PolitikSouvenirs aus der Hölle

Aus Heft 13/15

Lesezeit: 2 Min.

Nicolas Hénin - IS  Der französische Journalist war zehn Monate lang Geisel des »Islamischen Staats«.Er teilte seine Zelle unter anderem mit dem später ermordeten US-Journalisten James Foley. Im April 2014 kam Hénin frei – offenbar, weil seine Regierung Lösegeld gezahlt hatte.  Bei seiner Zahnbürste schnitten die Bewacher den Stiel ab, damit sie nicht als Waffe benutzt werden konnte.
Nicolas Hénin - IS Der französische Journalist war zehn Monate lang Geisel des »Islamischen Staats«.Er teilte seine Zelle unter anderem mit dem später ermordeten US-Journalisten James Foley. Im April 2014 kam Hénin frei – offenbar, weil seine Regierung Lösegeld gezahlt hatte. Bei seiner Zahnbürste schnitten die Bewacher den Stiel ab, damit sie nicht als Waffe benutzt werden konnte. Pressebild

Die US-Fotografin Glenna Gordon hat Menschen getroffen, die vom »Islamischen Staat« oder von al-Qaida entführt worden waren. Welche Gegenstände nahmen die Geiseln aus ihrer Gefangenschaft mit nach Hause? Es sind schlichte Erinnerungsstücke, die aber fürchterliche Geschichten erzählen.

Von: Christoph Cadenbach

I

Im September 2013 wurde der spanische Journalist Javier Espinosa von Kämpfern des »Islamischen Staates« verschleppt und in eine Zelle gesperrt. Sechs Monate kauerte er dort neben anderen Geiseln, oft in Dunkelheit. Damit er und die anderen ihr Essen nicht so oft verschütteten, gaben die Entführer Espinosa eine Taschenlampe. Ein Stück Holz, an einem Ende zerfranst, nutzte er als Zahnbürste. Aus Papierschnipseln bastelte sich die Gruppe ein Schachspiel.

Es gibt sehr wenige Menschen, die davon berichten, wie es Geiseln von Terrororganisationen wie dem »Islamischen Staat« oder al-Qaida ergeht. Die Fotografin Glenna Gordon hat einige dieser Menschen getroffen – und einen Weg gefunden, deren Geschichten in Bildern zu erzählen. Ihre Fotos zeigen Gegenstände, welche die Geiseln aus ihrer Haft mit in die Freiheit nahmen – und damit etwas, was eigentlich nicht fotografierbar ist: die Langeweile zum Beispiel, die Espinosa und die anderen Eingesperrten gequält hat. Mit dem Schachspiel haben sie versucht, sie zu lindern. Glenna Gordon hat ihre Fotoarbeit Artifacts of a Kidnapping genannt. Sie schafft es, den grellen Video-Inszenierungen des IS etwas ebenso Eindringliches entgegenzustellen: radikale Sachlichkeit statt Dschihad-Romantik und Gewaltexzessen im Wüstensonnenlicht.

Dabei bricht Gordon auch mit den Klischees klassischer Kriegsfotografie. Statt schmerzverzerrter Gesichter zeigt sie Objekte, die im Zusammenspiel mit einer kurzen Information ihre Wirkung erst in der Fantasie des Betrachters entfalten. Ein Foto von drei Konservenbüchsen scheint banal – bis man erfährt, dass der französische Journalist Nicolas Hénin sich während seiner zehnmonatigen Geiselhaft in einer Zelle des IS von solchen Konserven ernährt hat. Den Thunfisch und die Kondensmilch hat er gehortet, weil es diese Produkte nur sehr selten gab. Als ihn die IS-Terroristen im April 2014 schließlich freiließen, hatte er die Büchsen bei sich – und hebt sie bis heute auf. Ähnlich erging es dem spanischen Journalisten Espinosa, der die Taschenlampe und die Zahnbürste nach seiner Befreiung mit nach Hause nahm. »Die wenigen Dinge, die man in so einer Extremsituation besitzt, bekommen eine besondere Bedeutung«, sagt Gordon. Sämtliche Opfer, mit denen sie gesprochen hat, haben ihr das erzählt.

Für ihre Recherche ist Gordon, 33, im vergangenen Jahr mehrere Wochen durch Europa gereist. Anders als in ihrem Heimatland, den USA, sind die Regierungen in Deutschland, Frankreich oder Spanien dazu bereit, Geiseln notfalls freizukaufen. Reden wollen die Politiker darüber nicht, zumindest nicht öffentlich. Die New York Times bewies aber anhand zahlreicher Hintergrundgespräche mit Diplomaten und Entführungsopfern in einem viel beachteten Artikel im Juli 2014, dass in den Jahren 2008 bis einschließlich 2013 mindestens 125 Millionen Dollar Lösegeld an al-Qaida geflossen sind. Fast immer waren europäische Regierungen (oder deren Staatskonzerne) die Geldgeber. »Das Business boomt«, schreibt die New York Times: 2003 wurden der Zeitung zufolge im Schnitt rund 200 000 US-Dollar bezahlt, um eine Geisel freizukaufen, doch inzwischen sei die Summe auf bis zu zehn Millionen Dollar gestiegen. Ein Al-Qaida-Führer, Nasir al-Wuhayshi, bezeichnete die Geiselnahme folgerichtig als »profitables Geschäft« und »wertvollen Schatz«.

Die Frage ist, ob eine Gesellschaft die Alternative hinnehmen kann: Nicolas Hénin, der französische Journalist, teilte seine Zelle zeitweise mit den US-Amerikanern James Foley, Steven Sotloff und Peter Kassig sowie den Briten David Haines und Alan Henning, die allesamt später vom IS ermordet wurden. Soll man also besser Lösegeld zahlen – aber damit riskieren, dass noch mehr Menschen aus Geschäftsinteresse entführt werden? Oder soll man dabei zusehen, wie Geiseln sterben?

»Ich habe keine gute Antwort darauf«, sagt die Fotografin Glenna Gordon. Seit 2006 hat sie die meiste Zeit in Krisenregionen verbracht, vor allem in Afrika: Liberia, Nigeria, Ruanda. Auf ihren Recherchen sei sie immer wieder hohe Risiken eingegangen. Das tue sie nun nicht mehr, sagt sie: Die Gespräche mit den Entführungsopfern haben ihre Spuren hinterlassen.

Fotos: Glenna Gordon

Schmerz- und Durchfalltabletten waren begehrt, wurden aber nur unregelmäßig ausgeteilt.
Schmerz- und Durchfalltabletten waren begehrt, wurden aber nur unregelmäßig ausgeteilt. Pressebild
Dosenfleisch gab es häufig, Thunfisch und Kondensmilch selten.
Dosenfleisch gab es häufig, Thunfisch und Kondensmilch selten. Pressebild
Um sich ein Kopfkissen zu basteln, zog Hénin seine Hose auf links und stopfte andere Kleidung hinein.
Um sich ein Kopfkissen zu basteln, zog Hénin seine Hose auf links und stopfte andere Kleidung hinein. Pressebild
Das Hemd, das Hénin die meiste Zeit getragen hat.
Das Hemd, das Hénin die meiste Zeit getragen hat. Pressebild
Harald Ickler - al-Qaida  Islamistische Terroristen, die sich später al-Qaida anschlossen, verschleppten 2003 insgesamt 32 europäische Sahara-Touristen in Algerien. Einer davon war der Schwede Harald Ickler, der im bayerischen Miesbach lebt.  Der Abenteuerroman »Der Strand« handelt von einem Urlaub, der in einem Albtraum endet (verfilmt wurde er unter dem englischen Titel »The Beach«).
Harald Ickler - al-Qaida Islamistische Terroristen, die sich später al-Qaida anschlossen, verschleppten 2003 insgesamt 32 europäische Sahara-Touristen in Algerien. Einer davon war der Schwede Harald Ickler, der im bayerischen Miesbach lebt. Der Abenteuerroman »Der Strand« handelt von einem Urlaub, der in einem Albtraum endet (verfilmt wurde er unter dem englischen Titel »The Beach«). Pressebild
Ickler und die anderen Geiseln lasen das Buch wieder und wieder - und schrieben ihre Namen hinein.
Ickler und die anderen Geiseln lasen das Buch wieder und wieder - und schrieben ihre Namen hinein. Pressebild
Der Topf, aus dem Ickler 54 Tage lang gegessen hat.
Der Topf, aus dem Ickler 54 Tage lang gegessen hat. Pressebild
Sein T-Shirt von damals hat Ickler bis heute nicht gewaschen.
Sein T-Shirt von damals hat Ickler bis heute nicht gewaschen. Pressebild
Wolfgang Ebner - al-Qaida  Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Andrea Kloiber wurde Ebner im Februar 2008 während einer Urlaubsreise in Tunesien entführt. Die beiden Österreicher kamen nach acht Monaten gegen Lösegeld frei.  Diese jahrtausendealte Pfeilspitze fand Ebner zufällig an einem der Orte, an denen er gefangen gehalten wurde.
Wolfgang Ebner - al-Qaida Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Andrea Kloiber wurde Ebner im Februar 2008 während einer Urlaubsreise in Tunesien entführt. Die beiden Österreicher kamen nach acht Monaten gegen Lösegeld frei. Diese jahrtausendealte Pfeilspitze fand Ebner zufällig an einem der Orte, an denen er gefangen gehalten wurde. Pressebild
Ebner hatte bereits sein Testament geschrieben.
Ebner hatte bereits sein Testament geschrieben. Pressebild
Stundenlang haben er und seine Lebensgefährtin Karten gespielt.
Stundenlang haben er und seine Lebensgefährtin Karten gespielt. Pressebild
Mit diesen Holzstöcken haben sie sich die Zähne geputzt.
Mit diesen Holzstöcken haben sie sich die Zähne geputzt. Pressebild
Javier Espinosa - IS  Der spanische Zeitungsreporter verbrachte sechs Monate in einer Zelle in der Nähe von Raqqa. Dieser Ort in Nordsyrien gilt als Hauptstadt des »Islamischen Staats«.  Auch Espinosa putzte sich mit einem Holzstock die Zähne.
Javier Espinosa - IS Der spanische Zeitungsreporter verbrachte sechs Monate in einer Zelle in der Nähe von Raqqa. Dieser Ort in Nordsyrien gilt als Hauptstadt des »Islamischen Staats«. Auch Espinosa putzte sich mit einem Holzstock die Zähne. Pressebild
Ein Schachspiel, das die Gruppe um Espinosa bastelte.
Ein Schachspiel, das die Gruppe um Espinosa bastelte. Pressebild
Von ihren Bewachern bekamen sie Dschihad-Literatur und eine Taschenlampe, weil es in den Zellen meistens dunkel war.
Von ihren Bewachern bekamen sie Dschihad-Literatur und eine Taschenlampe, weil es in den Zellen meistens dunkel war. Pressebild
Pressebild
Mit diesen Kabelbindern wurden Espinosa die Hände gefesselt.
Mit diesen Kabelbindern wurden Espinosa die Hände gefesselt. Pressebild
Harald Galler - al-Qaida  Der Österreicher war Teil der 32-köpfigen Touristengruppe, die 2003 in der Sahara entführt wurde und zu der auch Harald Ickler gehörte.  Galler hat einige der Orte, an denen er gefangen gehalten wurde, in ein Buch gezeichnet.
Harald Galler - al-Qaida Der Österreicher war Teil der 32-köpfigen Touristengruppe, die 2003 in der Sahara entführt wurde und zu der auch Harald Ickler gehörte. Galler hat einige der Orte, an denen er gefangen gehalten wurde, in ein Buch gezeichnet. Pressebild
Oft waren es schöne, felsige Landschaften.
Oft waren es schöne, felsige Landschaften. Pressebild
Leila Kaleva - al Qaida  Die Finnin war 2012 zu Besuch im Jemen, wo ihr Mann für seine Doktorarbeit forschte. Das Thema: islamistischer Extremismus. Al-Qaida-Kämpfer verschleppten das Paar, nach fünf Monaten kamen die beiden wieder frei. Dieses traditionelle jemenitische Kleid bekam Kaleva von ihren Entführern.
Leila Kaleva - al Qaida Die Finnin war 2012 zu Besuch im Jemen, wo ihr Mann für seine Doktorarbeit forschte. Das Thema: islamistischer Extremismus. Al-Qaida-Kämpfer verschleppten das Paar, nach fünf Monaten kamen die beiden wieder frei. Dieses traditionelle jemenitische Kleid bekam Kaleva von ihren Entführern. Pressebild
Ebenso wie ein Schulbuch für Kinder, mit dessen Hilfe sie Arabisch lernen sollte.
Ebenso wie ein Schulbuch für Kinder, mit dessen Hilfe sie Arabisch lernen sollte. Pressebild
Außerdem gaben die Entführer ihr einen schwarzen Gesichtsschleier.
Außerdem gaben die Entführer ihr einen schwarzen Gesichtsschleier. Pressebild

ist für ein anderes Projekt in den Norden Nigerias gereist: Die Amerikanerin wollte auf das Schicksal der rund 300 Schulmädchen aufmerksam machen, die im April 2014 von Kämpfern der islamistischen Terrororganisation Boko Haram entführt worden waren. Sie nahm mit den Eltern Kontakt auf und ließ sich Dinge schicken, welche die Mädchen zu Hause zurück-gelassen hatten - Schuluniformen, Tagebücher, Schmuck. Diese Objekte fotografierte sie vor schwarzem Hintergrund. Kürzlich wurde Glenna Gordon dafür mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.

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