ReiseDem Himmel so nah

Aus Heft 20/13

Lesezeit: 2 Min.

Einige Toilettenhäuschen sind nur im Winter geöffnet, wenn die Hütten geschlossen sind, so wie das Außen-WC der  Voralphütte  auf 2126 Metern im Gotthardgebiet.
Einige Toilettenhäuschen sind nur im Winter geöffnet, wenn die Hütten geschlossen sind, so wie das Außen-WC der Voralphütte auf 2126 Metern im Gotthardgebiet. Pressebild

In den Schweizer Bergen gibt es Toiletten, in denen würde man glatt seine Sommerferien verbringen.

Von: Titus Arnu

V

Von oben: Steinschlaggefahr. Von der Seite: Sturmböen. Von innen: dieser fiese Druck. Bergsteiger, die im Hochgebirge mal dringend müssen, haben ein Problem. Klettergurt, Steigeisen und Hose ausziehen – das ist keine gute Idee, wenn man zum Beispiel mitten in der Eiger-Nordwand hängt. Selbst als Speed-Bergsteiger schafft man es kaum zur nächsten öffentlichen Toilette. Eine echte Scheiß-Situation, auch für die Seilschaften unterhalb.

»Saublöd, wenn man da oben muss«, sagt der Münchner Extremsportler Benedikt Böhm, der bei der Besteigung des Broad Peak (8051 Meter) mal an einer eher ungünstigen Stelle, halb überhängend, seine Notdurft verrichtete. Böhm rennt freiwillig auf die höchsten Berge der Welt und fährt mit Skiern wieder runter, aber auf Toilettengänge in der Todeszone würde er gern verzichten: »Gefährlich, unpraktisch, ungemütlich.«

Im Vergleich zu so einer Luftnummer kann einem eine Bretterbude mit Donnerbalken fast wie ein Wellnessbereich vorkommen. Das Plumpsklo neben der Guggihütte, auf 2791 Metern im Berner Oberland gelegen, bietet keinerlei Komfort, dafür aber eine spektakuläre Aussicht. Die Toilette steht auf einem Felssporn zwischen den Viertausendern Mönch und Jungfrau. Ähnlich exponiert sitzt man auf dem WC neben dem Mittelaletschbiwak, einer Notunterkunft am Aletschgletscher für 13 Personen. Im Klohäuschen hängt ein Seil, an dem man ziehen kann. Die Spülung ist eine Attrappe, Wasser gibt es nicht – eiskalter Schweizer Humor.

»Es ist diese Mischung aus Poesie und Skurrilität, die mich fasziniert«, sagt der Schweizer Bergfotograf Marco Volken. Bei Wanderungen und Skitouren in den Alpen hat er in den vergangenen 15 Jahren mehr als hundert WC-Häuschen fotografiert. Die architektonische Vielfalt hat ihn verblüfft, sie reicht vom rustikalen Holzmodell mit herzförmigem Fenster über das Kunststoffklo in knalligen Farben bis zum puristischen Metallkubus.

Manche WCs stehen wie Kunstinstallationen in der Landschaft, ihr Anblick kann einen nachdenklich machen. Wieso brauchen Bergsteiger, die Einsamkeit und Weite suchen, zum Verrichten ihres Geschäftes eine eng begrenzte Intimzone? Das Phänomen hat praktische Ursachen. Wenn sich alle irgendwo hinter einen Felsen hocken würden, könnte man bald nicht mehr durchatmen beim Wandern. Das Gebirgsklo konzentriert das Problem auf einen Punkt, auch wenn es in den meisten Fällen keine Kanalisation gibt. Neuere Modelle verfügen über einen Sammeltank, der mit dem Hubschrauber ausgeflogen und im Tal entleert werden kann.

Der Charme der stillen Örtchen im Hochgebirge wird wohl auch nach der Einführung neuer Technologien wie dem Bio-Trocken-WC erhalten bleiben. Das freut Marco Volken, der die extremsten Toiletten der Alpen getestet hat, die meisten davon mit Gänsehaut-Garantie. Ihn kann jetzt nur noch wenig schocken: »Abenteuerlich ist es vor allem dann, wenn man zu spät merkt, dass es dort kein Wasser gibt – und auch kein Toilettenpapier.«

Fotos: Marco Volken

Wer von der  Berglihütte  auf 3299 Metern hinter dem Eiger ins Tal nach Grindelwald absteigen will, muss sich vom Holzgeländer beim WC-Häuschen abseilen.
Wer von der Berglihütte auf 3299 Metern hinter dem Eiger ins Tal nach Grindelwald absteigen will, muss sich vom Holzgeländer beim WC-Häuschen abseilen. Pressebild
Perfekt ausgeschildert ist das WC der  Gandegghütte  oberhalb von Zermatt.
Perfekt ausgeschildert ist das WC der Gandegghütte oberhalb von Zermatt. Pressebild
Das Klohäuschen der  Alphütte Fisischafberg .
Das Klohäuschen der Alphütte Fisischafberg. Pressebild
WC des  Lagginbiwaks  SAC beim Simplonpass im Kanton Wallis.
WC des Lagginbiwaks SAC beim Simplonpass im Kanton Wallis. Pressebild
Oberhalb von  Davos  denkt man auch an Hunde: An der Front hängt ein Hundekotbeutel-Spender.
Oberhalb von Davos denkt man auch an Hunde: An der Front hängt ein Hundekotbeutel-Spender. Pressebild
Der Blick ist unbezahlbar, und dennoch muss man nichts für die Nutzung zahlen: Von der  Cabane de Saleinaz  auf 2691 Metern ...
Der Blick ist unbezahlbar, und dennoch muss man nichts für die Nutzung zahlen: Von der Cabane de Saleinaz auf 2691 Metern ... Pressebild
... und der  Bivouac du Dolent SAC  sieht man ins Mont-Blanc-Massiv.
... und der Bivouac du Dolent SAC sieht man ins Mont-Blanc-Massiv. Pressebild
Kurz vor der Grenze nach Italien lädt die  Bivouac de l’Aiguillette à la Singla  auf 3176 Metern zur Rast.
Kurz vor der Grenze nach Italien lädt die Bivouac de l’Aiguillette à la Singla auf 3176 Metern zur Rast. Pressebild
Vor der Cabane Rambert gedeihen die Alpen-Kratzdisteln auf kräftig gedüngtem Boden besonders gut.
Vor der Cabane Rambert gedeihen die Alpen-Kratzdisteln auf kräftig gedüngtem Boden besonders gut. Pressebild
Das  Mittelaletschbiwak SAC  auf 3013 Metern im Jungfrau-Aletsch-Gebiet ist wahrscheinlich das abgelegenste aller abgelegenen Schweizer WCs.
Das Mittelaletschbiwak SAC auf 3013 Metern im Jungfrau-Aletsch-Gebiet ist wahrscheinlich das abgelegenste aller abgelegenen Schweizer WCs. Pressebild
Äußerste Trittsicherheit verlangt das WC am Fuß des  Obergabelhorns  gegenüber des Matterhorns. Aber geübt sind hier alle, denn ohne hochalpine Kletterfähigkeiten gelangt man gar nicht erst zum WC-Schild auf 3224 Meter Höhe.
Äußerste Trittsicherheit verlangt das WC am Fuß des Obergabelhorns gegenüber des Matterhorns. Aber geübt sind hier alle, denn ohne hochalpine Kletterfähigkeiten gelangt man gar nicht erst zum WC-Schild auf 3224 Meter Höhe. Pressebild

Titus Arnu, SZ-Mitarbeiter im Ressort Gesellschaft und Wochenende, widmet sich als erfahrener Skitourengeher und Bergsteiger seit Jahren der Erkundung abgelegener Örtchen.

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