ReiseAugen auf und durch

Aus Heft 24/12

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So werden Helden geboren: In der französischen Stadt Sète am Mittelmeer findet seit fast 350 Jahren das schönste Fischerstechen Europas statt.Und da geht es um mehr als nur ein bisschen eau, là, là.

Von: Till Krause

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Eigentlich wollten die Bewohner der südfranzösischen Stadt Sète vor fast 350 Jahren ein Reiterturnier veranstalten. Jenen klassischen Wettkampf, bei dem sich Kontrahenten mit Lanzen vom Pferd stoßen.

Dumm nur, dass es in Sète damals kaum Pferde gab - sie wurden für die Feldarbeit gebraucht und waren eher Ackergäule als Schlachtrösser. Um sich zu duellieren, mussten die Männer also auf das zurückgreifen, was es in der Küstenstadt am Mittelmeer reichlich gibt: Wasser und Boote.

So entstand im Sommer 1666 die »Fête de la Saint Louis«, ein Spektakel, das ähnlich funktioniert wie ein Ritterduell, nur eben auf der wichtigsten Wasserstraße der Region, dem Canal Royal: Zwei Schiffe rudern aufeinander zu, hinten stehen die raubeinigsten Kerle der Gegend und versuchen, ihren Gegner mit einer Lanze vom Boot zu schubsen. Fischerstechen nennt sich der Brauch, es gibt ihn auch in Deutschland. Doch nirgends wird dieser Sport so ernst genommen wie in Sète, wo die Wasserschlacht jedes Jahr stattfindet. Kinder trainieren ab dem vierten Lebensjahr, um einmal dabei sein zu dürfen. Beim großen Finale im August stehen Tausende Zuschauer am Kanal, essen frittierte Tintenfische und bejubeln die jouteurs in ihren strahlend weißen Uniformen. Der Sieger wird gefeiert wie ein Held, sein Name wird auf ein Schild im Museum graviert.

Früher hatte das Duell in der Hafenstadt ganz praktische Gründe, erklärt Sophie Yates von der Tourismusbehörde: »Hier gab es viele Zugezogene, Händler und Ortsfremde - Leute also, die ihren Platz in der Gesellschaft erst finden mussten.« Und was könnte die Stadt-Hierarchie besser regeln, als ein jährliches Duell?

Wenn man sich die Bilder anschaut, die der Fotograf Christopher Anderson vom Finale der Fischerstecher gemacht hat, könnte man meinen, dass es bei dem Wettkampf auch heute noch um mehr geht als um Applaus und eingravierte Namen. In den Blicken der Lanzenstecher erkennt man diese Konzentration, die nur bei archaischem Kräftemessen zu beobachten ist: Elfmeterschützen schauen so. Stierkämpfer. Ringer. Und die Verlierer fallen so dramatisch ins Wasser und schlagen sich die Hände vors Gesicht, als würde beim Fischerstechen auch heute noch bestimmt, wer in der Stadt etwas zu sagen hat.

Auch wenn es aussieht wie ein Haudrauf-Sport: Die Regeln sind in einem vierzigseitigen Buch beschrieben, von der Größe der Boote (acht mal zwei Meter) und den Instrumenten der Bordkapelle (Oboe und Trommel) bis zu den Stellen des gegnerischen Schildes, die man treffen darf, ohne disqualifiziert zu werden. Auch das Essen der jouteurs ist seit Ewigkeiten gleich: Pasta mit Fleischsoße, genannt »Macaronade«. Nichts für Menschen auf Diät, aber ohne anständiges Kampfgewicht geht es nicht. Weniger als hundert Kilo wiegt kaum einer.

Das Idol des Sports heißt Louis Vaillé, Spitzname »Mouton«, auf Deutsch: Rammbock. Er hat vor mehr als hundert Jahren legendäre acht Siege hintereinander geholt, nach ihm wurde in Sète eine Straße benannt. Und ein neuer Star ist schon in Sicht: Der 150-Kilo-Mann Aurélien Evangelisti, er hat letztes Jahr gewonnen, ihn kennt in Sète jedes Kind. »Ihn einen Popstar zu nennen wäre untertrieben«, sagt Sophie Yates. »Für uns ist er eine Art Gott.«

Fotos: Christopher Sanderson

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Beim Fischerstechen in Sète geht es um Ruhm und Ehre - darum schauen die Männer so konzentriert wie Gladiatoren. Wer mit der Lanze die meisten Gegner vom Boot stößt, darf am Ende triumphieren.
Beim Fischerstechen in Sète geht es um Ruhm und Ehre - darum schauen die Männer so konzentriert wie Gladiatoren. Wer mit der Lanze die meisten Gegner vom Boot stößt, darf am Ende triumphieren. Pressebild
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An der Farbe der Lanzen und Schilde konnte man früher erkennen, wer verheiratet war. Blau trugen nur die Junggesellen. Heute ist die Farbe egal. Ein Trick von damals ist geblieben: In Socken steht man sicherer auf der Planke. Darum trägt kaum jemand Schuhe.
An der Farbe der Lanzen und Schilde konnte man früher erkennen, wer verheiratet war. Blau trugen nur die Junggesellen. Heute ist die Farbe egal. Ein Trick von damals ist geblieben: In Socken steht man sicherer auf der Planke. Darum trägt kaum jemand Schuhe. Pressebild
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Volksfest mit Tradition: Schon Kinder trainieren für den großen Wettkampf im August.
Volksfest mit Tradition: Schon Kinder trainieren für den großen Wettkampf im August. Pressebild
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Der Sieg wird dann stundenlang gefeiert.
Der Sieg wird dann stundenlang gefeiert. Pressebild

Christopher Anderson ist Fotograf der Agentur Magnum und dokumentiert, wenn Menschen aufeinanderprallen. Meist geht es dabei weniger friedlich zu als beim Fischerstechen in Sète: Er hat Polizisten bei »Occupy Wall Street« und Soldaten in Afghanistan begleitet. Wer dieses Jahr beim Fischerstechen in Sète dabei sein will: Das Finale findet am 27. August statt.

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