Literaturmy heart is full now

Aus Heft 34/19

Lesezeit: 12 Min.

Ihr erster Roman  Axolotl Roadkill  erschien 2010, da war Helene Hegemann 18, hatte bereits ein Theaterstück und ein Drehbuch geschrieben, Regie geführt und in einem Film mitgespielt. Ihr dritter Roman  Bungalow , ein fast dystopisches Sozialdrama, schaffte es 2018 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.
Ihr erster Roman Axolotl Roadkill erschien 2010, da war Helene Hegemann 18, hatte bereits ein Theaterstück und ein Drehbuch geschrieben, Regie geführt und in einem Film mitgespielt. Ihr dritter Roman Bungalow, ein fast dystopisches Sozialdrama, schaffte es 2018 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Foto: Carl Hanser Verlag

Das SZ-Magazin hat fünf Schriftstellerinnen und Schriftsteller um eine Kurzgeschichte zu einem Foto gebeten. Im Text von Helene Hegemann stehen Alkohol und Drogen auf der einen, eine aussichtslose Liebe auf der anderen Seite.

Von Helene Hegemann

A

Anyway, wir sind jetzt in Ostdeutschland, es gibt keine Autobahnabfahrt. Die Menschen brauchen fünfzig Minuten in die Stadt. Mit dem Begriff »Stadt« ist hier die geografische Mitte der Kleinstadt gemeint, in deren Nähe sich ihr See befindet. Sie leben am Ostufer. Manche von ihnen haben Geld, manche nicht. Man sieht hier keinem die Höhe seines Jahreseinkommens an. Am stärksten regnet es im Mai. Eine Ansammlung von nicht zu Ende verputzten Häusern, dazwischen Trampelpfade aus Schlamm, die paar Wochen später trocknen und zu Staub zwischen meterhoher Wiese werden. Jetzt ist Juni. Dann glüht das Kaff in der Sonne. Und die Tiere kommen. Und die Menschen beginnen eine Art unsystematische Niedergeschlagenheit zu spüren, die wenig mit dem zu tun hat, was sie als Gefühl bezeichnen würden. Die Zecken sind klein, die Wildschweine riesig, sehen aus wie bekiffte Zeppeline. Das Erste, was dem Mann zu denen einfällt, ist die Karosserie des Mitsubishis seiner Mutter, Schrottpresse, er hat mit 16 be­soffen einen Frischling angefahren. Die Beule vom Aufprall galt als wirtschaftlicher Totalschaden. Das Gras geht ihm bis zum Bauchnabel. Eins der Wildschweine liegt zehn Meter vor ihm. Er hat es zuerst für eine Regenjacke gehalten. Das zweite kommt von hinten auf ihn zugaloppiert, der Kopf ist ein bisschen dreieckig. Der Mann spürt den Trampelpfad vibrieren. Als er sich zu dem rennenden Wildschwein umdreht, bremst es. Es starrt ihn an und atmet aus, nach fünf Sekunden hört der Mann sich kreischen, auf eine Weise, die nach Tierkindern auf der Schlachtbank klingt. Er holt Luft, rennt den Hang hoch und auf die dahinterliegende Straße. Die Straße ist scheiße gepflastert. Sie führt zu dem Haus, in dem Dustin und die Jungs wohnen. Der Mann weiß, was ihn erwartet, irgendwer hat Geburtstag. Wasserpfeife aus Gartenschläuchen, sonnenverbrannte Typen auf Speed. Antifa-Sticker neben Hakenkreuzen auf schwarz lasiertem Pressholz – vermutlich wird jemand zu Hardrock unter einer Plane grillen. Er klopft sich den Dreck vom gelben Anzug. Der Mann ist 19 Jahre alt. Er hat zwei ­Geschwister und heißt Minute. Seine Geschwister sind noch klein. Die Sonne ist blutrot. Als er vor Dustins Haus ankommt, ist sie weg.

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