Ruhigen Schrittes steuert Chencho Dorji auf ein Restaurant mitten in Thimpuh zu und bestellt einen American Burger. Doktor Chencho, wie ihn seine Patienten nennen, ist 61 Jahre alt, seit einem Jahr pensioniert und leitet seit April ein Team, das hilft, auf die psychischen Folgen von Covid-19 zu reagieren. Er war der erste Psychiater des Landes, das weltweit mit Glück assoziiert wird: Die Regierung erklärt das Bruttonationalglück für wichtiger als das Bruttonationaleinkommen. Seit 2008 ist »Gross National Happiness« (GNH) als Ziel in der Verfassung verankert, und jeder politische Vorschlag wird von einer »Glückskommission« geprüft. Alle paar Jahre finden Glücksbefragungen statt. Inzwischen wird auch in Regionen in Kanada, Brasilien, der USA und Thailand die Zufriedenheit der Bürger nach dem GNH-Vorbild geprüft. Auch die Vereinten Nationen hielten 2011 fest, das Bruttoinlandsprodukt sage nichts über den Zustand der Menschen aus, und erklärten in der Resolution 65/309 das Wohlbefinden zum neuen Indikator für Entwicklung. Das folgende Interview fand vor Corona statt.
Reise»In unserer Sprache gibt es keinen Begriff für eine Depression«
Aus Heft 42/20
Lesezeit: 11 Min.

Chencho Dorji war der erste Psychiater in Bhutan. Das asiatische Land ist bekannt dafür, das Glück seines Volkes anzustreben – aber Dorjis Arbeit wurde lange kritisch gesehen.
Interview: Lisa Frieda Cossham Fotos: Jan Schünke