19. bis 21. April: »Nahezu jeder in Tokio hat Bekannte, Familie oder Kollegen aus dem Norden. Ich habe es Ihnen gegenüber bisher vermieden, das eine Thema anzusprechen. Ich dachte, dass ich nicht das Recht besitze, ihre Geschichten zu erzählen und sie zu meinen Geschichten zu machen. Doch möglicherweise ist es jetzt an der Zeit, bevor sie in Vergessenheit geraten.« Yuko Ichimura
15. bis 18. April: »Es tat ja so gut, meine alten Freunde aus Übersee wiederzusehen. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sich nicht alles radikal verändert hat, nicht alles verloren ist. Die Dinge sind noch immer im Fluss.« Yuko Ichimura
10. bis 14. April: »Der neu gewählte Gouverneur von Tokio ist der alte Gouverneur. Dabei schienen doch auf Twitter und in aktuellen Wahlumfragen so viele Menschen mit einem Wechsel zu liebäugeln. Die Leute bekräftigten sich gegenseitig darin, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen, ihr Wahlverhalten zu ändern und Ishihara (so heißt der alte, neue Gouverneur) zu stürzen. Dann aber stellte sich heraus, dass nur knapp die Hälfte aller Wahlberechtigten zwischen 20 und 30 Jahren überhaupt den Urnengang angetreten sind.« Yuko Ichimura
8. bis 9. April: »Eben noch litt mein Gehirn an einem Informations-Overkill, bis es schlagartig auf Reset gesetzt wurde. So wie eine Katze, die bemerkt, dass ein Auto frontal auf sie zufährt. Sie macht auf der Stelle Halt, dann scheint es, als schrumpfe sie in sich zusammen, haben sie das schon einmal gesehen? Ich war in diesem Moment die Katze. All meine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, die Belanglosigkeiten in meinem Kopf machten sich ganz klein und meine Überlebensinstinkte schalteten meinen ganzen Körper in den Ausnahmezustand.« Yuko Ichimura
4. bis 7. April: »Langsam unser tägliches Leben hier in Tokio wieder in geregelten Bahnen. Zugegeben, nichts ist, wie es einmal war, doch diese unglaubliche Anspannung ist ein bisschen gewichen. Was auch an den ersten Anzeichen des Frühlings liegen könnte. Die Kirschblüten blühen überall in der Stadt. Hach! Es sind wirklich ganz besondere Bäume, sehr japanische Bäume. Wir lieben sie, sie blühen so wunderbar.« Yuko Ichimura
30. März bis 3. April: »Unsere Beziehung ist fast so, wie in der Zeit vor dem Erdbeben. Dabei möchte ich das eigentlich gar nicht, an jenem Punkt weitermachen, an dem wir uns vor dem Beben befanden. Das Beben, mein persönliches Beben, das körperlich nicht spürbar war, hat Dinge freigelegt, die vorher im Verborgenen lagen. Etwa, dass ich sehr von mir eingenommen war und Yudais verletzliche Seite nicht gesehen habe. Meine Situation zu Hause hat sich also stabilisiert. Doch andere Dinge sind weiterhin ungewiss.« Yuko Ichimura
29.März: »Am 10. April wird in Tokio gewählt. Schon jetzt sehe ich überall Wahlplakate in den Straßen, darauf die Gesichter der Kandidaten. In Deutschland, so habe ich im Internet gelesen, wurde auch gerade gewählt. Es heißt, die grüne Partei habe einen großen Sieg eingefahren. In Japan gibt es keine Grünen. Jedenfalls habe ich noch nichts von ihnen gehört.« Yuko Ichimura
25. März: »Das Ausgehviertel Shibuya ist eine Gegend, die eigentlich übersprudelt vor Leben. Nun ist dieser sonst stets etwas zu grelle und zu laute Stadtteil ungleich dunkler. All die blinkenden Leuchtstoff-Reklametafeln wurden ausgeschaltet oder abgedunkelt, um Elektrizität zu sparen. Dennoch treiben sich hier allerhand Leute rum. Sie sehen aus wie der Schatten eines riesigen Waldes in der Nacht.« Yuko Ichimura
24. März: »Es ist ruhig, gibt nichts zu berichten. Nichts Neues darüber, ob sich die Lage in Fukushima nun beruhigt hat oder nicht, die Krise ausgestanden ist oder die Gefahr akut bleibt, nichts Neues darüber, wie wahrscheinlich es nun ist, dass bald nur noch verstrahltes Leitungswasser aus Tokio Wasserhähnen tropft. Kein Wort von Yudai zum Thema Umzug, Trennung, Landwirtschaft, nichts Neues, nichts. Es ist herrlich. Heute putze ich die Wohnung, ich zünde ein Räucherstäbchen an und nehme mir Zeit zu kochen.« Yuko Ichimura
23. März: »Es hat Berichte gegeben, radioaktiv verseuchtes Wasser sei in den Pazifik geflossen. Ich habe Angst, dass die Strahlung das Grundwasser für lange Zeit kontaminiert. Selbst meine Kamerafrau Megumi war schockiert. Dabei blieb sie die ganze Zeit über in Tokio, ist der Optimismus in Reinkultur. Nun wird selbst sie ein wenig nervös. Denn wir können nichts tun. Sitzen, warten, grübeln. Wir warten darauf, dass die Radioaktivität nicht mehr nur in den Nachrichten läuft, sondern durch unsere Wasserhähne und damit in unseren Alltag hinein.« Yuko Ichimura
22. März: »In der ewig umtriebigen Werbeindustrie gab es während der Katastrophe kaum Pausen. Und vor allem der Videoschnitt lief auf Hochtouren, weil so viele dringend erforderliche Änderungen an bereits fertig produziertem Material vorgenommen werden musste. Die Cutter mussten alle Szenen, in denen das Meer, Hubschrauber oder große Menschenmengen vorkamen, rausnehmen. Für alle, die ihre Produkte anpreisen wollen, sind nun selbst scheinbar harmlose Claims wie “Let’s go to the seaside” tabu.« Yuko Ichimura
20. bis 22. März: »Während des Trips nach Kumamoto diskutieren Yudai und ich, ob wir weiterhin in einem Tokio wohnen wollen, das sich möglicherweise für immer verändert hat. Ursprünglich komme ich aus Yokohama, das liegt im weiteren Einzugsbereich der Hauptstadt. Daher fühle ich mich mit diesem Teil des Landes sehr verbunden, verwurzelt. Bei Yudai ist das anders. Er stammt aus Aomori, das ist noch viel weiter nördlich als Fukushima. Und er überlegt ernsthaft, aus Tokio wegzuziehen. Würde er das wirklich tun – es würde wohl alles auf eine Trennung hinauslaufen. Denn ich möchte bleiben, definitiv.« Yuko Ichimura
19. März, im Zug: »Yudai lacht mich aus. Ich bin vielleicht aufgeregt, fast wie ein kleines Kind. Wir fahren am Fujisan vorbei, und ich knipse ganz viele Bilder. Ich schnattere in einer Tour, kitzele Yudais Bauch und esse eine Unmenge Süßigkeiten, so dass mir beinahe schlecht wird.« 12:00 Uhr: »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber plötzlich muss ich weinen und kann gar nicht mehr aufhören. Da fällt es mir wieder ein: Es ist ja alles so über alle Maßen traurig.« Yuko Ichimura
18. März. Yudai: »Weißt du was? Lass uns das hier einfach als verlängerten Wochenendausflug sehen. Es ist eh viel zu deprimierend, jetzt in Tokio zu bleiben. Der nächste Montag ist ein Brückentag, der ist frei, und wir kommen einfach am Dienstag zurück. Grundgütiger, falls wir wie geplant zurück kommen können. Falls nicht, werden wir uns eben dann etwas ausdenken.« Yuko Ichimura
17. März: »Wie vielleicht auch Sie, liebe Leser, wenn Sie denken, dass ich und auch andere Leute in Japan zu optimistisch oder naiv oder ruhig sind. Weil wir hier in Tokio bleiben, business as usual, und versuchen, unser normales Leben irgendwie aufrecht zu erhalten. Ich möchte an dieser Stelle in aller Bescheidenheit etwas klarstellen: Ich kenne keine einzige Person, deren Herz nicht zutiefst erschüttert wurde. Die nicht zu Tode geängstigt ist. Die nicht, bildlich gesprochen, in Sorge und Beklemmung und Verwirrung und unglaublicher Trauer ertrinkt. Wie auch immer es nach außen hin wirken mag.« Yuko Ichimura
16. März:»Ich habe noch überall Shampoo in den Haaren, als es um 11 Uhr ein weiteres, ein richtig schweres Nachbeben gibt. Wenn die Erde zittert, schaue ich immer auf den Kleiderbügel, der als improvisiertes „Erdbeben-Check-Gerät“ an der Wand hängt. Er zeigt mir ganz genau, ob das Wackeln ein Erdbeben ist oder ob meine Seekrankheit wieder zugeschlagen hat. Man gewöhnt sich echt an alles.« Yuko Ichimura
15. März, 11:00 Uhr. »Aufwachen! Ich stelle fest, dass der Twitter-Account mein Telefon Alarm schlagen lässt. Die kleinen Nachrichten sagen, dass es am frühen Morgen zu einer Explosion in einem der Atomreaktoren gekommen sei. Mein Gott, kann ich nicht einmal für fünf Stunden meine Augen von diesem verdammten Ding lassen? Und es geht nicht nur mir so. Auch Yudai, der neben mir im Bett liegt, überwacht jede Regung auf seinem Handy-Display.« Yuko Ichimura
13. März: »Ich arbeite heute von Zuhause aus. Eine Fernsehreklame muss vorbereitet werden. Eigentlich hätte das Meeting schon am Freitag stattfinden sollen. Aber da war ja das Erdbeben. Es fühlt sich nicht richtig an, weiter zu arbeiten, als sei nichts geschehen. Aber was können wir sonst tun? Im Fernsehen laufen die schrecklichen Tsunami-Bilder. Die Zahl der Todesopfer schnellt hektisch nach oben. Sie steigt, steigt, steigt jede Stunde. Mein Smartphone und meine Twitter-Liste dagegen spielen verrückt. So viele Leute suchen über den Nachrichtendienst ihre Angehörigen.« Yuko Ichimura
, 35, ist Illustratorin und Werbefilmerin aus Tokio. Seit dem Erdbeben in Japan zeichnet sie für uns die Veränderungen ihres Leben auf ein Blatt Papier, scannt es ein und schickt es nach Deutschland. Übersetzung aus dem Englischen: Tim Rittmann.