Neue FotografieWie US-Soldaten in Vietnam ihre Traumata besiegen

Lesezeit: 3 Min.

Die Organisation »Veterans for Peace« veranstaltet jedes Jahr in Vietnam Motorradfahrten für Veteranen. 
Die Organisation »Veterans for Peace« veranstaltet jedes Jahr in Vietnam Motorradfahrten für Veteranen.  Pressebild

Die Fotografin Rebecca Rütten hat ehemalige US-Soldaten begleitet, die als junge Männer im Vietnamkrieg kämpften – und ihren Frieden erst fanden, als sie im Alter nach Vietnam zurückkehrten.

Interview: Anna-Elisa Jakob

Name: Rebecca Rütten
Geboren: 20.06.1991 in Köln
Wohnort: Berlin
Ausbildung: Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Kommunikationsdesign, Bachelor of Arts
Webseite: www.rebeccaruetten.com
Instagram: becky_fuchs

SZ-Magazin: Frau Rütten, in Ihrer Fotoreportage In Vietnam I found peace porträtieren Sie drei US-Amerikaner, die Veteranen des Vietnamkriegs sind – und heute ausgerechnet in Vietnam leben, um dort ihre Kriegstraumata zu überwinden. Wie findet man Frieden am Schauplatz des eigenen Schreckens?
Rebecca Rütten: Bei einem so tiefsitzenden Trauma wie einer Kriegserfahrung gilt es in der Traumatherapie tatsächlich als bester Weg, sich täglich damit zu konfrontieren und eine Möglichkeit zu finden, das Getane wieder gut zu machen. Wie kann ich mich engagieren, wie kann ich mit Betroffenen arbeiten, wie kann ich anderen Veteranen helfen? Die Zahl der Menschen, die nach dem Krieg in Vietnam Suizid begangen haben, ist höher als die Zahl der US-Soldaten, die in dem Krieg gestorben sind. Doch nie wurde erzählt, dass für viele US-Soldaten die Rückkehr nach Vietnam die einzige Möglichkeit war, mit ihrer posttraumatischen Belastungsstörung umzugehen.

David Clark (69) , Marine-Soldat in der Nähe der Marble Mountains, seit 2010 lebt er in Vietnam. »Wenn ich in der USA bin, jagt mich der Vietnam Krieg Tag und Nacht. In Vietnam habe ich komischerweise meinen Frieden gefunden.«
David Clark (69), Marine-Soldat in der Nähe der Marble Mountains, seit 2010 lebt er in Vietnam. »Wenn ich in der USA bin, jagt mich der Vietnam Krieg Tag und Nacht. In Vietnam habe ich komischerweise meinen Frieden gefunden.« Pressebild
Chuck Searcy (73) , „Intelligence Analyst“ bei dem Combined Intelligence Center Vietnam (CICV), seit 1999 lebt er in Vietnam. »Wenn US-Veteranen von Vietnamesen herzlich empfangen werden, denken viele zum ersten Mal, dass ihnen wirklich vergeben wurde.«
Chuck Searcy (73), „Intelligence Analyst“ bei dem Combined Intelligence Center Vietnam (CICV), seit 1999 lebt er in Vietnam. »Wenn US-Veteranen von Vietnamesen herzlich empfangen werden, denken viele zum ersten Mal, dass ihnen wirklich vergeben wurde.« Pressebild
Nguyen Ngoc Hung (70),  Veteran aus Nord-Vietnam. »1990 wurde ich von dem amerikanischen Sender CBS nach Amerika eingeladen um Vorträge vor US-Veteranen zu halten. Ich lernte, dass meine Erfahrungen sehr ähnlich zu ihren waren. Freunde, die starben und die sie beerdigen mussten während der laufenden Operation. Zum ersten Mal trafen wir uns als Menschen.«
Nguyen Ngoc Hung (70), Veteran aus Nord-Vietnam. »1990 wurde ich von dem amerikanischen Sender CBS nach Amerika eingeladen um Vorträge vor US-Veteranen zu halten. Ich lernte, dass meine Erfahrungen sehr ähnlich zu ihren waren. Freunde, die starben und die sie beerdigen mussten während der laufenden Operation. Zum ersten Mal trafen wir uns als Menschen.« Pressebild
Bill Harris (70) , Sicherheitspolizist in Cam Ranh für zwei Jahre, seit 1996 lebt er in Vietnam. »Ich habe immer noch psychologische Probleme, aber ich fühle mich hier besser als in den Vereinigten Staaten. Ich erinnere mich an Ereignisse und Geschichten, die passiert sind, aber jetzt werden diese Erinnerungen von neuen und guten ersetzt.«
Bill Harris (70), Sicherheitspolizist in Cam Ranh für zwei Jahre, seit 1996 lebt er in Vietnam. »Ich habe immer noch psychologische Probleme, aber ich fühle mich hier besser als in den Vereinigten Staaten. Ich erinnere mich an Ereignisse und Geschichten, die passiert sind, aber jetzt werden diese Erinnerungen von neuen und guten ersetzt.« Pressebild

Warum sind die Augen der Männer auf Ihren Porträts geschlossen?
Ich wollte, dass sie sich an einen Moment erinnern, der etwas für sie verändert hat. Das kann ein Zusammenbruch sein oder ein Moment der Erlösung. Ich habe sie gebeten, ihre Augen zu schließen und habe gewartet, bis sich in ihrem Gesicht etwas verändert – erst dann habe ich ausgelöst.

Die fotografierten Veteranen setzen sich heute für Kriegsgeschädigte ein, Sie bezeichnen sie als Anti-Kriegs-Aktivisten. Ist das ein Streben nach Sinn – oder Sühne?
Ich glaube, das ist eine Mischung aus beidem, aber vor allem ein Streben nach Sinn. Denn was ihnen passiert ist, ergab für sie am Ende keinen Sinn. Sie wurden als junge Männer in einen Krieg geschickt, der mit ihnen selbst nichts zu tun hatte. Man sagte ihnen, sie kämpften für ihr Land, sie seien die Söhne Amerikas – und als sie zurückkehrten, wurden sie mit ihren Erfahrungen allein gelassen.

Inwiefern?
Sie durften nie über ihre Erfahrungen in Vietnam sprechen, so als wäre das alles nicht passiert. Viele der Männer kehrten in die USA zurück und fingen an zu trinken, Drogen zu nehmen, waren schlechte Familienväter. Als sie älter waren, in Rente gingen, die Familie vielleicht aus dem Haus war und sie anfangen mussten, sich mit ihren Problemen zu beschäftigen, haben viele von ihnen Suizid begangen. Es ist doch fatal, seine Staatsbürger in einen Krieg zu schicken und dann nicht weiter mit ihnen zu arbeiten.

Ist das in Vietnam besser gelungen?
Ja, und das lag auch daran, dass in der vietnamesischen Kultur das Verzeihen eine sehr große Rolle spielt, unter anderem durch den Buddhismus. Als der Krieg vorbei war, konnten die meisten Veteranen in ihre Dörfer zurückkehren, sie wurden wertgeschätzt und ihnen wurde geholfen. Alle Vietnamesen, mit denen ich mich unterhalten habe, verzeihen den Amerikanern komplett.

Alte Militär-Gegenstände wurden nach dem Krieg gefunden und aufgehoben.
Alte Militär-Gegenstände wurden nach dem Krieg gefunden und aufgehoben. Pressebild
Sie zeigen wie viel Zeit seit dem Kriegsende vergangen ist.
Sie zeigen wie viel Zeit seit dem Kriegsende vergangen ist. Pressebild
Diese Uniform-Teile und Waffen dekorieren ein Regal in einem Pub in der Nähe eines alten Militär-Stützpunktes.
Diese Uniform-Teile und Waffen dekorieren ein Regal in einem Pub in der Nähe eines alten Militär-Stützpunktes. Pressebild

Ist es diese Kultur des Verzeihens, die die Traumabewältigung im ehemaligen Kriegsgebiet überhaupt möglich macht?
Ja, ich glaube, nur so können beide Parteien darüber hinwegkommen. Ich habe auch jüngere Veteranen getroffen, die zum Beispiel im Irak oder in Afghanistan waren. Sie hatten die gleichen Probleme und dasselbe Leid in den Augen wie die alten Männer. Sie hofften, dass sie irgendwann das Gleiche tun können wie die US-Veteranen, die nun in Vietnam leben. Einer der drei US-Veteranen, David Clark, vergleicht sein Trauma mit der Suche nach einem Parkplatz: »Es ist, als suche man einen freien Platz in einem Parkhaus, aber es gibt keinen. Das Parkhaus ist dein Kopf, und die Kreise, die das Auto dreht, sind die schrecklichen Gedanken darin, die niemals aufhören.«

Haben Sie das Gefühl, Ihre Porträtierten haben nun einen Parkplatz für ihre Erfahrungen gefunden?
Irgendwie schon, aber nur solange sie in Vietnam sind. Sie haben immer noch Albträume und Momente, in denen es ihnen nicht gut geht, vor allem an Jahrestagen. Sie haben ihren Frieden gefunden, aber eine richtige Heilung von posttraumatischer Belastungsstörung ist eine Mammutaufgabe – vor allem, wenn das Erlebte vierzig Jahre lang nicht aufgearbeitet wurde.

David, US-Veteran, hätte 1968 niemals geglaubt, dass er Jahre später sein Leben mit einer vietnamesischen Frau teilen würde.
David, US-Veteran, hätte 1968 niemals geglaubt, dass er Jahre später sein Leben mit einer vietnamesischen Frau teilen würde. Pressebild
Bill, US-Veteran, bereut seine Taten aus dem Krieg. Obwohl er die Zeit nicht zurückspulen kann, schafft er es manchmal innezuhalten und die Vergangenheit für einen Moment zu vergessen. »Manchmal muss man anhalten und die Blumen riechen«.
Bill, US-Veteran, bereut seine Taten aus dem Krieg. Obwohl er die Zeit nicht zurückspulen kann, schafft er es manchmal innezuhalten und die Vergangenheit für einen Moment zu vergessen. »Manchmal muss man anhalten und die Blumen riechen«. Pressebild
Ho-Chi-Minh City, wie die größten Teile Vietnams, entwickelt sich in großen Fortschritten seitdem der Krieg vorbei ist.
Ho-Chi-Minh City, wie die größten Teile Vietnams, entwickelt sich in großen Fortschritten seitdem der Krieg vorbei ist. Pressebild
Gemeinsam mit amerikanischen Spezialisten und vietnamesischen Doktoren wurde im nationalen Kinder Krankenhaus in Vietnam ein Programm entwickelt, dass Kindern mit Geburtsfehlern hilft.
Gemeinsam mit amerikanischen Spezialisten und vietnamesischen Doktoren wurde im nationalen Kinder Krankenhaus in Vietnam ein Programm entwickelt, dass Kindern mit Geburtsfehlern hilft. Pressebild
Mehr als 20.000 Kindern wurde durch das Programm geholfen.
Mehr als 20.000 Kindern wurde durch das Programm geholfen. Pressebild
Auf einer Autobahn in der Nähe von Ho-Chi-Minh trifft man auf eine Kopie der Freiheitsstatue. Amerika hat den Krieg verloren, die amerikanische Kultur hat sich jedoch durchgesetzt.
Auf einer Autobahn in der Nähe von Ho-Chi-Minh trifft man auf eine Kopie der Freiheitsstatue. Amerika hat den Krieg verloren, die amerikanische Kultur hat sich jedoch durchgesetzt. Pressebild
Das Zentrum der Opfer des Agent Orange Nervengases, das während dem Krieg als Waffe gegen Feinde verwendet wude, in Da Nang (DAVA) kümmert sich um Menschen, die unter Nachwirkungen des Gases leiden.
Das Zentrum der Opfer des Agent Orange Nervengases, das während dem Krieg als Waffe gegen Feinde verwendet wude, in Da Nang (DAVA) kümmert sich um Menschen, die unter Nachwirkungen des Gases leiden. Pressebild
Phuong Nguyen (39), ein Opfer des Agent Orange Nervengases, arbeitet im DAVA Zentrum.
Phuong Nguyen (39), ein Opfer des Agent Orange Nervengases, arbeitet im DAVA Zentrum. Pressebild
Hinter Phuong sitzt der US-Veteran Matthew. Die Betroffenen helfen sich gegenseitig, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Hinter Phuong sitzt der US-Veteran Matthew. Die Betroffenen helfen sich gegenseitig, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Pressebild
Westliches Essen und Fast Food geben den US-Veteranen in Vietnam ein Gefühl von Sicherheit.
Westliches Essen und Fast Food geben den US-Veteranen in Vietnam ein Gefühl von Sicherheit. Pressebild
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