Glaubt man Kritikern, soll er sein wie seine Operninszenierungen: schräg, bunt und exzentrisch, zwischen Selbstinszenierung und Selbstentblößung schwankend, ein Pfau der Oper. Tatsächlich ist Barrie Kosky vor allem ein angenehmer Gesprächspartner, weil er ausspricht, was ihm durch den Kopf geht, auch heikle Dinge, auch Sätze, die nicht jedem gefallen. Das Interview findet auf Deutsch in seinem Büro statt. Schwarzes Ledersofa. Drum herum: Bücher, Libretti, Klavierauszüge. Kein Getränk. Als Intendant der Komischen Oper Berlin hat Kosky der Stadt ihre fast schon vergessene jüdische Kultur der 1920er- und 1930er-Jahre zurückgegeben, die Operette, das Musical, seitdem er in der Stadt ist, weht ein Hauch von Broadway durch Berlin-Mitte. Jetzt hört er auf, nach zehn wahnsinnig erfolgreichen Jahren. Ein Gespräch über alles, was diesen Mann ausmacht: seine Großmutter, seine Heimat Australien, Hunde, Schwulenclubs, Richard Strauss und deutsches Fernsehen.
Musik»Glauben Sie mir, jeder Jude hat Angst vor brüllenden Deutschen«
Aus Heft 25/22
Lesezeit: 13 Min.

Zehn Jahre lang war Barrie Kosky Intendant der Komischen Oper Berlin. Jetzt tritt er ab. Trotzdem haben wir mit ihm kaum über Abschied gesprochen – dafür umso mehr über Antisemitismus, parfümierte Witwen und das hartnäckige Gefühl, ein Scharlatan zu sein.
Interview: Tobias Haberl Fotos: Urban Zintel