NaturVor uns die Sintflut

Aus Heft 27/16

Lesezeit: 3 Min.

Ein mit Helm und Handschuhen ausgerüsteter Vulkanologe bringt am Merapi-Vulkan auf der Insel Java eine Messstation an, die Daten an ein Forschungszentrum in die nahe Stadt Yogyakarta sendet – so lassen sich die Ausbrüche vorhersagen. Der Lastenträger des Wissenschaftlers nimmt es mit der Schutzkleidung weniger genau.
Ein mit Helm und Handschuhen ausgerüsteter Vulkanologe bringt am Merapi-Vulkan auf der Insel Java eine Messstation an, die Daten an ein Forschungszentrum in die nahe Stadt Yogyakarta sendet – so lassen sich die Ausbrüche vorhersagen. Der Lastenträger des Wissenschaftlers nimmt es mit der Schutzkleidung weniger genau. Pressebild

Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüche: Kaum ein Land ist so gefährdet von Naturkatastrophen wie Indonesien. Wie gehen die Menschen mit dieser Bedrohung um? Eine Expedition in Bildern.

Von: Till Krause

D

Die Daten der Messstationen waren eindeutig: Der Merapi, ein knapp 3000 Meter hoher Vulkan auf der indonesischen Insel Java, würde im Oktober 2010 ausbrechen. Die Behörden ließen alle Dörfer im Umkreis von zehn Kilometern evakuieren, doch Mbah Maridjan, ein Greis von mehr als achtzig Jahren, blieb in seiner Hütte. Maridjan, den alle »Wächter des Berges« nannten, war Schamane und überzeugt davon, den Vulkan zu verstehen und seine Launen vorhersagen zu können. Er glaubte nicht an einen Ausbruch. Am 26. Oktober 2010 starben Maridjan und 15 seiner Getreuen, als der Vulkan glühende Asche auf die Hütte des Schamanen regnen ließ.

Doch der Wächter des Berges ist für die Einheimischen unsterblich: Maridjan ist ein Idol, jeder in der Gegend kennt den Mann, der sich dem Vulkan entgegenstellte und verlor. Der Schamane ist der wohl prominenteste Vertreter des traditionellen Umgangs der Indonesier mit den Naturkatastrophen, die seit Jahrhunderten das bevölkerungsreichste Land Südostasiens verwüsten – es ist eine Mischung aus Aberglaube und Schicksalsergebenheit. Ein Achselzucken der kleinen Menschen gegenüber der riesigen Natur, die mit Urgewalt ihr Revier verteidigt.

Die beiden deutschen Künstler Miguel Hahn und Jan-Christoph Hartung reisen seit Jahren um die Welt, um Menschen in extremen Situationen zu fotografieren. In Indonesien wollten sie erkunden, wie die Bewohner besonders betroffener Regionen mit der Gefahr von Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen umgehen. Und tatsächlich, der Glaube von Mbah Maridjan lebt in den Dörfern nahe der Vulkane fort, nicht nur am Merapi, auch am Ijen, einem anderen Berg, der regelmäßig Asche und Lava spuckt. Die Menschen dort müssen sich mit dem Vulkan arrangieren, die Böden nahe des Kraters sind besonders fruchtbar, außerdem lassen sich dort Schwefel gewinnen und wertvolle Baumaterialien aus Vulkangestein abtragen. »Viele Leute sehen in der Natur keine Gefahr, sie nehmen die Bedrohung als Teil des Lebens war«, sagt Miguel Hahn. In den örtlichen Sprachen heißt es nicht: »Der Vulkan bricht aus«, sondern: »Der Vulkan arbeitet«. Und wenn etwas oder jemand unter der Asche begraben wird, ist das eine Art Arbeitsunfall, schlimm, aber eben Schicksal.

Schamanen gibt es noch, ihr Wort wiegt in manchen Orten mehr als die Daten der Wissenschaftler. Deren Versuch, mit Sensoren, Seismografen und internationalen Forscherteams den Naturgewalten empirisch auf die Spur zu kommen, ist das Gegenteil der traditionellen Sichtweise, menschliche Sünden und nicht die ungünstige geografische Lage am Rand tektonischer Platten für die Naturgewalten verantwortlich zu machen. Durch einige Dörfer verlaufe ein regelrechter Spalt, berichten die Fotografen: Die einen glauben an die wehrhafte Natur, die anderen an die Daten der Forscher. Und beide Seiten denken übereinander: Mit diesen lächerlichen Mitteln soll man die Macht der Natur begreifen? Spiritualität versus Empirie, ein Konflikt, so alt wie die Menschheit.

Bei ihrer zweimonatigen Recherche in Indonesien ist den Fotografen noch ein weiterer Standpunkt aufgefallen: der von Touristen, die mit Jeeps auf die Vulkane gekarrt werden oder an tsunamigefährdeten Stränden mit All-inclusive-Cocktails in der Sonne liegen. Viele von ihnen kommen auch, um sich ein bisschen zu gruseln angesichts der latenten Gefahr, sie machen Selfies vor Warnschildern und wollen das traditionelle Wird-schon-werden-Gefühl der Indonesier spüren, zumindest für die Dauer der Ferien. Andererseits legen Besucher Wert auf das Gefühl, dass im Notfall alles gut vorbereitet ist.

Also haben die Indonesier für Touristen einen Kompromiss gefunden: Lässig zur Schau gestellten Gleichmut bei gleichzeitiger omnipräsenter Sicherheitssymbolik. Schilder zu Fluchtwegen und Unterständen sieht man überall, mancherorts gibt es alle paar Meter sogenannte Tsunami-Warnknöpfe, mit denen das Hotelpersonal Alarm auslösen kann – auch wenn Mitarbeiter den Fotografen erzählt haben, dass diese Schalter eher der Beruhigung der Gäste dienen als echtem Katastrophenschutz. Für Luxushotels gibt es sogar ein Zertifikat, das sie in ihre Kataloge drucken können: »Tsunami-Ready«. Die Touristen danken es ihnen, indem sie Vulkan-Souvenirs und anderen Katastrophen-Krimskrams kaufen. Besonders beliebt: T-Shirts mit dem Gesicht von Mbah Maridjan, dem toten Schamanen.

Fotos: Miguel Hahn und Jan-Christoph Hartung

Die Stadt Padang in West-Sumatra ist ständig von Erdbeben bedroht - ganz in der Nähe treffen tektonische Platten aufeinander.
Die Stadt Padang in West-Sumatra ist ständig von Erdbeben bedroht - ganz in der Nähe treffen tektonische Platten aufeinander. Pressebild
Der Tsunami-Notfallschalter befindet sich hinter dem Tresen einer Hotelbar mit guter Sicht auf den Ozean. Die Mitarbeiter sollen den Schalter drücken, wenn sie einen nahenden Tsunami sehen - dann geht ein Alarm los, und die Gäste sollen in Schutzräume fliehen. Bisher ist der Schalter unbenutzt.
Der Tsunami-Notfallschalter befindet sich hinter dem Tresen einer Hotelbar mit guter Sicht auf den Ozean. Die Mitarbeiter sollen den Schalter drücken, wenn sie einen nahenden Tsunami sehen - dann geht ein Alarm los, und die Gäste sollen in Schutzräume fliehen. Bisher ist der Schalter unbenutzt. Pressebild
Wie sehr die Erde beim Ausbruch des Merapi-Vulkans im Oktober 2010 in Aufruhr war, zeigen die Aufzeichnungen eines Seismografen aus dem Zentrum für Vulkanologie der Stadt Yogyakarta.
Wie sehr die Erde beim Ausbruch des Merapi-Vulkans im Oktober 2010 in Aufruhr war, zeigen die Aufzeichnungen eines Seismografen aus dem Zentrum für Vulkanologie der Stadt Yogyakarta. Pressebild
Bapak Gimin blieb beim Ausbruch des Merapi-Vulkans als einziger Bewohner seines Dorfes in seinem Haus. Zum Schutz wickelte er sich in eine Bambusmatte - so hatte es sein Großvater bei einem Ausbruch im Jahr 1930 getan und überlebt. Bapak Gimins Haus blieb dann ohnehin unbeschadet.
Bapak Gimin blieb beim Ausbruch des Merapi-Vulkans als einziger Bewohner seines Dorfes in seinem Haus. Zum Schutz wickelte er sich in eine Bambusmatte - so hatte es sein Großvater bei einem Ausbruch im Jahr 1930 getan und überlebt. Bapak Gimins Haus blieb dann ohnehin unbeschadet. Pressebild
Neben der wissenschaftlichen gibt es auch eine spirituelle Sicht auf die Gefahren der Natur. Der Schamane des Dorfes Banaran Keningar vertraut seinen Träumen, um Vulkanausbrüche vorherzusagen.
Neben der wissenschaftlichen gibt es auch eine spirituelle Sicht auf die Gefahren der Natur. Der Schamane des Dorfes Banaran Keningar vertraut seinen Träumen, um Vulkanausbrüche vorherzusagen. Pressebild
Für Touristen ist die Gefahr auch Nervenkitzel - sie posieren neben Warnschildern und schauen sich Autos an, die bei Erdbeben zerstört wurden.
Für Touristen ist die Gefahr auch Nervenkitzel - sie posieren neben Warnschildern und schauen sich Autos an, die bei Erdbeben zerstört wurden. Pressebild
Pressebild
Seit dem Tsunami 2004 tragen mehr Frauen ihren Hijab, die Moscheen finden Zulauf - auch weil sie oft die einzigen Gebäude waren, die dem Wasser standhielten.
Seit dem Tsunami 2004 tragen mehr Frauen ihren Hijab, die Moscheen finden Zulauf - auch weil sie oft die einzigen Gebäude waren, die dem Wasser standhielten. Pressebild
Auch Türme mit Alarmsirenen stehen zur Sicherheit bereit.
Auch Türme mit Alarmsirenen stehen zur Sicherheit bereit. Pressebild
Für den Schwefelabbau am Ijen-Vulkan schlagen Arbeiter mit Eisenpickeln das schwefelhaltige Gestein aus den Kratern. Dann tragen sie es in 80 Kilo schweren Körben ins Tal.
Für den Schwefelabbau am Ijen-Vulkan schlagen Arbeiter mit Eisenpickeln das schwefelhaltige Gestein aus den Kratern. Dann tragen sie es in 80 Kilo schweren Körben ins Tal. Pressebild
Aus alten Fässern haben sie eine Art Ofen gebaut, der den Schwefel erhitzt, damit er sich einfacher abtragen lässt.
Aus alten Fässern haben sie eine Art Ofen gebaut, der den Schwefel erhitzt, damit er sich einfacher abtragen lässt. Pressebild
Sprung in die Moderne - im Forschungszentrum der Vulkanologen in Yogyakarta, am Fuß des Merapi, arbeiten internationale Wissenschaftsteams mit Hightech an besseren Warnsystemen für Naturkatastrophen.
Sprung in die Moderne - im Forschungszentrum der Vulkanologen in Yogyakarta, am Fuß des Merapi, arbeiten internationale Wissenschaftsteams mit Hightech an besseren Warnsystemen für Naturkatastrophen. Pressebild
Für die Besitzer dieses Hauses auf der Insel Java bringen solche Systeme nichts mehr, es ist nach einem Erdbeben unbewohnbar geworden.
Für die Besitzer dieses Hauses auf der Insel Java bringen solche Systeme nichts mehr, es ist nach einem Erdbeben unbewohnbar geworden. Pressebild
Der Verkauf von Souvenirs bringt den Einheimischen am Merapi-Vulkan etwas Geld. Besonders beliebt sind solche Kunststoffvulkane.
Der Verkauf von Souvenirs bringt den Einheimischen am Merapi-Vulkan etwas Geld. Besonders beliebt sind solche Kunststoffvulkane. Pressebild
Bei den Schülern in Jim-baran auf der Insel Bali steht alle drei Monate eine Sicherheitsübung auf dem Stundenplan. Ein Teil der Klasse spielt dann Opfer, die gerettet werden müssen.
Bei den Schülern in Jim-baran auf der Insel Bali steht alle drei Monate eine Sicherheitsübung auf dem Stundenplan. Ein Teil der Klasse spielt dann Opfer, die gerettet werden müssen. Pressebild
Touristen machen Selfies vor einem Schild, das den Fluchtweg vor Tsunamis zeigt. Das Paar ist den Schildern später gefolgt, fand dabei aber keinen Schutzraum.
Touristen machen Selfies vor einem Schild, das den Fluchtweg vor Tsunamis zeigt. Das Paar ist den Schildern später gefolgt, fand dabei aber keinen Schutzraum. Pressebild
Mitglieder dieser Bereitschaftseinheit sieht man in Indonesien immer wieder: Sie sollen im Notfall Verschüttete bergen.
Mitglieder dieser Bereitschaftseinheit sieht man in Indonesien immer wieder: Sie sollen im Notfall Verschüttete bergen. Pressebild

Normalerweise arbeiten die beiden Fotografen lieber hinter der Kamera – doch in Indonesien mussten sie oft mit asiatischen Touristen für Selfies posieren. Bestes Bild: die beiden mit einer Gruppe, die sich jahreszeitbedingt als Weihnachtsmänner verkleidet hatte.

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