Wie viel Akku hast du noch? Die Frage kann mitfühlend sein – oder geradezu sensationslüstern. So viel hängt von der Höhe der Akkuladung ab: ob man die Reisedokumente vorzeigen kann, ob man den Kaffee am Bahnhof bezahlen kann, ob man die Serien schauen kann, die man heruntergeladen hat.
Vor allem der Seelenfrieden hängt davon ab, wann man sich zuletzt irgendwo anhängen konnte, wo es Strom gab. Und das emotionale Verhältnis zur Akkuladung ist ein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal. Viele Menschen können nur in Ruhe reisen, wenn sie beim Aufbruch hundert Prozent und unterwegs die Aussicht haben, die volle Ladung jederzeit wiederherstellen zu können.

Zu viele Flughäfen, nicht wenige Ladegeräte und Ladekabel sowie ausnahmslos alle Steckdosen im ICE 4 wurden aber offenbar von Menschen entworfen und hergestellt, für die zwanzig Prozent Akku reichlich sind und die noch mit sieben bis acht Prozent das Haus verlassen würden.
Deshalb gibt es in den meisten Wartebereichen nicht genug Steckdosen, und wenn, dann nicht in Sitzplatznähe, und die wenigen sind umlagert und so international, ohne seitliche Führung für den Stecker und ohne Schutzkontakte, dass man das Ladegerät abenteuerlich abstützen muss, um Anschluss zu halten.

Deshalb kann es sein, dass man sich in München-Hauptbahnhof wohlgemut in die ICE-Steckdose fummelt, nur um kurz hinter Erfurt festzustellen, dass man bestenfalls Wackelkontakt hatte und der Akku trotz Kabelsalat im Fußraum erst mal leer ist.
Hast du auch nur noch so wenig Akku? Die Frage stiftet Gemeinschaft, wie: Bist du auch so müde? Hast du auch so großen Hunger? Ja, lass mal Strom suchen. Da vorn. Ach nein, die Dose ist abgeklebt, zugestellt, tot.

Reisen war schon immer die Jagd nach Anschlüssen. Aber jetzt kann es sein, dass man, obwohl man den »connecting flight« in Schiphol gerade noch geschafft hat, auf 23D schwer atmend feststellt: Der Sitz in dieser ollen Maschine hat eine Aschenbechermulde und eine USB-A-Buchse, unser Ladekabel ist aber schon USB-C. Zwar gibt es dafür die Powerbank. Aber die will ja auch irgendwo geladen worden sein.
An der einzigen Eurosteckdose im Badezimmer der Ferienwohnung, »Electric Razors Only!!«, wo noch Ehepartner und Teenager-Kinder all ihren Saft ziehen wollten? Jemand hat nachts die aus Zahnspangendose und Zahnseidenrolle konstruierte Ladegerätstütze destabilisiert, deshalb blinkt die Powerbank am Abreisemorgen auf dem letzten LED-Loch. Wie viel Prozent hast du schon? Vierzig? Die Frage kann man in der Familie oder Freundesgruppe stellen.

Aber kann man auch die fremden Reisenden an der Boarding-Gate-Ladestation mit den seltsamen Barhockern fragen, wie viel Prozent sie schon haben? Und ab wie viel Prozent müssten sie abziehen und einen endlich ranlassen? Was ist da die Etikette? Und woher kann man wissen, dass die Person da an der Buchse nicht eine von diesen Freaks ist, die sich mit vollem Akku an die Steckdose hängen, um ihren perfekten Ladestatus zu erhalten, die berüchtigten Hundert-Prozent-Junkies?
Vielleicht wäre der logische Schluss aus der Akku-Nervosität eine Powerbank mit Kurbel-Dynamo. Dabei wollten wir ja eigentlich nur unterwegs sein und nicht Survival machen.


Till Raether und Yann Stofer
Der französische Fotograf Yann Stofer hat die Kabelsalate, die auf diesen Seiten zu sehen sind, auf seinen Reisen aufgenommen. Der Autor Till Raether beschrieb mal im SZ-Magazin, ›dass‹ nichts das Leben so unmittelbar verbessere wie ein richtig langes Ladekabel. Raether besitzt mehrere fünf Meter lange Kabel und bedauert, dass es keine zehn Kilometer langen gibt.
