Nassgeschwitzt stehe ich in einer Buchhandlung. Ich trage meinen Lieblingspullover, habe mich am Morgen rasiert und mein gutes Parfum aufgetragen. Für diesen Tag wollte ich ja bestens vorbereitet sein. Beim Tisch mit den Neuerscheinungen gehe ich auf die Pirsch. Ich überfliege den Klappentext von Sophie Passmann, ohne ein Wort zu lesen. Dann scanne ich den Raum. An der Kasse stehen zwei junge Frauen und bezahlen. Eine ältere Frau stöbert grimmig in den Hausempfehlungen. Bei den Krimis steht ein Mann in Funktionsjacke, er hat zwei Bücher von Andreas Gruber in der Hand. Ich atme tief durch und nehme meinen ganzen Mut zusammen. Ich gehe auf ihn zu.
»Ähm, lesen Sie viele Krimis?«
Da stehe ich nun, ein Häufchen Elend mit ungesunder Gesichtsfarbe, und versuche, meine Zahlen in die Höhe zu treiben. Das ist meine Mission für den heutigen Tag: möglichst viele Fremde anzusprechen. Es klingt einfacher, als es sich anfühlt.
Wir haben verlernt, uns zu begegnen und zu verbinden. Wir bestellen Kleidung online, schauen Filme allein, gehen seltener ins Büro. Wir laufen durch die Innenstadt mit einem Panzer aus Handy und schallisolierenden Kopfhörern und haben spätestens in der Corona-Pandemie aufgehört, mit der Person an der Kasse hinter uns zu sprechen. Die ganze Welt spricht mittlerweile von Einsamkeit. Von einer Epidemie. Großbritannien hat eine eigene Ministerin für Einsamkeit. Und die Weltgesundheitsorganisation führt fast eine Million Todesfälle im Jahr auf die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit zurück.
Ich will mit offenen Augen durch die Welt gehen. Den Panzer ablegen. Und in den Austausch kommen mit jenen Menschen, mit denen ich mir dieses Fleckchen Erde teile.
Der Mann in der Buchhandlung schaut mich an, zeigt auf seine Krimis und sagt: »Ja, schon. Und Sie?«
Der französische Philosoph Charles Pépin schreibt in seinem Buch »Kleine Philosophie der Begegnung«, dass schon in dem Wort Begegnung das Wörtchen »gegen« stecke: Wir stoßen auf jemanden. Auf einen Menschen, der uns vielleicht überrumpelt oder verwirrt. Der uns in unserem Wesen herausfordert und uns aus der Routine unseres Alltags reißt. Begegnungen, schreibt Pépin, »stehen im Mittelpunkt des Abenteuers unseres Daseins«. Wir müssen anderen begegnen, um uns selbst zu begegnen.
Ich habe Angst, abgewiesen zu werden. Wie jemand zu wirken, der nicht weiß, wie man das macht.
Mir fehlen solche Begegnungen, und daran bin ich selbst schuld. Es fällt mir schwer, jemanden anzusprechen, noch dazu einen Fremden, ohne konkreten Anlass. Ich habe Angst, abgewiesen zu werden. Wie jemand zu wirken, der nicht weiß, wie man das macht. Dabei merke ich, wie viel mir solche Begegnungen geben. Ich freue mich immer noch, wenn ich an die Frau denke, die mich vor Jahren auf einem Bahnsteig in Maryland angesprochen hat. 20 Minuten lang redeten wir dann über Serien, einfach so. Oder an den Mann, der im ICE nach Frankfurt an meinem Platz vorbeilief und mir nur sein Handy entgegenhielt. Es war dasselbe Tennismatch, das ich mir auf dem Laptop anschaute. Oder an den Jogger, der mir zunickte, weil wir beide ein Trikot von Arsenal London trugen.
In diesen Momenten fühlt es sich an, als würde sich etwas öffnen. Die Menschen, die sonst an mir vorbeihuschen, werden plötzlich konkreter. Sie sind nicht mehr nur Gesichter, sondern jemand, der dieselbe Serie schaut. Dasselbe Spiel verfolgt. Denselben Verein mag. Für einen Moment wirkt es, als hätte man mehr gemeinsam, als man denkt. Für einen Moment sind das keine Fremden mehr.
Die kanadischen Psychologinnen Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn bezeichnen solche flüchtigen Begegnungen als »schwache Bindungen«. In einer Studie ließen sie Probanden mit kleinen Zählern durch ihren Alltag gehen: Ein Klick für jedes Mal, wenn man den Barista grüßt, dem Hundebesitzer zunickt oder kurz über ein Fußballtrikot spricht. Das bloße Sammeln dieser Momente bewirkte, dass sich die Teilnehmer am Abend zugehöriger fühlten. Lebendiger. Entscheidend war nicht die Tiefe der Gespräche, sondern für einen Augenblick wahrgenommen zu werden.
Ich möchte mehr von diesen Momenten erleben. Also frage ich jemanden, der weiß, wie das geht: meinen Freund Laurin. Er ist der Typ Mensch, der keine Zugfahrt unternehmen kann, ohne beim Aussteigen die Lebensgeschichte seines Sitznachbarn zu kennen. Laurin erzählt Geschichten, in denen Sätze fallen wie: »Und dann habe ich in Neapel mit Rentnern Karten gespielt, ohne Neapolitanisch zu können.« Wenn mir jemand beibringen kann, wie man leichter mit Menschen in Kontakt kommt, dann Laurin.
An einem sonnigen Dienstagmorgen schlendern wir über den Marktplatz, vorbei an Lángos und Schnittblumen, und ich möchte wissen, welche Strategien es gibt. Aber wir kommen nicht weit.
»Mathias!«
Laurin begrüßt einen älteren Herrn in Socken und Sandalen, der vor uns auf einer Bank sitzt. Sie haben sich am Sonntag beim Tischtennis kennengelernt. Mathias sagt, er habe Laurins Namen vergessen. Laurin scherzt, er vergesse seinen Namen auch ständig. Sie tauschen Nummern aus, es gebe jetzt eine Whatsapp-Gruppe. Da könne jeder reinschreiben, der jemanden zum Tischtennis spielen sucht.
So geht das weiter. Laurin läuft durch die Innenstadt wie der Papst durch Rom, eine Hand in der Hosentasche, hier noch ein Plausch, da ein Nicken. Ich stehe daneben und staune. Laurin fragt den Herrn mit dem Leierkasten, wo man so einen überhaupt herbekommt, und die Frau am Gemüsestand, wie man Schwarzwurzel am besten zubereitet.
Ich mache mir Notizen. Laurin sagt, man müsse sich einfach ein Detail suchen. Irgendetwas, das auffällt, und ein bis zwei Gedanken dazu haben. Etwas sagen, das leicht überrascht. Oder einfach das Offensichtliche benennen. Dass es kalt ist. Oder voll. Am besten funktioniere das an Orten, an denen man nicht sofort weitermüsse. In der Straßenbahn zum Beispiel. Oder wenn sich jemand ohnehin ein bisschen auffällig verhält. Ansonsten, meint Laurin, solle man die Leute einfach mal länger anschauen. Oder sich irgendwo hinsetzen und warten, was passiert.
Kann eigentlich nicht so schwer sein. Ich fühle mich bereit. Ich habe ja gesehen, wie leicht es ist. Ich zwinge mir ein Lächeln auf. Ein Mann niest im Vorbeigehen. »Gesundheit«, sage ich. Showtime.
Ich stelle mich an den Gemüsestand und begutachte den Knollensellerie. Vor mir steht eine Rentnerin. Eine Blüte hat sich in ihrem hochtoupierten Haar verfangen. Soll ich etwas sagen? Oder ist das übergriffig? Vielleicht findet sie mich unheimlich. Ich kann ihr ja nicht einfach so in die Haare langen.
»Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie haben da eine Blüte im Haar.«
»Huch. Wären Sie wohl so freundlich?«
Die Frau bedankt sich. Sie scherzt, ich hätte sie »entthront«. Und verschwindet im Getümmel.
Ich stehe immer noch vor dem Knollensellerie. Mein Herz rast. Noch empfinde ich keine Freude. Nur Erleichterung.
Warum unterstellen wir dem fremden Gegenüber, dass es sich nicht für uns interessiert?
Dass viele Menschen im Zug oder im Bus meistens starr geradeaus schauen, liegt nicht unbedingt daran, dass sie die Einsamkeit genießen. Die Verhaltensforscher Nicholas Epley und Juliana Schroeder von der University of Chicago haben das in den Pendlerzügen ihrer Stadt untersucht. Fast alle gingen davon aus, dass es am angenehmsten wäre, die Fahrt schweigend zu verbringen. Sie erwarteten, dass die anderen ohnehin kein Gespräch führen wollten. Also schickten Epley und Schroeder die Pendler auf eine Mission: Sie sollten während der Fahrt ein Gespräch mit einem oder einer Fremden beginnen. Das Ergebnis: Niemand wurde abgewiesen. Sie verließen den Zug mit besserer Laune. Und ihrem Gegenüber ging es nicht anders. Man bleibt also oft unter sich, weil man das Interesse der anderen unterschätzt.
Dann wollen wir mal sehen, wie sehr sich die Fußgängerzone für mich interessiert.
»Wo kann man hier gut Mittag essen?«
»Das Eis sieht aber lecker aus. Schmeckt das?«
»Tolles Wetter heute!«
Nach einer halben Stunde komme ich auf einer Bank kurz zur Ruhe. Kein Gespräch dauert bisher länger als 20 Sekunden. Und leichter wird es auch nicht. Neben mir sitzt ein Mann, der in einem Bildband von Peter Lindbergh blättert. Ich weiß nichts über Peter Lindbergh. Ich überlege kurz, ob ich mir etwas ausdenke. Irgendeinen halbklugen Satz. Ich frage stattdessen, ob er sich viel mit Fotografie beschäftigt.
Der Mann stellt sich vor, »Werner!«, wir reden eine Weile. Über Fotografie, das Nachtleben in unserer Stadt, Journalismus. Er fragt, ob wir das Gespräch bei einem Espresso fortsetzen wollen. Wir gehen in ein Café, und er betont, dass ich mir unbedingt die Toiletten anschauen müsse, die schönsten der ganzen Stadt. Nach einer halben Stunde verabschiedet er sich. Er müsse jetzt weiter, der Mittagsschlaf warte.
Am Abend falle ich erschöpft auf die Couch, öffne ein Bier, atme durch. Ich hatte gehofft, dass ich durch die Innenstadt tänzle wie in einer Filmmontage. Leicht und beiläufig, hier ein Gespräch, da ein Lächeln. Aber jede Begegnung kostete mich Kraft.
2022 wollten Gillian Sandstrom und ihr Forschungsteam wissen, ob man diese Hemmschwelle durch Wiederholung abbauen kann. Eine Woche lang sollten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezielt Fremde ansprechen, die bestimmte Merkmale aufwiesen. Jemanden, der einen Hut trägt. Jemanden, der glücklich aussieht. Am Anfang kostete es Überwindung. Aber mit jedem Gespräch wurde es leichter. Der Alltag erschien ihnen voller kleiner Möglichkeiten für Gespräche.
Während ich auf der Couch hänge wie ein Boxer in der Ringecke und an all die Menschen denke, mit denen ich heute geredet habe, mit Werner und Dave, mit der Frau mit den Blüten und dem Mann mit den Krimis, wird mir etwas klar. Vielleicht habe ich zwei Dinge miteinander verwechselt.
Die kleinen Momente, die ich gesucht habe, lassen sich nicht erzwingen. Sie bleiben im Gedächtnis, weil sie zufällig sind. Ungeplant. Weil sie einen kurz aus dem Alltag reißen. Und die Gespräche, die ich gesucht habe, kosten mich mehr Überwindung, als ich dachte. Mit der Zeit wird es mir vielleicht leichter fallen, Menschen anzusprechen. Aber vielleicht reicht es auch zu wissen, dass wir auf der Welt wirklich nicht allein sind. Dass die meisten Menschen Lust haben, sich zu verbinden.
