Die Sonne schien zum offenen Autofenster herein, und das Wasser der Bucht, die Katherine entlangfuhr, blitzte und funkelte; was für ein strahlender Tag es war! Katherine Caskey war fünfundfünfzig und arbeitete für den Sozialdienst des örtlichen Krankenhauses, sprich, sie sorgte dafür, dass die entlassenen Patienten die medizinische Nachsorge bekamen, die sie brauchten. Keine ganz leichte Aufgabe in dem Städtchen Crosby in Maine; hier fanden sich nur schwer Leute, die die Patienten zu Hause betreuten, es gab nicht genug Pflegekräfte in der Gegend, und das machte es oft mühsam für Katherine. Aber sie war mit Geduld gesegnet, und sie meinte es gut mit den Menschen. Letzteres war ihr vielleicht in die Wiege gelegt, und durch gewisse Probleme in ihrer Jugend, den Tod ihrer geliebten Mutter, als Katherine erst fünf war, und die Verantwortung, die sie ab da für den Vater und die kleine Schwester empfunden hatte – sagen wir so, Geduld war etwas, worin Katherine sich jetzt schon sehr lange übte, und das schätzten die Leute an ihr. Sie war eine nett aussehende Frau, nicht zu mager und nicht zu plump, mit Haaren, die sie kastanienbraun tönte, die Haarfarbe ihrer Mutter; sie hatte auch die großen braunen Augen ihrer Mutter geerbt. Ein klein wenig kam es Katherine (im Geheimen) so vor, als wäre ihre Mutter noch bei ihr. Das Gefühl hatte sie, seit ihre Mutter gestorben war, und ganz hatte es sie nie verlassen.
LiteraturZu schnell
Aus Heft 34/22
Lesezeit: 10 Min.

»Zu verkaufen: Babyschuhe, nie getragen«. Die kürzeste Geschichte der Welt, aber noch ziemlich viel Interpretationsspielraum. Wie haben vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten, ihn zu füllen. Hier schreibt Elizabeth Strout über eine Frau, die zum Kardiologen will und einen Autounfall beobachtet.
Von Elizabeth Strout
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