ReiseDas Märchen vom Lande

Aus Heft 42/21

Lesezeit: 2 Min.

Wie im Film: Eine Frau, die eine Bäuerin darstellt, läuft durch den Qualm, der den Morgendunst darstellt – beobachtet durch ­Dutzende Kameralinsen.
Wie im Film: Eine Frau, die eine Bäuerin darstellt, läuft durch den Qualm, der den Morgendunst darstellt – beobachtet durch ­Dutzende Kameralinsen. Fotos: Gilles Sabrié/The New York Times/Redux/laif

Die Tourismusbranche in China hat das perfekte Ziel für über­arbeitete ­ Großstädter gefunden: eine Dorf-Idylle mit Bauern, Fischern und Wasserbüffeln, in der das Leben  ruhig und ­geordnet verläuft. Es ist nur nicht echt.

Text: Lea Sahay Fotos: Gilles Sabrié

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Sie wollen kein Stängel des Konsumversprechens mehr sein. Kein Halm, der nur wächst, um abgegrast zu werden. Ausgebrannt und überarbeitet: So fühlt sich eine zunehmend desillusionierte junge Generation und Mittelschicht in Chinas Großstädten. Immer mehr haben das Gefühl, hinschmeißen zu wollen, um sich für »Tang Ping« zu entscheiden, auf Deutsch: »sich flach hinlegen«. Eine Internet-Karikatur erklärt die Bewegung der Leistungsverweigerer. Ein Mann liegt am Boden: »Aufstehen soll ich? Nicht mehr in diesem Leben.« Ein liegender Halm lässt sich nicht stutzen.

Der Kreis Xiapu in der südostchinesi­schen Provinz Fujian verspricht Zerstreuung für die Erschöpften. Bei einem Besuch in der Küstenregion hängt der Morgendunst noch zwischen den Banyan-Feigen, als ein Bauer im Dorf Yangjiaxi seinen Wasserbüffel über eine Lichtung treibt. Die beiden bilden das perfekte Bild ländlicher Ruhe und Zuflucht. Nur dass der Bauer kein Bauer ist, sondern ein Schauspieler. Der Morgendunst kein Dunst, sondern der Rauch aus der Verbrennung von Stroh, das Helfer zuvor entzündet haben. Gleich wird der vermeintliche Bauer umkehren und erneut über die Lichtung wandern. Einen ganzen Tag lang.

Die Dorfidylle ist eine Inszenierung, der Dutzende Hobbyfotografen beiwohnen. Die Besucherzahlen in den Fischerdörfern und an den Stränden Xiapus haben sich zuletzt mehr als verzehnfacht, 2019 waren es offiziell 5,2 Millionen Touristen. Die einst wirtschaftsschwache Region ist zu einem der beliebtesten Reiseziele im Land geworden. Auch Tausende Influencer pilgern jedes Jahr dorthin. Eine junge Städterin schreibt über ihre Reise in das Statisten-Dorf, sie wünsche sich zurück aufs Land: »Die Tücken der Stadt sind zu groß geworden. Ich will meine Gedanken auf den Rücken eines Wasserbüffels legen. Das Tier grasend, während ich auf seinem Rücken schlafe.«

In den Achtzigerjahren prägten britische Soziologen den Begriff »ländliche Gentrifizierung«, um das Phänomen reicher Großstädter zu beschreiben, die versuchten, dem Druck des modernen Lebens zu entkommen, indem sie das ländliche Leben idealisierten. Chinas Tourismusbehörden haben das Potenzial längst erkannt. In der chinesischen Arbeitswelt sind die Regeln einfach: Sei Wolf oder werde gefressen. Gearbeitet wird nach dem 996-Modell: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, 6 Tage die Woche. Häufiger noch bis tief in die Nacht. Die Arbeitszeitkultur in chinesischen Firmen wird auch »996-ICU« genannt: ICU steht für intensive care unit, weil überarbeitete Beschäftigte riskieren, auf der Intensivstation zu landen. Diese Realität erscheint in Xiapu für einen Moment vergessen.

Von dieser Plattform aus sind die Fischer unten am Strand besser zu fotografieren. 
Von dieser Plattform aus sind die Fischer unten am Strand besser zu fotografieren.  Gilles Sabrié
Natürlich sind auch die Fischer in diesem Urlaubsort keine echten Fischer, sondern tun nur so.
Natürlich sind auch die Fischer in diesem Urlaubsort keine echten Fischer, sondern tun nur so. Gilles Sabrié
Auch ein Büffel braucht mal eine Pause zwischen seinen Auftritten in Yangjiaxi.
Auch ein Büffel braucht mal eine Pause zwischen seinen Auftritten in Yangjiaxi. Gilles Sabrié
Die Szenerie mit Büffel und vermeintlichem Bauer ist unter den Touristinnen und Touristen eine der beliebtesten.
Die Szenerie mit Büffel und vermeintlichem Bauer ist unter den Touristinnen und Touristen eine der beliebtesten. Gilles Sabrié
Im Dorf Banyueli hat sich ein Tourist selbst als Bauer verkleidet. Kostüm und Büffel kann man hier leihen.
Im Dorf Banyueli hat sich ein Tourist selbst als Bauer verkleidet. Kostüm und Büffel kann man hier leihen. Gilles Sabrié
Der Ruderer in der Austernzucht ist ein einheimischer Arbeiter, der für ein paar Stunden Fotografiertwerden umgerechnet 26 Euro bekommt.
Der Ruderer in der Austernzucht ist ein einheimischer Arbeiter, der für ein paar Stunden Fotografiertwerden umgerechnet 26 Euro bekommt. Gilles Sabrié
Die Illusion ist festgehalten: Besucher auf dem Rückweg von einer Foto-Tour zu ihrem Reisebus.
Die Illusion ist festgehalten: Besucher auf dem Rückweg von einer Foto-Tour zu ihrem Reisebus. Gilles Sabrié

Lea Sahay, China-Korrespondentin der SZ, erlebte schon in einem Austauschjahr in Peking die Dauerbelastung ihrer Mitschüler. Wer im Unterricht erschöpft einnickte, musste damals zur Strafe stehen. Der Fotograf Gilles Sabrié lebt wie Sahay in Peking. Er erlebte Xiapu als extremes Symptom eines weltweiten Trends: Reiseorte als künstlich erschaffene Bühnenwelten.

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