Neue Fotografie»Der traditionelle Fischfang ist vom Aussterben bedroht«

Lesezeit: 2 Min.

»Sea Never Dry« ist eine afrikanische Redewendung und der Titel von Miriam Klingls Arbeit. Sie besagt, dass das Meer niemals leer an Fischbeständen ist und den Menschen ihre Lebensgrundlage bleibt. Doch seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall.
»Sea Never Dry« ist eine afrikanische Redewendung und der Titel von Miriam Klingls Arbeit. Sie besagt, dass das Meer niemals leer an Fischbeständen ist und den Menschen ihre Lebensgrundlage bleibt. Doch seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall. Pressebild

Vor der Küste Ghanas lässt sich beobachten, was für schlimme Folgen die Globalisierung haben kann. Die Fotografin Miriam Klingl hat Fischer besucht und auf See begleitet.

Interview: Michael Eham

Name: Miriam Klingl
Geboren: 1994 in Regensburg
Wohnort: Berlin
Ausbildung: zur Fotografin am Lette Verein Berlin und Studium zur Bildredakteurin an der Ostkreuzschule für Fotografie

SZ-Magazin: Was hat Sie am Thema der ghanaischen Fischer gereizt?
Miriam Klingl: Ghanas Küsten zählten Jahrhunderte lang zu den fischreichsten Gewässern der Welt. Die meisten Fischer übernahmen den Beruf ihrer Väter und Großväter, mussten in den letzten Jahrzehnten jedoch erkennen, dass der Beruf des Fischers immer härter wird und die Familien davon kaum noch leben können. Das ist ein warnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn unser Leben nur noch auf Konsum ausgelegt ist und wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, woher unsere Lebensmittel kommen.

So wie den Fischern in Ghana geht es vielen Landwirten auch, die von der Globalisierung betroffen sind. Was macht die Geschichte der Fischer in Ghana besonders?
Was mich schockiert hat, war die rasante Entwicklung in Ghana. Konnten die Fischer vor einer Generation noch halbwegs vom Fischfang leben, so haben sich viele der Kinder inzwischen entschieden, in die nächstgrößeren Städte zu ziehen, um dort in großen Fischfabriken zu arbeiten. Der traditionelle handwerkliche Fischfang ist vom Aussterben bedroht.

Welche Rolle spielen wir Konsumenten in Europa? Können wir die Situation der Fischer in Ghana oder allgemein der Bauern in afrikanischen Ländern beeinflussen?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man fast zu jeder Tages- und Jahreszeit erwartet, in den Supermarkt gehen zu können, um Fisch zu kaufen. Viel zu selten machen wir uns Gedanken darüber, wie das eigentlich funktionieren kann. Ein bewusster Konsum ist ein Schritt in die richtige Richtung – wir sollten uns fragen, woher unser Fisch kommt und wie er gefangen wurde.

Es sind nicht nur die Fischer allein, die bedroht sind. Wer hängt da noch alles dran, wenn die Fischer keine Fische fangen?
Zehn Prozent der ghanaischen Bevölkerung leben von der Fischerei. Damit sind natürlich nicht nur die Fischer gemeint, sondern zum Beispiel auch der Bootsbauer, der die Pirogen baut, die kleinen Fischerboote, die aussehen wie Nussschalen, oder die Frauen im Dorf, die den Fisch weiterverarbeiten und vor Ort verkaufen. Außerdem ist Fisch ganz wichtig für die Ernährung der Bevölkerung – durch die mageren Fänge steigen auch die Kosten für Fisch, so dass sich viele diesen nur noch selten leisten können.

Welche Begegnung in Ghana hat Sie besonders beeindruckt?
Besonders beeindruckend war der Tag, an dem ich die Fischer auf ihrer Fahrt begleiten durfte. Ich konnte miterleben, wie wichtig die Erfahrung der Fischer ist. Sie wussten genau, wonach sie Ausschau halten müssen. Das waren kleinste Auffälligkeiten auf der Wasseroberfläche, die ich selbst nicht erkennen konnte. Erst nach knapp elf Stunden hat sich was getan: Da haben sie das Netz zum ersten und zum letzten Mal an diesem Tag ausgeworfen. Mit einer enormen Kraftanstrengung haben die Fischer das Netz nach oben gezogen und dabei rhythmisch gesungen.

Gab es vor Ort auch Dinge, die Ihnen Hoffnung gemacht haben?
Hoffnung macht mir persönlich, dass immer mehr Menschen die Notlage der Fischer erkennen und Möglichkeiten entwickeln, um zu helfen. Ich war mit den Gründern des Projekts »Sea Never Dry« Jens Ole Mayer und Eric Lomo Asala vor Ort, um gemeinsam ein Crowdfunding-Video zu machen. Das Projekt möchte aus alten Fischerbooten Möbel bauen und mit Teilen des Gewinns die Fischercommunity vor Ort stärken. Das sind tolle kleine Projekte, solange sich jedoch auf globaler Ebene nichts ändert, wird sich die Situation weiter verschärfen. Durch die dauerhafte Überfischung durch internationale Fangflotten wird der Fischbestand sich weiter reduzieren. Bis zu 250 Tonnen Fisch am Tag werden auf den hochentwickelten Trawler gefangen und weiterverarbeitet, so viel fischt ein traditioneller Fischer in seinem ganzen Leben nicht.

Morgens um halb fünf beginnt der Arbeitstag für die Fischer. Vom Flussufer aus starten zahlreiche Boote auf das offene Meer. Nicht alle kommen mit einem Fang zurück.
Morgens um halb fünf beginnt der Arbeitstag für die Fischer. Vom Flussufer aus starten zahlreiche Boote auf das offene Meer. Nicht alle kommen mit einem Fang zurück. Pressebild
Die Fischer halten Ausschau nach kleinsten Veränderungen auf der Wasseroberfläche.
Die Fischer halten Ausschau nach kleinsten Veränderungen auf der Wasseroberfläche. Pressebild
Immer wieder schalten die Fischer den kleinen Außenbootmotor aus und horchen, ob Fische in der Nähe sind. Das kann Stunden dauern.
Immer wieder schalten die Fischer den kleinen Außenbootmotor aus und horchen, ob Fische in der Nähe sind. Das kann Stunden dauern. Pressebild
Nach mehr als zehn Stunden auf hoher See entschließen sich die Fischer, ihre Netze auszuwerfen. Ein einziges Mal an diesem Tag, denn mit jedem Wurf steigt die Gefahr, dass Netze beschädigt werden.
Nach mehr als zehn Stunden auf hoher See entschließen sich die Fischer, ihre Netze auszuwerfen. Ein einziges Mal an diesem Tag, denn mit jedem Wurf steigt die Gefahr, dass Netze beschädigt werden. Pressebild
Beim Einziehen der Netze singen die Fischer monotone und rhythmische Lieder, um im gleichen Takt zu arbeiten.
Beim Einziehen der Netze singen die Fischer monotone und rhythmische Lieder, um im gleichen Takt zu arbeiten. Pressebild
Ein Dutzend Fische sind das Ergebnis von 14 Stunden Arbeit. An manchen Tagen können die Fischer nicht einmal ihre Crew bezahlen. 
Ein Dutzend Fische sind das Ergebnis von 14 Stunden Arbeit. An manchen Tagen können die Fischer nicht einmal ihre Crew bezahlen.  Pressebild
Die kleinen, sardellen-ähnlichen Fische werden »Keta School Boys« genannt, da sie laut der Fischer wie aufgescheuchte Schuljungen in Schwärmen auftreten. Von den Frauen im Dorf werden sie getrocknet, um sie als Snack zu verkaufen.
Die kleinen, sardellen-ähnlichen Fische werden »Keta School Boys« genannt, da sie laut der Fischer wie aufgescheuchte Schuljungen in Schwärmen auftreten. Von den Frauen im Dorf werden sie getrocknet, um sie als Snack zu verkaufen. Pressebild
Trotz der anhaltenden Probleme ist die Stimmung im Dorf Ada Foah meist ausgelassen.
Trotz der anhaltenden Probleme ist die Stimmung im Dorf Ada Foah meist ausgelassen. Pressebild
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