LiteraturDer Stoff, auf dem die Träume sind

Aus Heft 17/24

Lesezeit: 2 Min.

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Popstars, Bands, Filme, alles gibt es als T-Shirt. Aber warum keine Klassiker der Weltliteratur? Wir hätten da ein paar Vorschläge.

Text: Max Fellmann Shirts: Sebastian Haslauer Stephan Katz und Jonas Natterer

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Das Buch ist »die Axt für das gefrorene Meer in uns«. Hat Franz Kafka geschrieben. Vor hundert Jahren ist er gestorben, deshalb ist seit ­einiger Zeit alles voll mit Erinnerungsartikeln. Aber laufen die Menschen jetzt mit Kafka-T-Shirts rum? Nö. Warum eigentlich nicht? Warum hat sich das Fan-Shirt im Bereich der Literatur nie durchgesetzt? Alles andere, womit Menschen sich im weitesten Sinne identifizieren, ist shirtreif. Taylor-Swift-Pullis, klar. Star-Wars-Shirts, überall. Bands, Filme, Sportvereine sowieso. Auch Städte, Regionen, Urlaubsziele. Und politische Ansichten, inzwischen sogar von Modefirmen (»Dior – We should all be feminists«).

Jeder Bereich des Lebens, über den sich irgendjemand definiert, ist ungefähr eine Minute nach der Erfindung des T-Shirts zum Aufdruck geworden. Ich bin alt und hartgesotten? Schau mal, mein Motörhead-Shirt. Ich bin jung und frei? Hier, Lizzo auf der Brust. Das richtige Musik-Shirt im richtigen Moment kann Freundschaften begründen. Hey, du magst dieselbe Band wie ich? Lass uns gemeinsam in den Sonnenuntergang spazieren!

Genauso können T-Shirts unüberbrückbare Gräben anzeigen. Als Kendall Jenner, die zweitjüngste Schwester aus dem Kardashian-Clan, vor ein paar Jahren beharrlich mit einem Slayer-Shirt rumlief, reagierte Gary Holt, der Slayer-Gitarrist, ungnädig – er trug bei Konzerten fortan ein T-Shirt mit der Aufschrift »Kill The Kardashians«.

T-Shirts zeigen Flagge. Aber: Eine ganze Generation hat sich über den Fänger im Roggen definiert. Hat den jemals jemand als T-Shirt getragen? George Orwells 1984 hat für viele Menschen die Grundängste der Gegenwart auf den Punkt gebracht. Aber sieht man jemals jemanden mit einem 1984-Shirt? Das richtige Buch im richtigen Moment kann für ein Lebensgefühl so prägend sein wie eine Platte oder ein Film. Zum Hemd reicht es trotzdem nie.

Na gut, es gibt praktische Erwägungen. Bei Popstars kann man ein Gesicht aufs Shirt drucken, und jeder weiß Bescheid. Bei Bands sind es bekannte Schriftzüge. Aber in der Literatur ist das Besondere und besonders Schöne ja, dass so vieles der eigenen Vorstellung überlassen bleibt. Wie der junge Werther aussehen mag? Wie viele Palmen es auf Robinson Crusoes Insel gab? In welcher finsteren Gegend das Kalkwerk steht? Das meiste findet nur in unseren Köpfen statt – oder in Verfilmungen (die sehr oft auch besser eine bloße Idee geblieben wären).

Vielleicht nur ein Traum, aber hübsch wäre das schon, eine Welt, in der Menschen ihre Lieblingsbücher auf der Brust tragen. Man träfe sich Montagfrüh im Büro an der Kaffeemaschine, und der erste Small-Talk-Satz wäre nicht: »Ah, am Samstag auf dem Depeche-Mode-Konzert gewesen?«, sondern: »Hey, wieder das ganze Wochenende am Ulysses rumgeknabbert?«

Manchmal ließe sich Kennertum zeigen, indem man  die eher unbeliebte Fortsetzung trägt.
Manchmal ließe sich Kennertum zeigen, indem man
die eher unbeliebte Fortsetzung trägt. Pressebild
In anderen Fällen würde schon ein Name genügen,   um eine existenzielle Aussage zu treffen.
In anderen Fällen würde schon ein Name genügen,
um eine existenzielle Aussage zu treffen. Foto: picture alliance/imageBROKER
Nach aktuellem Stand der Forschung hat die Autorin nie in einer Indie-Band gespielt. Der Hemdaufdruck wäre trotzdem perfekt.
Nach aktuellem Stand der Forschung hat die Autorin nie in einer Indie-Band gespielt. Der Hemdaufdruck wäre trotzdem perfekt. Pressebild
Foto: Getty Images
Foto: Getty Images
Wer zeigen will, dass er sich ein bisschen isoliert fühlt, kann  alte Radiohead-Shirts tragen – oder dieses T-Shirt.
Wer zeigen will, dass er sich ein bisschen isoliert fühlt, kann
alte Radiohead-Shirts tragen – oder dieses T-Shirt. Pressebild
Mit diesem Hemd kann man Freunde vor die Fragestellen:   Wer war da noch mal Autorin und wer Titelfigur?
Mit diesem Hemd kann man Freunde vor die Fragestellen:
Wer war da noch mal Autorin und wer Titelfigur? Foto: Getty Images
Manchmal gilt: düsteres Werk, trotzdem süßes Hemd.
Manchmal gilt: düsteres Werk, trotzdem süßes Hemd. Pressebild
Und hier und da bräuchte es nicht mal mehr den Autor.
Und hier und da bräuchte es nicht mal mehr den Autor. Foto: Getty Images/Cavan Images RF
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Illustration: Grafilu

hat jahrelang davon geträumt, mit Literatur-T-Shirts einen Verkaufsschlager zu landen. Ihm fehlt jedoch jeglicher Geschäftssinn. Deshalb ist er seinem Kollegen, dem Grafiker Jonas Natterer, sehr dankbar, dass der ihm den Traum wenigstens hier auf dem Papier mal erfüllt hat.

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