Mode»Nichts ist permanent«

Aus Heft 10/21

Lesezeit: 2 Min.

Hut als Federmäppchen, befüllt mit Büroutensilien, und Reiseweste mit Vorratsfächern, beides von Nicole McLaughlin. Blazer, Baumwollbluse und Kleid mit Lochmuster, alles von Dries Van Noten. Schwarze Schnürschuhe von Alexander McQueen.
Hut als Federmäppchen, befüllt mit Büroutensilien, und Reiseweste mit Vorratsfächern, beides von Nicole McLaughlin. Blazer, Baumwollbluse und Kleid mit Lochmuster, alles von Dries Van Noten. Schwarze Schnürschuhe von Alexander McQueen. Fotos: Estelle Hanania/M.A.P.; Make-up: Anthony Preel/Artlist Paris; Haare: Ciao Chenet/Bryant Artists; Models: Luna Kozaczka @ Premium, Renata Scheffer @ The Claw; Fotoassistenz: Laurent Chouard, Daria Svertilova; Styling-Assistenz: Pauline Barnhusen; Casting: Benedikt Hetz for Piotr Chamier Casting

Der Ohrring war mal ein Filzstift, der Anglerhut ist zugleich ein Federmäppchen: Wir haben die Mode der Saison mit kuriosen Fantasiekreationen kombiniert – und mit der New Yorker Designerin Nicole McLaughlin über die Upcycling-Bewegung gesprochen.

Designkonzept: Nicole McLaughlin Fotos: Estelle Hanania Styling: Samira Fricke Interview: Mareike Nieberding

Die New Yorker Designerin Nicole McLaughlin erzählt, warum sie aus Fusselrollen Absätze macht.

SZ-Magazin: Für unsere Modebilder haben Sie aus einer Zitronenpresse einen BH gebastelt und einen Filzstift in einen Ohrring verwandelt. Wann fingen Sie an, aus Alltagsgegenständen und manchmal auch aus Müll Mode zu machen?
Nicole McLaughlin: Mit 22, kurz nach meinem Grafikdesign-Studium, bekam ich einen Job bei Reebok. Damals war ich zum ers­ten Mal mit den riesigen Material­mengen konfrontiert, die in der Mode anfallen. Mein Schreibtisch quoll permanent über von Schuh­mustern und Stoffproben, die wenig später einfach verbrannt wurden. Also begann ich, diesen Müll in meiner Freizeit mit anderen Dingen zu kombinieren, die ich zu Hause herumliegen hatte oder in Secondhand-Läden fand, und machte daraus etwas Neues.

Was war Ihr erstes Objekt?
Nicht das erste, aber eines der ers­ten war ein Schuh, den ich aus einem Volleyball geformt hatte. Dieser Schuh war wichtig für mich, weil mir danach klar war: Wenn man aus einem Volleyball einen Schuh machen kann, ist alles möglich!

Sie nennen das, was Sie machen, Upcycling. Wo ist der Unterschied zum Recycling?
Die Grenzen sind fließend, aber für mich ist es Recycling, wenn ich eine Plastikflasche in die richtige Tonne werfe, damit sie jemand anderes recycelt. Up­cycling ist es, wenn ich für die Plastikflasche eine neue Bestimmung finde, zum Beispiel als Sitzfläche für einen Stuhl.

Welche Werkzeuge brauchen Sie für Ihre Kreationen?
Scheren, eine Nähmaschine, Stecknadeln, ein Bastelmesser, Lineal und Bleistift, Kaffee und eine offene Einstellung.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit?
Es ist schwer, an Materialien zu kommen. Ich arbeite nun oft mit dem, was ich zu Hause finde: mit Verpackungen, Essbarem, letztens habe ich einen Handschuh aus Brot gemacht. Danach habe ich den Handschuh zum Frühstück gegessen, eigentlich das ultimative Upcycling.

Viele der Dinge, die Sie herstellen, sind nicht wirklich tragbar. Trotzdem orientieren Sie sich im weitesten Sinne an Kleidungsstücken. Warum?
Weil mein Körper eigentlich mein wichtigstes Werkzeug ist. Ich drapiere alles an mir selbst, um zu sehen, welche Formen Materialien wie alter Teddyfleece, Duftbäume oder eben eine Zitronenpresse annehmen und ergeben können. Eigentlich sind meine Sachen schon dazu da, getragen zu werden. Allerdings nehme ich die meisten von ihnen bald wieder auseinander, um die Einzelteile weiterzuverwenden. Manchmal kommt es mir vor, als arbeitete ich in einer ewigen Schleife, einiges upcycle ich schon seit Jahren. Aber darum geht es mir: den Dingen immer wieder eine neue Funktion und Gestalt zu geben und sie so wirklich nachhaltig zu machen.

Wie hat das Ihren Blick auf die Welt verändert?
Es hat mir gezeigt, dass nichts permanent ist. Jeder einzelne Gegenstand hat das Potenzial, etwas ganz anderes zu sein, man muss nur genau hinschauen. Ein bisschen wie beim Puzzeln.

Was halten Sie von den Anstrengungen, die viele Modefirmen unternehmen, um ihre Produkte umweltfreundlich zu machen?
Recycelte Baumwolle und Leder aus Pilzen oder Ananas sind toll, aber ich finde, sie lenken zu sehr vom eigentlichen Problem ab: dem Müll. Die Modebranche ist einer der weltweit größten Müllproduzenten. Leider sehe ich zu wenige ernsthafte Versuche, daran tatsächlich etwas zu ändern.

Was müsste denn passieren, damit sich was ändert?
Es müsste von vornherein weit weniger produziert werden. Firmen müssten die Lebensdauer von Kleidungsstücken radikal verlängern. Einige Marken bieten Rücknahmeprogramme für gebrauchte Kleidung an, das finde ich gut. Und natürlich tragen auch wir Käuferinnen und Käufer eine Verantwortung. Aus Einkaufen und Wegwerfen müssen Ändern und Reparieren werden.

Wie können Ihre Kreationen dabei helfen?
Viele Leute reden ungern über Nachhaltigkeit, weil das Thema so persönlich ist. Ich möchte, dass diese Leute meine Sachen sehen und denken: Das sieht lustig aus! Das kann ich auch! Und so Gespräche in Gang bringen. Denn wir müssen diese schwierigen Gespräche führen, ob wir wollen oder nicht.

Slipper »Gardening« mit Karabinerhaken und Fächern für Werkzeug, von Nicole McLaughlin. Grünes Kleid aus Frottee, von Bottega Veneta.
Slipper »Gardening« mit Karabinerhaken und Fächern für Werkzeug, von Nicole McLaughlin. Grünes Kleid aus Frottee, von Bottega Veneta. Estelle Hanania
Gelbe Zitronenpressen als BH »The Little Squeeze«, von Nicole McLaughlin. Rollkragenoberteil mit Lochmuster und graue Midiröcke, alles von Prada.
Gelbe Zitronenpressen als BH »The Little Squeeze«, von Nicole McLaughlin. Rollkragenoberteil mit Lochmuster und graue Midiröcke, alles von Prada. Estelle Hanania
Großer Schlapphut aus SZ-Magazin-Covern und schwarze Slipper aus Nikon-Kameragurten, beides von Nicole McLaughlin. Gestreiftes Lurexkleid mit Volants, von Loewe. Socken von Falke.
Großer Schlapphut aus SZ-Magazin-Covern und schwarze Slipper aus Nikon-Kameragurten, beides von Nicole McLaughlin. Gestreiftes Lurexkleid mit Volants, von Loewe. Socken von Falke. Estelle Hanania
Bluse, Shorts und Slipper »Rimowa Lining Playsuit« aus dem Innenfutterstoff eines Rimowa-Koffers, alles von Nicole McLaughlin. Rote Socken von Falke.
Bluse, Shorts und Slipper »Rimowa Lining Playsuit« aus dem Innenfutterstoff eines Rimowa-Koffers, alles von Nicole McLaughlin. Rote Socken von Falke. Estelle Hanania
Ohrring »Little Red« mit Filzstift als Anhänger, von Nicole McLaughlin. Rot-weiß gestreiftes Kleid aus Leinen, von Marni.
Ohrring »Little Red« mit Filzstift als Anhänger, von Nicole McLaughlin. Rot-weiß gestreiftes Kleid aus Leinen, von Marni. Estelle Hanania
Ohrring »Flossy« mit Zahnseide als Anhänger, von Nicole McLaughlin. Braun plissiertes Stehkragenoberteil, von Halo Labels. Kleines Bild rechts unten: Schwarzer Schuh »Lint Roll-On-The-Go« mit Fusselrollenabsatz, von Nicole McLaughlin. Stiefelette aus Leder, von Salvatore Ferragamo.
Ohrring »Flossy« mit Zahnseide als Anhänger, von Nicole McLaughlin. Braun plissiertes Stehkragenoberteil, von Halo Labels. Kleines Bild rechts unten: Schwarzer Schuh »Lint Roll-On-The-Go« mit Fusselrollenabsatz, von Nicole McLaughlin. Stiefelette aus Leder, von Salvatore Ferragamo. Estelle Hanania
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