Jetzt, genau jetzt hätte sie auf die Toilette gemusst. In der Eiderlandhalle in Pahlen, tief im Kreis Dithmarschen versteckt, wird im Jahr 1999 die Musik runtergeregelt, dann das ausgemachte Zeichen: »Heute Abend bei uns zu Gast … KERSTIIIN OTT!!!!!« Mit knapp 2000 Menschen hat der Talentwettbewerb mehr Publikum angelockt als sonst die Dorfdiskothek »Pahlazzo« nebenan. Der Moderator Toni Tornado rauscht von der Bühne, dann beginnt der selbst geschriebene Song mit einem dreißigsekündigen Gitarrensolo. »Das Problem war, dass ich mir für das instrumentale Solo nichts überlegt hatte«, sagt Ott heute. »Ich stand einfach nur dreißig Sekunden da und habe auf den Boden geschaut.« Die Stimme zu blechern. Die Lichter zu grell. Zu allem Überfluss versagt auch das Feuerzeug, das sie im Mittelteil als Showeffekt schwenken wollte. Sie belegt Platz acht von zehn und schwört sich, nie wieder nach der Gitarre zu greifen, eine Bühne zu betreten, zu singen.
Musik40 Jahr, kurzes Haar
Aus Heft 10/22
Lesezeit: 12 Min.

Sie trägt weder enge Röcke noch Make-up. Dass sie homosexuell ist, hat sie nie verheimlicht. Und trotzdem wurde die Schlager-Sängerin Kerstin Ott zum Star – in einer der konservativsten Branchen des Landes. Wie ist ihr das gelungen?
Von Amonte Schröder-Jürss Fotos: Felix Adler
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