Neue Fotografie»Sie haben mir alle vertraut und mich aufgenommen wie einen alten Freund«

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Margit Rainer, 59, durfte als Kind im elterlichen Geschäft mithelfen. Ihre Mutter lebte etwas, wofür es in den 1960er Jahren noch kein Wort gab: Inklusion.
Margit Rainer, 59, durfte als Kind im elterlichen Geschäft mithelfen. Ihre Mutter lebte etwas, wofür es in den 1960er Jahren noch kein Wort gab: Inklusion. Pressebild

Die Lebenserwartung geistig behinderter Menschen nähert sich dank vieler Fortschritte bei Medizin und Betreuung immer mehr der Gesamtbevölkerung an. Christopher Mavrič hat für ein Buchprojekt österreichische Senioren mit Behinderung porträtiert und erzählt Geschichten von außergewöhnlicher Normalität.

Interview: Michael Eham

Name: Christopher Mavrič
Geboren: 1985 in der Steiermark
Wohnort: Wien
Ausbildung: Studium zum Informationsdesigner an der FH Joanneum Graz und Ausbildung an Friedl Kubelkas Schule für künstlerische Fotografie
Website: www.c-mavric.at

SZ-Magazin: Woher kam Ihre Inspiration, mit älteren Menschen mit Behinderung zu arbeiten?
Christopher Mavrič: Als mir die »Lebenshilfe« in Graz das Projekt vorgeschlagen hat, war ich am Anfang etwas verunsichert. Ich habe mich an zwei meiner Großeltern erinnert, die am Ende ihres Lebens pflegebedürftig und schon sehr gebrechlich waren. So erinnere ich mich auch an sie. Ich wollte die Bilder von den behinderten Seniorinnen und Senioren dann so machen, wie ich gerne an die eigenen Großeltern zurückdenken möchte.

Wie haben Sie das in den Fotos umgesetzt?
Ich habe versucht, den ganzen Alltag der Pflege und Therapie beiseite zu lassen, um mit der Schwarzweißfotografie einen ganz direkten und unmittelbaren Zugang zu den Menschen zu schaffen. Dabei wollte ich einfach keine Ablenkungen, wie ein Bett oder eine Gehhilfe, die den Blick auf den Menschen verstellen, dann ist die emotionale Komponente viel unmittelbarer. Mir war auch wichtig, dass oft die Hände der Menschen mit im Bild sind.

Warum?
Weil ich zeigen wollte, dass all diese Menschen eigenmächtig handeln können.

Wie war die Stimmung bei den Treffen?
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber wenn du in so eine Werkstatt der Lebenshilfe reingehst, dann ist da so eine Stimmung, dass du kurz glaubst, du bist aus allem, was Alltag bedeutet heraußen. Ich war total begeistert wie die Leute sich darauf gefreut haben und den Fototermin als ihren Höhepunkt an diesem Tag gesehen. Sie haben mir alle vertraut und mich aufgenommen wie einen alten Freund. Das war ziemlich inspirierend und eine sehr schöne Erfahrung.

Welche Begegnung hat Sie besonders beeindruckt?
Mich haben eigentlich alle beeindruckt, aber ganz besonders war Karl Fellner. Ich bin nach einer mehrstündigen Autofahrt an der Werkstätte der Lebenshilfe angekommen und habe die Leitung gesucht. Da kam ein rüstiger, älterer Herr auf mich zu und stellte sich vor. »Servus, I bin da Koarl!« Und das mit so einem Nachdruck, dass ich im ersten Moment total davon überzeugt war, dass er ein Mitarbeiter der Lebenshilfe ist.

Was haben Sie über das eigene Leben gelernt?
Das Leben ist kostbar und zerbrechlich, muss man es jeden Tag voll auskosten. Und, dass der Ausdruck »Mensch mit Behinderung« bedeutet, dass diese Leute nur durch die Unfähigkeit der Gesellschaft, sich auf die besonderen Bedürfnisse der Menschen einzustellen, »behindert« werden.

In Ihrem Buch erwähnt Ihr Co-Autor Stefan Schlögl auch die Geschichte des Umgangs der österreichischen Gesellschaft mit behinderten Menschen. Hatten Sie das während des Fotografierens im Hinterkopf?
Ganz ehrlich, ich versuche, im Hier und Jetzt zu sein und lege meine volle Aufmerksamkeit auf das Gegenüber. Aber es ist auf jeden Fall besonders, dass diese Generation die erste ist, die nach dem zweiten Weltkrieg und dem Euthanasiewahnsinn so alt werden darf und kann, auch weil die Medizin so weit fortgeschritten ist.

Haben diese Menschen ihren Platz in der Gesellschaft gefunden?
Definitiv. Wenn Sie als Betrachter in diesen Fotos Zufriedenheit, Glück und Vertrauen spüren, dann ist das natürlich in erster Linie die Leistung der Menschen selbst, aber auch von den Mitarbeitern der Lebenshilfe und den Angehörigen.

Christopher Mavrič hat vergangenen Dezember gemeinsam mit Stefan Schlögl das Buch »Weil es mich gibt« herausgebracht. Die Porträtsammlung ist beim Verlag Bibiliothek der Provinz erhältlich.

Karl Fellner, 64, konnte nach acht Jahren Volksschule noch nicht schreiben oder rechnen. Dennoch hatte er eine glückliche Kindheit, sagt er heute. Vor 25 Jahren übersah er Bahnschranken, wurde von einem Zug erfasst und verlor ein Bein. 
Karl Fellner, 64, konnte nach acht Jahren Volksschule noch nicht schreiben oder rechnen. Dennoch hatte er eine glückliche Kindheit, sagt er heute. Vor 25 Jahren übersah er Bahnschranken, wurde von einem Zug erfasst und verlor ein Bein.  Pressebild
Die Zwillingsschwestern Anna und Maria Ehmann, 77, haben ihr ganzes Leben miteinander verbracht, zuerst am elterlichen Hof, danach bei der Lebenshilfe in Altaussee. Täglich helfen sie dort in der Küche mit. Ihre Spezialität sind selbst eingekochte Marmeladen.
Die Zwillingsschwestern Anna und Maria Ehmann, 77, haben ihr ganzes Leben miteinander verbracht, zuerst am elterlichen Hof, danach bei der Lebenshilfe in Altaussee. Täglich helfen sie dort in der Küche mit. Ihre Spezialität sind selbst eingekochte Marmeladen. Pressebild
1944 geboren, überlebte Klaus Weninger, dessen Behinderung in der Nazizeit eigentlich einem Todesurteil gleichkam, die letzten Monate der NS-Diktatur. Später dann, in den 70er Jahren, verliebte sich der 74-Jährige in einem Wohnhaus der Lebenshilfe in seine heutige Ehefrau Silvia.
1944 geboren, überlebte Klaus Weninger, dessen Behinderung in der Nazizeit eigentlich einem Todesurteil gleichkam, die letzten Monate der NS-Diktatur. Später dann, in den 70er Jahren, verliebte sich der 74-Jährige in einem Wohnhaus der Lebenshilfe in seine heutige Ehefrau Silvia. Pressebild
Hans Schwarzl fiel mit damals 32 acht Meter tief von einem Baugerüst und schlug auf Betonboden auf. Zwei Monate lag er im Koma – nach mehreren Operationen ist der heute 66-Jährige halbseitig gelähmt und stark intellektuell beeinträchtigt.
Hans Schwarzl fiel mit damals 32 acht Meter tief von einem Baugerüst und schlug auf Betonboden auf. Zwei Monate lag er im Koma – nach mehreren Operationen ist der heute 66-Jährige halbseitig gelähmt und stark intellektuell beeinträchtigt. Pressebild
Christa Kovacics Eltern schickten sie als Kind zur Großmutter, von der sie alles Wichtige gelernt hat, sagt sie. Heute wird die 78-Jährige als Unterstützung in der Senioren-Gruppe der Lebenshilfe Trofaiach gebraucht.
Christa Kovacics Eltern schickten sie als Kind zur Großmutter, von der sie alles Wichtige gelernt hat, sagt sie. Heute wird die 78-Jährige als Unterstützung in der Senioren-Gruppe der Lebenshilfe Trofaiach gebraucht. Pressebild
Andreas Arnold kam mit Trisomie 21 zur Welt. Noch vor 30 Jahren starben 90 Prozent der Menschen mit dem Down-Syndrom noch vor Erreichen des 25. Lebensjahres. Andreas Arnold ist heute 59 Jahre alt.
Andreas Arnold kam mit Trisomie 21 zur Welt. Noch vor 30 Jahren starben 90 Prozent der Menschen mit dem Down-Syndrom noch vor Erreichen des 25. Lebensjahres. Andreas Arnold ist heute 59 Jahre alt. Pressebild
Die meiste Zeit ihres Lebens war Lucilla Gratzer, 65, bei einem Verwandten untergebracht, der sie im Keller eingesperrt hat. Man gab ihr lediglich zu Essen und wusch sie. 2011 kam sie mit 58 Jahren in eine Wohnung für Menschen mit Behinderung.
Die meiste Zeit ihres Lebens war Lucilla Gratzer, 65, bei einem Verwandten untergebracht, der sie im Keller eingesperrt hat. Man gab ihr lediglich zu Essen und wusch sie. 2011 kam sie mit 58 Jahren in eine Wohnung für Menschen mit Behinderung. Pressebild
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