Eigentlich wollte der italienische Fotograf Marco Vernaschi eine Reportage über Drogendealer im afrikanischen Guinea-Bissau machen. Doch dann geriet er mitten in einen grausigen Krieg zwischen Militär und Politik: Erst wurde der oberste General getötet, dann fuhr Vernaschi zum Haus des Präsidenten, den Soldaten gerade ermordet hatten. Ein Fotobericht aus dem Herzen der Hölle.
Recherche und Fotos: Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
F
Für die Bilder aus Guinea-Bissau bekam Marco Vernaschi 2009 den World Press Photo Award und andere internationale Auszeichnungen. Gegenüber der Druckversion wurden einige Bildtexte korrigiert. Die in dieser Reportage beschriebenen Morde sind nicht die letzten in dem afrikanischen Staat. Weitere Informationen zur politischen Destabilisierung in diesem Land finden Sie hier, hier und hier.
Protokoll: Peter Burghardt
Marco Vernaschi: Ich stand im kaputten Präsidentenpalast von Guinea-Bissau und fotografierte durch eine zerschossene Scheibe. Das ist eines meiner ersten Bilder aus dem Kleinstaat in Westafrika, dieser neuen Drehscheibe des internationalen Drogenhandels. Draußen steht eine Säule mit Stern aus der sozialistischen Vergangenheit... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...des Landes, das zu den ärmsten der Welt zählt. Größere Kokainladungen aus Südamerika kommen in Orangenkisten, Reissäcken oder Containern versteckt am Hafen an. Später werden sie weiter nach Europa transportiert. Ich war hier... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...um eine Reportage über den Rauschgifthandel zu fotografieren. Ich traf Soldaten, Prostituierte und Dealer, wie die beiden, die Kokain in Kondome packen. Anschließend werden die Kondome geschluckt. Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
Eine Polizistin sagte mir, sie seien machtlos gegen diese Mafia. Ein Polizist legte mir in seinem Büro einen rostigen Revolver auf den Tisch. Den werde ich brauchen. Wo war ich hier gelandet? Informanten hatten mich in Schmugglerkreise geschleust. Die meisten Afrikaner aus der Drogenszene sind jung, oft naiv. Ihre Anführer sind Typen wie der vor seinem Hummer-Jeep, dem Statussymbol der Kokainbarone. Die Auftraggeber... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...kommen aus dem Libanon, haben Verbindungen zu Hisbollah und Al-Qaida, zu Kartellen in Kolumbien und Mexiko. Auch mit Prostitution verdienen die Drogenbosse ihr Geld. Der Freier neben der Frau auf dem Foto ist HIV-positiv. Kondome benutzt hier kaum jemand. Eine andere Frau wurde fünfmal schwanger und trieb viermal ab. Die meisten Prostituierten rauchen Crack, den Abfall von Kokain, als wäre es Marihuana. Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
Kleine Gauner landen im einzigen Gefängnis der Hauptstadt, einem Gebäude aus der portugiesischen Kolonialzeit mit notdürftigem Schloss. Sie vertreiben sich die Zeit... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...mit Krafttraining. Über die Drogenmafia packt hier niemand aus. ›Wir finden dich überall, wenn du uns Schwierigkeiten machst‹, warnten mich die Libanesen. ›Dir wird nichts passieren, wenn du die Regeln einhältst‹, sagten mir meine Bekannten aus der Bande. Einmal nahmen sie mich mit... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...zur Entführung eines Verräters. Wir fuhren an den Stadtrand, es war dunkel. Gespenstisch. Sie hielten ihm ein Gewehr an den Rücken, als ob sie ihren Gefangenen erschießen würden. Schließlich aber ließen sie ihn unverletzt zurück. Ich weiß nicht, ob die Vorführung als Warnung an mich gedacht war oder als Abrechnung mit einem Rivalen. Ich hörte im Radio, dass der Armeechef von Guinea-Bissau, Batista Tagme Na Wai, umgekommen ist. Auch das Hauptquartier des Militärs sei zerstört worden. Ich zweifelte kurz, fuhr dann aber hin, richtete mein Objektiv auf Trümmer und Wächter. Die Soldaten mit den Maschinengewehren und den Patronengurten waren Untergebene des Armeechefs Tagme Na Wai. Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
Am nächsten Tag klopfte ein Sicherheitsmann meines Hotels um sechs Uhr morgens an meine Tür. Er sagte mir, soeben sei auch der Präsident João Bernardo Vieira ermordet worden, nur neun Stunden später. Ich hetzte zur Residenz des Staatschefs. Die Hauswand war von einer Panzerfaust durchbohrt. Es war eine Mischung aus Reporterglück und Albtraum. Warum so viel Gewalt? Tags darauf... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...erläuterten mir Uniformierte im Hauptquartier der Armee Details: Präsident Vieira habe den General Tagme Na Wai mit einer Bombe getötet, erzählten sie ruhig, ›deshalb mussten wir ihn umbringen. Wir erschossen ihn und nahmen ihm seine Macht.‹ Fast alle dort sind sehr abergläubisch... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...darum zerhackten sie auch noch seine Leiche, aus Angst, sein Geist könnte zurückkehren. ›Jetzt ist er wirklich tot.‹ Das Gemetzel... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...fand in der Küche statt. Auf den blutverschmierten Fliesen lag noch die Machete, auf dem linken Stuhl ein Magazin, auf dem rechten die kugelsichere Weste des Präsidenten. Er hatte sie vor der Hinrichtung ausziehen müssen. Später wurden auch die Täter getötet, das erfuhr ich nebenbei. Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
Es gab ein Staatsbegräbnis, bei dem die Offiziere Spalier standen. Der General und der Präsident waren Rivalen auf dem Drogenmarkt gewesen, das kostete beide das Leben. Auf dem Nachtkästchen in Präsident Vieiras Schlafzimmer fand ich ein Porträt und Visitenkarten. Daneben lag ein Foto von seiner Frau, sie hatte überlebt. Die Killer... Marco Vernaschi für das Pulitzer Center
...boten mir für Geld sein Satellitentelefon an. Kurz darauf verließ ich das Land, im Gepäck das Satellitentelefon des zerstückelten Präsidenten Vieira. Marco Vernaschi für das Pulitzer Center