LiteraturPetja hat der Hund gebissen

Aus Heft 34/22

Lesezeit: 9 Min.

Foto: Susanna Hofer

»Zu verkaufen: Babyschuhe, nie getragen«. Die kürzeste Geschichte der Welt, aber noch ziemlich viel Interpretationsspielraum. Wie haben vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten, ihn zu füllen. Hier schreibt Sasha Filipenko im Zeitraffer über ein Leben in der Sowjetunion.

Von Sasha Filipenko

P

Papa wird am 7. November 1937 geholt. Ich liege auf dem Rücken – ich bin genau ein Jahr alt. Onkel Petja, der bei uns in der Kommunalka wohnt, klopft an. Er erhebt einen Anspruch auf unser Zimmer und, wie sich später zeigt, auf Mama. Der Nachbar lächelt. Mama sagt sich vom Volksfeind los, und die ersten vier Jahre meines Lebens halte ich Onkel Petja für meinen Vater. Mit achtzehn werde ich erfahren, dass Papa am Leben ist. Eine Woche sitzt er in der Todeszelle, einen Monat auf den Solowezki-Inseln, dann kommt er frei. Irgendeine Schauspielerin hat sich für ihn eingesetzt. Eine berühmte. Persönlich. In Stalins Kabinett. Papa wird von dem Verrat erfahren und nie mehr nach Hause kommen.

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